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Trotz allem glücklich arbeiten

Drei Faktoren haben unsere Arbeitswelt innerhalb relativ kurzer Zeit stark verändert: die Globalisierung, die Liberalisierung der Märkte sowie die Digitalisierung. Für viele Menschen ist nichts Gutes daraus entstanden. Wenn man Menschen über ihre Arbeit sprechen hört, dann gibt es sehr viel mehr Klagen als Jubel. Zahlreiche Studien belegen die Misere Jahr für Jahr aufs Neue. So erbrachte beispielsweise die Bevölkerungsbefragung der ManpowerGroup Deutschland 2017, dass nur 55% der Beschäftigten mit ihren Arbeitsbedingungen zufrieden sind. Die Gallup Engagement Studie belegt alljährlich aufs Neue, dass die Menschen sich immer weniger ihrem Arbeitgeber verbunden fühlen und weit davon entfernt sind, sich mit den Unternehmenszielen zu identifizieren. Der AOK Fehlzeiten Report sowie der DAK-Gesundheitsreport belegen die Folgen menschenfeindlicher Arbeitsbedingungen für die Gesundheit. Zahlreiche andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Die Menge der verordneten Psychopharmaka hat sich zwischen 2008 und 2013 angeblich mehr als verdoppelt. Es gibt noch etliche andere Indikatoren für das weitverbreitete Unglück am Arbeitsplatz…

Das sind bedrückende Zustände. Bedauerlicherweise besitzt keiner von uns die Macht, – ganz gleich, an welcher Stelle er in irgendeiner Hierarchie (ob Wirtschaft oder Politik) sitzen mag – das Steuer herumzureißen. Längst hat sich in der Wirtschaft eine Eigendynamik entwickelt. Wie schützen wir uns davor? Wie schaffen wir es, trotz allem ein gesundes und sogar erfülltes Arbeitsleben zu führen?

Ich behaupte, dass das durchaus möglich ist. Denn das Glück besitzt schließlich immer die Qualität des Trotzdem. Die Umstände werden nie perfekt sein. Ob im Privat- oder Berufsleben – es gibt immer etwas, das uns nicht gefällt und das wir gerne anders hätten. Glück ist, wenn man sich trotzdem freut. Und das ist letzten Endes eine Fertigkeit, die sich entwickeln und kultivieren lässt. In meinem neuen Buch gehe ich ausführlich auf die ungezählten Möglichkeiten ein, mit denen sich der Arbeitstag nicht nur besser durchstehen lässt, sondern sogar mit vielfältigen glücklichen Episoden bereichert werden kann. Der Leser erhält zahlreiche Anregungen, mit denen die eigene Arbeit zu einer positiven Erfahrung wird – trotz allem, was dagegen zu sprechen scheint. Es gibt tatsächlich viele Strategien, mit deren Hilfe wir die Arbeit genießen können statt uns frustriert und entmutigt zu fühlen. Arbeitsfreude ist keineswegs ein Glücksfall, sondern letzten Endes eine spezielle Lebenskunst.

Montagsblues

Wochenanfang. Wenn ich mich auf Facebook durch den Newsfeed scrolle, finde ich jeden Montag viele Posts, deren Verfasser bereits sehnsüchtig auf das kommende Wochenende warten. Sie geben ermutigende Durchhalteparolen aus für alle, die ebenso unlustig an ihre Arbeit gehen und es kaum erwarten können, dass der Freitag vor der Tür steht. Und ich denke mir: Ist euch eigentlich klar, was ihr da tut? Wie ihr eigenhändig eure Chancen auf ein glückliches Arbeitsleben mindert?

Den größten Teil unserer Wachzeit verbringen wir mit unserer Arbeit. Und meistens sogar den besten. Wenn wir gerade nicht am Arbeitsplatz sind, dann befinden wir uns auf dem Weg zur Arbeit oder auf dem Heimweg. Mental beschäftigen wir uns dabei sehr viel mit den Vorgängen, die mit unserer Arbeit verbunden sind, wir denken an unsere Aufgaben, an die Menschen, mit denen wir dort zu tun haben, an unsere Rolle, die wir dort spielen usw. Wir schalten nicht einfach ab, wenn wir nach Hause kommen. Viele verfolgt das Arbeitsgeschehen sogar bis in den Schlaf (wenn sie denn überhaupt welchen finden können). Wie leichtfertig, die Zeit am Arbeitsplatz als etwas zu betrachten, das man überstehen muss, damit anschließend das gute Leben beginnen kann!

Arbeitszeit ist Lebenszeit und will gestaltet werden. Wir brauchen den Gestaltungsprozess, um uns als Menschen vervollkommnen zu können. Indem wir uns einlassen, können wir uns selbst erfahren und wachsen. Arbeit bedeutet nicht nur Aufgabengestaltung und Kompetenzerweiterung, sondern eben auch Persönlichkeitsentwicklung. All jene, die täglich auf den Feierabend warten, bringen sich selbst um diesen Gewinn. Sie überlassen das Steuer anderen und verhalten sich wie hilflose Opfer, wie Ausgelieferte, die alles über sich ergehen lassen müssen und nur darauf hoffen, möglichst bald zu entkommen.

Und noch etwas anderes macht die Arbeitsunlust gefährlich: Denn wir erleben für gewöhnlich genau das, was wir erwarten. Wer überzeugt ist, am Arbeitsplatz Negatives zu erleben, der wird Anlass zum Klagen bekommen – auch wenn die Urheberschaft all der negativen Erfahrungen nicht unbedingt jedem Urheber bewusst sein mag. Aber wer Schlimmes erwartet, stellt unbewusst selbst die Weichen dafür.  „Achte auf deine Gedanken, sie sind der Anfang deiner Taten.“ Diese chinesische Weisheit gilt ganz gewiss auch für unseren täglichen Umgang mit der Arbeitswelt.

 

Schwarz oder weiß?

Während unseres Urlaubs in England wurde mir wieder einmal deutlich, wie sehr unser Wohlbefinden von unserer Wahrnehmung abhängt: Wir hatten ein Haus auf dem Land gemietet, zu dem ein riesiger Garten gehört, der von einer hohen Mauer umgeben ist. Haus und Garten weisen ein beträchtliches Alter auf und alle Familienmitglieder waren von der Atmosphäre begeistert. Die Ausstattung des Hauses ist einfach, aber wir kamen prima zurecht. Als mein Mann die Vermieterin nach dem Gästebuch fragte, weil er seine Zufriedenheit  dokumentieren wollte, erhielt er eine überraschende Antwort: Die Vermieterin erklärte nämlich, sie habe das Gästebuch versteckt, weil die Besucher sich immer über Kleinigkeiten beschwert hätten. Viele hätten irgendetwas vermisst und sich darüber ausgelassen – statt die Gesamtatmosphäre zu bewerten.

Ich erkenne darin ein Muster, das mir auch in der Arbeitswelt wieder und wieder begegnet: Man hält sich mit kleineren Unannehmlichkeiten auf, erlaubt ihnen, das Befinden zu bestimmen und verliert darüber das Ganze aus den Augen. Viele Beschäftigte lassen sich ganz leicht in Verwirrung stürzen, wenn man sie danach fragt, was das Gute an ihrer Arbeit wäre. Sie können das Gute nicht mehr sehen und schätzen, weil sie dem Negativen zu viel Raum geben.

