Reine Kopfsache

Ich gebe es unumwunden zu: Ich bin ein Angsthase. Sobald die erste Schneeflocke fällt, fürchte ich mich vor dem Autofahren. Dann würde ich mich am liebsten im Haus verschanzen und erst im Frühjahr wieder herauskommen. Selbstverständlich können Straßenverhältnisse unter Umständen für jeden Fahrer sehr gefährlich werden, aber meine Furcht geht weit über ein vernünftiges Maß an Vorsicht hinaus. Keine Ahnung, woher diese übertriebene Angst kommt, aber sie ist jedenfalls da und erzeugt Stress.

Heute ist es wieder so weit: Draußen alles weiß, pausenloser Schneefall und nach den Feiertagen fehlen ein paar Lebensmittel im Kühlschrank. Ich müsste einkaufen fahren. Nach einem Blick aus dem Fenster beschließe ich, dass wir uns übers Wochenende ein wenig einschränken werden. Wir können ja die Reste vom Weihnachtsessen verputzen und brauchen auch nicht unbedingt frische Milch für den Kaffee. Klingt ganz rational, ist aber bloß eine Ausrede. Tatsächlich versuche ich, mich vor dem Autofahren im Schnee zu drücken. Als mir das klar wird, gebe ich mir innerlich einen Ruck und fahre los. Schließlich kommen Menschen weiter, wenn sie denken “Die Sache ist machbar und liegt im Bereich meiner Möglichkeiten” statt “Das geht bestimmt schief!”. Schon am Ende unserer ruhigen Wohnstraße drehen die Räder durch, das Heck bricht aus. Der Bremsweg verlängert sich erheblich. Sehr unschön. Ich fahre trotzdem vorsichtig weiter. In der Stadt ist nicht viel los, ich bin vermutlich nicht die Einzige, die sich fürchtet.

Später, auf dem Rückweg, geht es über eine längere Strecke bergauf und es gibt eine scharfe Kurve. Die beiden Autofahrer vor mir geben auf. Ich hingegen habe inzwischen so etwas wie sportlichen Ehrgeiz entwickelt. Im ersten Gang ziehe ich an ihnen vorbei, sehr langsam zwar, aber ich komme voran (nein, ich habe keinen Geländewagen!). Wenig später bin ich zuhause. Damit habe ich mir selbst wieder einmal bewiesen, was ich meinen Kunden in der Beratung so gerne einbläue: “Hab die Angst und tu’s!”. Gerade das, was uns Angst macht, wird zur Aufgabe, der wir uns stellen müssen. Dabei finden wir dann für gewöhnlich heraus: Die meisten Probleme existieren nur im Kopf und die Dinge sind in Wirklichkeit fast immer viel weniger schlimm, als wir uns das ausmalen. “Fear” lautet das englische Wort für Angst. Es lässt sich auch als Abkürzung verstehen für False Evidence Appearing Real.

Ein Gedanke zu „Reine Kopfsache

  1. Sylvia Keller

    Ich machte den Führerschein auf den Winter und fahr bei fast jeden Wetter. Ich fahr gerne bei Schnee. Aber eines kommt mir bekannt vor: Rückwärtsfahren! Oder nach einer Kurve auf eine Rampe fahren, z. B. beim TÜV oder Reifenhändler, egal ob vorwärts oder rückwärts. Das kann ich nicht!! Davor drücke ich mich gerne (TÜV beim Werkstatt oder ein Reifenhändler, wo ich das Auto einfach auf den engen Parkplatz stelle. Schrecklich genug!).

    Der Alptraum war diese Tiefgarage. Es ist sehr eng. Ein schmale steile Rampe führt runter. Durch das Tor und gleich scharf rechts. Ich teile die Bucht mit dem Nachbarn, der eine ganze Weile ein riesiges Auto hatte. Rauszugs umgekehrt. Dunkel ist es auch. Anfangs kämpfte ich 20 Min., um in meine Bucht zu kommen. Auch war ich 2 x in der Karosseriewerkstatt. Inzwischen klappt es besser.

    So hat jeder seine Schwächen. Einfach tun! Ich besinn mich auf meine Stärken und schätze meine Fähigkeit ein, ist ja nicht so, daß ich nicht fahren könnte, schließlich habe ich den Führerschein!, dann klappt es.

    Antworten

Leave a Reply to Sylvia Keller Cancel reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *