Lass mich wissen, was du weißt!

Heute Nachmittag hat mich meine Nachbarin belehrt, dass ich Essigreiniger nehmen soll, wenn ich die Eingangsstufen vor meiner Haustür sauber schrubben will. Sie hat mich erwischt, wie ich nur mit klarem Wasser arbeitete, ganz ohne Reinigungsmittel. Ihr Mann nickte bestätigend zu den Worten seiner Frau und meinte, die Steine würden gewiss hinterher viel schöner glänzen. Also kaufe ich morgen eine große Flasche Essigreiniger. Ich lasse mich da gern belehren.

Ehrlich gesagt genieße ich es, wenn andere mir hilfreich begegnen. Ich muss ja nicht jeden Tipp umsetzen, aber andere Menschen verfügen eben auch über so manch nützliche Erfahrung. Prinzipiell ist es toll, dass ich hin und wieder davon profitieren darf. In dunklen Stunden packt mich zuweilen die Verzweiflung, weil mir bewusst ist, dass ich als dummer Mensch sterben werde – egal, wie lange mein Leben dauert und wie eifrig ich lerne: Verglichen mit der Gesamtmenge nützlichen Wissens, fällt mein eigener Anteil daran äußerst bescheiden aus. Dagegen hilft auch kein Essigreiniger.

Nicht wenige Vertreter des männlichen Geschlechts scheinen das allerdings völlig anders als ich zu empfinden. „Belehren Sie mich nicht!“, schleuderte mir heute ein älterer Mann entgegen, als ich ihn darauf aufmerksam machen wollte, wo er parken darf und wo nicht (vor meiner Einfahrt definitiv nicht!). „Sie können mich anzeigen, wenn Sie wollen, aber belehren Sie mich nicht!“, meinte vor einiger Zeit der Hundebesitzer, dessen freilaufender Hund gerade eine Schwangere zu Fall gebracht hatte. Vor Gericht hätte er ganz gewiss den Kürzeren gezogen, aber das war ihm lieber, als auf freiem Feld über die rechtlichen Bestimmungen belehrt zu werden. Fällt es Männern wirklich so schwer zuzugeben, dass ihre Ideen und Lösungen eben nicht immer die besten sind? Glauben die Herren allen Ernstes, andere würden ihnen ihre vermeintliche Überlegenheit abkaufen?

Wie viel einfacher und schöner und bereichernder wäre es, wenn wir uns selbstverständlicher austauschen würden! Jeder ist in irgendeiner Hinsicht klüger als sein Gegenüber. Es ist nicht ehrenrührig, wenn man zugibt, etwas nicht so gut zu wissen wie der andere. Es ist nicht schlimm, etwas falsch zu machen und dann erklärt zu bekommen, wie es besser geht. ich hoffe jedenfalls inständig, dass es in allen ungemütlichen Situationen meines Lebens stets jemanden in meiner Nähe geben wird, der mir überlegen ist und mich großzügig an seinem Wissen teilhaben lässt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Ich akzeptiere