Nun liegt es aber in unserem eigenen Ermessen, wie wir die Dinge bewerten und gewichten wollen. Wir werden letzten Endes ganz sicher immer Gründe finden, uns zu beklagen. Es ist aber nicht logisch und zwingend, dass diese Gründe über unser Wohlbefinden bestimmen. Es wäre ebenso gut möglich, dass wir uns stattdessen gezielt auf das Positive ausrichten. Ich kann in diesem Zusammenhang nur wieder einmal John Milton zustimmen: „Der Geist ist eine Welt für sich, in der die Hölle zum Himmel und der Himmel zur Hölle werden kann.“

So erfolgreich wie Lucy

Lucy ist unsere kleine einjährige Hündin, die Tochter rumänischer Straßenhunde. Sie ist quirlig, neugierig und immer gut drauf. Neulich habe ich ihr ein Intelligenzspielzeug für Hunde gekauft. Es handelt sich dabei um ein kreisförmiges Spielbrett mit sieben Vertiefungen, in die man kleine Leckereien hineinlegt. Anschließend werden die Vertiefungen auf dreierlei verschiedene Weise abgedeckt. Der Hund muss nun herausfinden, wie er an seine Leckereien herankommt und er muss dabei die drei verschiedenen Mechanismen nutzen.

Das ist nicht ganz einfach, aber Lucy schafft das erheblich schneller als die drei anderen Hunde unseres Rudels. Dabei sind die anderen älter und erfahrener. Wie macht Lucy das? Ganz einfach: Sie probiert in einem Affenzahn alles aus, was ihr einfällt. Sie nutzt dazu ihre Nase, ihre Zähne und ihre Pfoten. Sie hat keine Ahnung, wie die Mechanismen funktionieren, aber das hält sie nicht zurück. Sie legt einfach los. Und macht so lange weiter, bis kein einziges Stück Futter mehr übrig ist.

Offengestanden bewundere ich sie dafür. Denn ihr Ansatz ist erfolgreich. Sie findet ihre Leckereien, und zwar jedesmal und obendrein schnell. Ich kann nicht umhin, ihre Herangehensweise mit der von Menschen zu vergleichen. Dabei kommen wir Menschen nicht besonders gut weg. Wir experimentieren bei weitem nicht so selbstverständlich und munter. Wenn wir vor einem Problem stehen, das wir nicht durchschauen, dann analysieren wir es. Aber dabei stoßen wir mitunter an Grenzen. Und dann sind wir geneigt, das Problem (zumindest vorläufig) für nicht lösbar zu erklären, weil wir es nicht verstanden haben. Wir geben auf, verschieben die Sache womöglich auf unbestimmte Zeit. Und wir wollen auf keinen Fall scheitern. Das halten wir nicht aus. Wir denken, wir seien inkompetent, wenn wir nicht gleich Erfolg haben. Wir finden es peinlich, wenn andere sehen können, dass wir gescheitert sind. Darum experimentieren wir nicht fröhlich drauflos. Lucy macht sehr vieles falsch, wenn sie herumprobiert, wie sie an ihre Leckereien kommt. Aber das kümmert sie kein bisschen. Warum kümmert es uns so sehr? Sollten wir nicht vielmehr mit so viel Spaß und Mut an Neues herangehen wie die kleine Hündin? Was für Erfolge könnten wir dann feiern?! Aber wir sichern uns nach allen Seiten ab, wir wollen den Erfolg sofort oder gar nicht. Tatsächlich ist aber genau das der Unterschied zwischen den Erfolglosen und den Erfolgreichen: Letztere machen immer weiter und geben nicht auf, bis sie es geschafft haben.

Lebendig arbeiten!

Im Restaurant: Am Nachbartisch sitzen zwei Männer im vorgerückten Alter. Sie sprechen über den Ruhestand. Der eine meint: „Noch zwei Jahre. Dann hab ich’s geschafft!“ Der andere daraufhin: „Ich kann schon nächstes Jahr aufhören.“ Und der erste kommentiert: „Du hast es gut.“

Fast vergeht mir der Appetit. Ich fühle mich bedrückt. Was sind das für traurige Menschen am Nebentisch! Wie kann man so leben, frage ich mich. Da steht man morgens auf und sagt sich: „Ich gehe jetzt zur Arbeit und erwarte, bis zum Feierabend zu leiden.“ Und diese Menschen denken, sie müssten erst alt werden, damit endlich ihr Leben beginnen kann.

Ich verfluche den Begriff „Work-Life-Balance“ und die Wahrnehmung dahinter. Nein, es gibt keine Zweiteilung in unserem Leben! Das Leben findet jeden Augenblick statt und will gestaltet werden. Arbeit ist genauso Leben wie die Freizeit. Und wer, wie diese beiden Männer, glaubt, er würde in einem Käfig stecken und deshalb darauf wartet, dass ihm endlich mal die Tür ins Freie geöffnet wird, der hat ganz einfach nicht begriffen, worum es in diesem Leben geht. Jede Minute muss in irgendeiner Form gestaltet werden. Ich kann mich entscheiden, ob ich meine Arbeitszeit als Opfer absitze oder mich einbringe.

Und wenn ich schon die Wahl habe, dann bin ich doch sehr fürs Einbringen. Auch wenn es für mich manchmal unbequem ist. Auch wenn ich damit anecke. Ich will mitdenken, mitreden, mitgestalten, mit Verantwortung tragen, Stellung beziehen, mir auch mal Feinde machen. Ich will spüren, dass ich lebe, indem ich Herausforderungen suche. Wer seine Zeit absitzt und auf die Rente wartet, hat selbst Schuld an seiner Leblosigkeit und seinem Elend. Ihm ist wohl nicht zu helfen. Er will es so. Aber dann soll er, bitteschön, nicht seinen Arbeitgeber dafür verantwortlich machen.

Wenn Du heute besser bist als gestern

Die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren lässt ihre junge Heldin Lotta zu Beginn einer Geschichte sagen:

„Mit mir ist es komisch. Ich kann so viel!“

Jeden Tag entdeckt die kleine Lotta staunend neue Fähigkeiten an sich. Es ist, als würde sie regelmäßig Schätze heben und mit jeder Entdeckung wachsen ihr Selbstvertrauen und ihre Lebensfreude.

Wir alle waren einmal so wie Lotta. Aber jetzt quälen sich viele von uns durch den Arbeitstag, sind froh, wenn das Wochenende naht. Was ist mit unserer Lernbegeisterung passiert? Warum stürzen wir uns nicht gierig auf neue Erfahrungen statt innerlich aufzustöhnen, wenn wieder eine Herausforderung wartet?

Eines ist sicher: Die Arbeit bietet ein größeres Glückspotenzial als die Freizeit und dabei spielen die täglichen Herausforderungen eine große Rolle. Wo sonst sind wir so regelmäßig mit neuen Situationen konfrontiert, auf die wir uns einstellen müssen? Ja, das ist anstrengend, aber darin liegt auch eine großartige Chance. Denn die Natur hat es so eingerichtet, dass Glückshormone ausgeschüttet werden, wenn wir uns anstrengen. Aus Sicht der Evolution macht diese Belohnung Sinn: Denn wer sich anstrengt, hat bessere Überlebenschancen.

Wir können von unserer Lernbereitschaft nur profitieren:

  • Sie macht uns glücklich, weil der Körper als Reaktion auf die Anstrengung Glückshormone ausschüttet.
  • Sie macht uns stolz und stärkt unser Selbstvertrauen, weil wir uns als kompetent erleben.
  • Sie macht uns erfolgreich, weil wir im Laufe der Zeit immer schlauer, tüchtiger und effektiver werden.

Darum wäre es gut, jede Chance für eine Herausforderung zu nutzen, sich auf alles zu stürzen, was neue Erfahrungen im Job verspricht. Lernen ist eine der zuverlässigsten Methoden, um das eigene Leben dauerhaft zu bereichern.

Überfordert euch!

Vor wenigen Tagen habe ich ein neues Projekt in Angriff genommen und damit komplettes Neuland betreten. Das Projekt ist anspruchsvoll, verlangt mir Einsichten und Fähigkeiten ab, die ich noch nicht entwickelt habe, kostet Zeit und Mühe. Ich weiß nicht, ob ich den Herausforderungen gewachsen bin und überhaupt damit erfolgreich sein kann.

