Work-Love-Balance

Wer mich kennt, weiß, wie wenig ich von Work-Life-Balance halte. Der Begriff ist unsinnig und richtet Schaden an. Denn er suggeriert, unsere Existenz sei zweigeteilt: Auf der einen Seite gibt es die Arbeit, auf der anderen Seite gibt es das Leben. Und nun muss man angeblich versuchen, diese beiden Bereiche auszubalancieren, weil sie ja offenbar nicht vereinbar sind. Das ist ausgemachter Blödsinn, denn viele von uns bekommen es ganz gut hin, auch am Arbeitsplatz lebendig zu sein. Anderen, das gebe ich zu, gelingt das weniger gut. Sie verhalten sich eher wie Marionetten oder Produktionsmittel. Vielleicht braucht man unter solchen Umständen tatsächlich so etwas wie eine Work-Life-Balance. Wobei ich doch sehr bezweifeln möchte, dass es tatsächlich möglich ist, einen ganzen Arbeitstag lang leblos zu bleiben –  und dann plötzlich zum Arbeitsende schlagartig zum Leben zu erwachen. Um schließlich einen wunderbar erfüllten Feierabend zu erleben.

Lieben und arbeiten

Es wird berichtet, Sigmund Freud sei einmal gefragt worden, wozu denn eigentlich die ganze Psychoanalyse letzten Endes gut sein soll. Was müsse ein Mensch denn können, nachdem er den psychoanalytischen Therapieprozess erfolgreich durchlaufen habe? Und angeblich soll Freud daraufhin kurz und knapp geantwortet haben: Lieben und arbeiten. Die Antwort gefällt mir, auch wenn sie nicht als eindeutig gesichert gilt.

Lieben und arbeiten – das sind die Dinge, die unser Leben erfüllt machen. Deshalb plädiere ich unbedingt für die Work-Love-Balance. Sieh immer zu, dass du von beidem genug in deinem Leben hast! Würden die Menschen das beherzigen, gäbe es nicht solch eine herzlose Arbeitswelt. Und dann würden die Beschäftigten sich nicht in ihrer Freizeit zu entschädigen versuchen für all das Elend, das sie am Arbeitsplatz durchleben. Mit einer Work-Love-Balance gäbe es mehr Hingabe an die Arbeit und einen liebevolleren Umgang miteinander am Arbeitsplatz. Und man würde nicht abends völlig erledigt vor dem Fernsehapparat oder der Spielekonsole hocken, sondern hätte mehr Energie, sich mit den Menschen zu beschäftigen, die man liebt.

Wenn Liebe irritiert

Als ich einmal in einem Fachartikel über Arbeitsfreude geschrieben habe, hat eine Juristin diesen Artikel mit den knappen Worten kommentiert: „Freude und Arbeit – finde den Fehler!“ Das ist schon beinahe zynisch und zeigt, wie schlimm es um viele von uns bereits steht. Was für ein Leben ist das, bei dem man jede Woche lang 5 ganze Tage funktioniert, während man auf das Wochenende wartet, um der Tretmühle für zwei Tage zu entkommen?!

Wie anders würden wir leben, wenn liebevolle Gefühle und Arbeit keine Gegensätze wären? Wenn wir mit Hingabe arbeiten würden und liebevoll mit den Menschen umgehen würden, die uns am Arbeitsplatz begegnen? Was für eine Welt wäre das, in der beispielsweise jeder Callcenter-Mitarbeiter ein tiefes Interesse daran hätte, den Kunden wirklich zu helfen und ihnen Mehrwert zu bieten?

Geben statt nehmen

In dem Film „Marvins Töchter“ gibt es eine Szene, in der die todkranke Protagonistin ihre Dankbarkeit ausdrückt für all die Liebe, die es in ihrem Leben gegeben hat. Da sie ein sehr aufopferungsvolles Leben geführt hat, kinderlos geblieben ist und im Grunde nur sehr wenig von den Dinge genießen konnte, die man allgemein als wichtig erachtet, löst ihre Äußerung Irritation aus. Deshalb präzisiert sie ihre Aussage und erklärt, sie sei dankbar für all die Liebe, die sie hatte geben dürfen.

Ich liebe diese Szene, weil sie eine tiefe Wahrheit berührt, derer wir uns in der Arbeitswelt kaum bewusst sind: Glücklich werden wir vor allem durch das, was wir TUN, durch das, was wir GEBEN. Natürlich möchten wir auch etwas dafür bekommen, aber Untersuchungen zeigen immer wieder, dass man selbst in einem öden und schlecht bezahlten Job glücklich sein kann, wenn das Arbeitsklima stimmt. Wenn die Beziehungen die Menschen nähren können. Und das kommt fast überall zu kurz: lieben, was man tut, und nährende Beziehungen pflegen, in denen all das einen Platz findet, was unsere besten Seiten ausmacht.

3 thoughts on “Work-Love-Balance

  1. Andreas Zimmermann

    Ganz ehrlich: der Gedanke ist nett. Aber die daraus potentiell resultierende, emotionale Selbstausbeutung (die ich selbst erlebt habe) entlarvt die Idee als ebenso problematisch, wie die von der Work-Life-Balance.

    Mit freundlichen Grüßen

    Antworten
    1. Marion Lemper-Pychlau Beitragsautor

      Danke für Ihren Hinweis, Herr Zimmermann. Was Sie schreiben, ist zweifellos richtig. Und Sie inspirieren mich damit zu meinem nächsten Beitrag. Ich werde mal ausführlich über Selbstschutz schreiben 🙂

      Antworten
  2. Film Base

    Ubernehmen Sie jetzt die Verantwortung: fur sich selbst, fur Ihre Kerngesundheit und fur die Menschen, die Sie lieben und mit denen Sie Ihre Zukunft gestalten wollen. Eine gelungene Balance zwischen Nahe und Distanz, gemeinsamen und individuellen Interessen, Beruf und Familie kann zu einem Kraftquell werden – nicht zuletzt auch fur Ihre Karriere.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere