Verfluchte segensreiche Gewohnheiten

Als Kind trug ich immer ein Korsett aus Langeweile. Meine Mutter, die kriegsbedingt während ihrer eigenen Kindheit schwere Traumata erlitten hatte, pflegte zahlreiche Gewohnheiten. Sie sollten ihr das Leben überschaubar und kontrollierbar machen. Es gab eine Zeit für alles. Der Tag war bestimmt durch immer wiederkehrende Abläufe, die nichts und niemand stören durfte. Meiner Mutter schenkte ein derart geregelter Tagesablauf Sicherheit. Ihre Gewohnheiten bildeten die Schuppen ihres Schutzpanzers gegen die Unwägbarkeiten und Gefahren des Lebens. Sie vermittelten ihr die Illusion, die Dinge im Griff zu haben.

Ich selbst jedoch erlebte als Kind und später erst recht als Jugendliche die mütterlichen Gewohnheiten als puren Freiheitsentzug. Sie waren der Inbegriff von Fremdbestimmung und Fadheit. Ich nutzte die erste gute Gelegenheit, um ein anderes Leben zu beginnen, eines mit viel Abwechslung und täglichen Abenteuern. Letzten Endes habe ich die Abneigung gegen jede Gefangennahme durch Regeln so sehr verinnerlicht, dass ich dabei doch tatsächlich blind geworden bin gegenüber den Segnungen guter Gewohnheiten.

Heute denke ich, dass ich zu wenig gute Gewohnheiten pflege. Sie könnten zu meiner Entlastung beitragen, indem sie mir zahllose Entscheidungen ersparten, sodass ich mehr Zeit und Kraft hätte für all meine abenteuerlichen beruflichen Unternehmungen oder andere lohnenswerte Dinge. Vielleicht gelingt es mir ja, in Zukunft eine neue Regelmäßigkeit zu etablieren, die mir nützlich ist, weil sie Energie spart und auf diese Weise meine Möglichkeiten erhöht und meine Freiräume vergrößert. Ich bin sehr für Freiheit.

Inzwischen habe ich erkannt, dass es sich mit Gewohnheiten verhält wie mit vielen anderen Dingen, zum Beispiel der Partnerschaft: Man kann sich behaglich darin einrichten, darf sich aber bloß nicht einschließen und dann womöglich noch die Schlüssel wegwerfen… Da hilft nur eines: Achtsam sein und Gewohnheiten immer wieder einmal auf ihren Nutzen hin überprüfen. Was nicht gut tut, muss weg!

2 Gedanken zu „Verfluchte segensreiche Gewohnheiten

  1. Hans-Georg Willmann

    Langsam fange ich damit an, die alltagsintelligenten Impulse von Frau Lemper-Pychlau zu einer guten Gewohnheit werden zu lassen 🙂 und zum Thema Achtsamkeit habe ich neulich ein schönes Zitat von Mahathera Gunaratana, einem buddhistischer Mönch gelesen: „Achtsamkeit strebt nichts an. Sie sieht einfach, was bereits da ist.“

    Hans-Georg Willmann

    Antworten

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