Zu Beginn habe ich Euphorie empfunden, dann Ernüchterung, dann kamen die Selbstzweifel, das deutliche Gefühl von Überforderung, zwischendurch bin ich wieder zuversichtlich und voll Selbstvertrauen. Ein Wechselbad. Gemütlich ist das nicht. Dabei muss ich das alles eigentlich nicht machen. Die Entscheidung für dieses Projekt erfolgte freiwillig und spontan. Warum tue ich mir das an?

Weil es mir ein Gefühl von Lebendigkeit verleiht. Natürlich besteht auch eine gute Chance, dass mein Projekt ein Erfolg wird und ich dabei Gewinn mache. Aber das allein wäre viel zu wenig. Lebendigkeit zählt mehr. Solch eine Herausforderung ist in jedem Fall ein Gewinn, selbst wenn das betreffende Projekt am Ende scheitern sollte. Denn:

  • Wer etwas Neues in Angriff nimmt, erlebt Abenteuer. Der Tag wird spannender und erfüllter. Genau dafür ist das menschliche Gehirn gemacht. Wir brauchen Probleme, an denen wir uns abarbeiten können. Das Gehirn will beschäftigt werden und mag keine Routine.
  • Es besteht die Notwendigkeit, etwas Neues zu lernen. Lernen bedeutet per se, sich zu überfordern. Dabei fühlt man sich ganz und gar wach. Erkenntnis ist grundsätzlich lustvoll. Das hat die Evolution klug eingerichtet. Denn Individuen mit hoher Lernbereitschaft sind letzten Endes lebenstüchtiger.
  • Neue Erfahrungen bilden den Charakter. Unsere Persönlichkeit verändert sich in Abhängigkeit von unseren Erlebnissen. Je mehr wir uns auf das Leben einlassen, desto reifer werden wir. Auch das ist eine wunderbare Erfahrung.

Klar, Überforderung ist nicht unbedingt angenehm und ich weiß nicht einmal, ob ich am Ende mit meinem Projekt wirklich Erfolg haben werde. Aber ich könnte es mir kaum verzeihen, wenn ich mich nicht darauf eingelassen hätte.

 

Motiviert euch nicht leichtfertig!

Ich arbeite gerade hart an einem Vortrag, den ich nächste Woche vor mehreren hundert Menschen halten werde. Für mich bedeutet das eine große Verantwortung und ich habe Respekt vor der Zeit, die diese Menschen sich für meine Botschaft nehmen. Da ist neben all der Mühe auch Druck im Spiel, keine Frage.

Trotzdem genieße ich die Situation, freue mich auf den Auftritt und die Chance, für so viele Menschen 90 Minuten gewinnbringend zu gestalten. Und genau so sollte Arbeit sein: herausfordernd und erfüllt von Freude. Der Anteil der Arbeit, zu dem man sich motivieren muss, darf nicht überhand nehmen. Er muss so gering wie möglich gehalten werden.

Wenn wir uns motivieren, dann genießen wir nicht den Moment, sondern nehmen stattdessen für diesen Moment Unannehmlichkeiten in Kauf, um später dafür eine Belohnung zu erhalten. Der Blick ist bei der Selbstmotivierung immer in die Zukunft gerichtet. Aber was ist mit dem Augenblick?

Freude ist Lebensqualität für den Augenblick. Und der ist das Einzige, was uns wirklich gehört. Die Vergangenheit ist vorbei, die Zukunft ungewiss. Aber im Augenblick sind wir lebendig. Wenn wir zu viele solcher Augenblicke mit Selbstmotivierung versauen, sinkt die Lebensqualität. Deswegen sollten wir bewusster entscheiden, welche Dinge unsere Selbstmotivierung verdienen und welche nicht.

