Die Not der Täter

Als meine Kinder noch klein waren, gerieten einmal zwei von ihnen in einen heftigen Streit. Er endete damit, dass eines von ihnen einem anderen einen Bauklotz gegen den Kopf schleuderte. Beide Kinder weinten anschließend laut. Ich ging hin, um sie zu trösten, wobei ich mich besonders um die „Täterin“ kümmerte. Meine Schwester war zufällig dabei und missbilligte mein Verhalten. Sie meinte, ich müsse mich vor allem um das Kind mit der Beule am Kopf kümmern, statt um das gewalttätige Geschwisterkind.

Diese Woche hatte ich eine vergleichbare Situation im Coaching: Zwei Menschen, die einander nahe stehen, kommen nicht miteinander zurecht und es besteht eine große Gefahr, dass der eine von beiden gewalttätig werden könnte. Was tun?

Meiner Erfahrung nach bringen in solch einer Situation Argumente gar nichts. Es hat auch keinen Sinn, dem potentiellen Täter mit Konsequenzen zu drohen. Die Gewalt ist ein Symptom größter Hilflosigkeit. Der Täter hat einen Punkt erreicht, wo er sich in höchster Not befindet und nur noch sein Bedürfnis wahrnehmen kann. Argumente oder Konsequenzen sind ihm in diesem Moment egal. Er wird sich nicht darauf einlassen können. Also sollte man statt dessen auf sein übermächtiges Bedürfnis eingehen, ihm  aufzeigen, was er tun kann, um sein Bedürfnis gewaltfrei zu befriedigen. Und man sollte sich nicht einbilden, „so etwas“ könne einem selbst nie passieren. Ich bin überzeugt, dass jeder von uns an einen Punkt gelangen kann, an dem er aus Verzweiflung gewaltbereit ist.

Warum ich mich damals besonders liebevoll um die kleine „Täterin“ gekümmert habe, ist leicht zu erklären: Das „Opfer“ hatte nur eine Beule, die „Täterin“ jedoch war gleich aus zweierlei Gründen verzweifelt: Zum einen, weil sie ihr Bedürfnis nicht befriedigen konnte und zum anderen, weil sie gewalttätig geworden war und sich deshalb schuldig fühlte. Sie war eindeutig bedürftiger.

 

4 thoughts on “Die Not der Täter

  1. Marina

    Hallo Marion. Das finde ich nicht so klug, wie du das erzählst. Ich stimme dir teilweise zu (Hilflosigkeit und Angst sind auf jeden Fall Auslöser der Gewalt) aber wenn man Kinder erzieht, muss man unbedingt beibringen, dass gewalttätig werden genauso falsch ist, wie schimpfen oder Sachen brechen. Kinder müssen so erlernen, wie sie seine Frust in eine andere Richtung loslassen können. So werden diese als Erwachsene sozialerwartete Verhalten zeigen und nicht sich wie instinktive Menschen der Steinzeit benehmen. Das ist die sogenannte „emotionale Intelligenz“, das heißt, seine eigene Emotionen beherrschen und führen zu können. Ich habe mehr Infos zum Thema Erziehung und Kinderpsychologie auf psycheplus erfahren, sehr lesenswert. LG. Marina

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    1. Marion Lemper-Pychlau Beitragsautor

      Hallo Marina, vielen Dank für Deinen Beitrag. Ich stimme Dir vollkommen zu. Kinder müssen emotionale Intelligenz lernen. Und sie werden diese Lektion um so leichter lernen, je besser sie sich verstanden und angenommen fühlen. Den kleinen „Täter“ zu trösten, das war natürlich nur der erste Schritt. Anschließend gab es noch eine Lektion in Konfliktlösung…

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  2. Marina

    Genau, das meinte ich. Eine Lektion mit den möglichen Alternativen ist total wichtig… Damit sie anders reagieren können und sich in der Zukunft wohl in der Gesellschaft fühlen sowie angepasst. Weiter mit deinem Blog Marion, der uns oft zu nachdenken bringt. Herzliche Grüße, Marina 🙂

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    1. Marion Lemper-Pychlau Beitragsautor

      Liebe Marina, es freut mich, dass wir uns hierin einig sind. Danke für die Ermutigung. Ja, ich werde den Block gerne weiterführen, kann allerdings noch nicht sagen, was mein nächstes Thema sein wird. Ich berichte zeitnah über Dinge, die mir auffallen. Wer weiß, was diese Woche noch so alles passiert…
      Schöne Grüße aus Königstein, Marion

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