Die Grenzen der Arbeitsfreude

Als Deutschlands einzige Expertin für Arbeitsfreude kenne ich viele Mittel und Wege, auch aus einem wenig prickelnden Job viel herauszuholen. Aber ich weiß auch um die Grenzen: Keiner meiner Tricks und Tipps ist geeignet, eine pausenlose Arbeitseuphorie herzustellen. Und das liegt nicht etwa daran, dass meine Methoden nicht wirksam wären, sondern es hat damit zu tun, dass unsere Biologie uns Grenzen setzt:

Glück entsteht vor allem, wenn wir etwas unerwartet Gutes erleben. Dann sind wir hellwach, wir merken uns diese Situation sofort und streben fortan danach, sie so oft wie möglich zu wiederholen. Glück soll uns beim Lernen helfen. Die Evolution nutzt Glücksgefühle, damit wir verstehen, was gut für uns ist und diese Erfahrung wiederholen. Da gibt es aber ein kleines Problem: Immer, wenn wir das Gute dann zur Gewohnheit gemacht haben, verschwindet das Glück. Aus Sicht der Evolution ist es ganz einfach nicht mehr nötig, unser nützliches Handeln mit Glücksgefühlen zu belohnen. Wir haben die Lektion ja gelernt.

Daher werden wir nun wieder losziehen auf der Suche nach neuen glückbringenden Erfahrungen. Wir sind einfach nicht für das Dauerglück geschaffen, sondern nur für dauerndes Streben. Für den Arbeitsalltag bedeutet das: Akzeptieren, dass der Job nicht jede Minute des Tages ununterbrochen Spaß bringen kann, Erwartungen also nicht zu hoch schrauben und stattdessen für Abwechslung sorgen. Je breit gefächerter die Tätigkeiten, desto mehr Glückspotential!

Nützliche Defizite

745363  Eine  Studie der Unternehmensberatung „Pro Change“ ergab, dass deutsche Arbeitnehmer insgesamt vier Stunden pro Woche damit beschäftigt sind, sich über ihre Vorgesetzten zu beklagen. Das dürfte einerseits einen gewaltigen Produktivitätsverlust nach sich ziehen, der sich volkswirtschaftlich kaum beziffern lässt. Zum anderen entsteht auf diese Weise ungewollt und unbemerkt ein gewaltiges psychisches Problem für die Klagenden.

Wer klagt, macht sich damit selbst zum Opfer. Er sucht Schuldige, keine Spielräume. Klagen zementiert die schlechte Stimmung, denn das, womit sich der Geist beschäftigt, das wächst: Es erhält zunehmende Repräsentanz in den Gedanken und den Gefühlen. Man könnte auch sagen: Wer sich häufig beklagt, zieht sich damit selbst runter.

Die Fixierung auf das eigene Leid und auf die Opferrolle macht zudem handlungsunfähig. Denn Opfer sind per se hilflos. Diese Selbstwahrnehmung mag zwar eine realistische Basis haben – denn Führungskräfte geben durchaus zuweilen berechtigten Anlass zur Kritik – zweckmäßig ist sie jedoch nicht. Wer sich als Opfer fühlt, kann nur verharren und auf Besserung hoffen. Genau damit aber zementiert er seine Hilflosigkeit. Das ist unbefriedigend und belastend. Es gibt glücklicherweise eine Alternative:

Die Defizite des Chefs lassen sich hervorragend für die eigene Persönlichkeitsentwicklung nutzen. Scheut der Chef beispielsweise Entscheidungen, vergrößern sich damit die Entscheidungsspielräume der Mitarbeiter. Verhält sich ein Vorgesetzter sozial inkompetent, ist das ein Anlass für die Mitarbeiter, ihrerseits ihre soziale Kompetenz zu verfeinern. Gewährt der Chef zu wenig Freiheit, können die Mitarbeiter sich darauf spezialisieren, auch in kleinen Dingen ihre Spielräume zu entdecken und zu nutzen, um auf diese Weise ihre Arbeit befriedigender zu gestalten. So wird jeder schwierige Chef zu einer Herausforderung, die der Persönlichkeitsentwicklung seiner Mitarbeiter nützlich sein kann. Je schneller wir das begreifen, desto besser. Denn es gibt keine perfekten Chefs und Leiden ist niemals eine Option.