Emotionale Intelligenz in der Antike

Das Konzept der emotionalen Intelligenz, das ich in meinem Buch darstelle, ist mir inzwischen zur täglichen Selbstverständlichkeit geworden. Es hat sich im Alltag bewährt und ich arbeite ganz automatisch damit. Nun habe ich noch ein anderes vielversprechendes Konzept kennengelernt, das sehr viel älter ist. Es stammt von den Stoikern.

Sie arbeiteten gezielt daran, positive Gefühle zu kultivieren und negative zu dämpfen. Dieses Vorgehen wird auch von den modernen Neurophysiologen empfohlen. Denn unser Glück entspringt einem System von Spieler und Gegenspieler: Das rechte Stirnhirn ist für negative Gefühle zuständig, das linke für positive. Die jeweils stärkere Empfindung setzt sich durch. Wenn ich nun negative Gefühle dämpfe und positive kultiviere, bin ich glücklicher und habe ein besseres Leben. Um das zu erreichen, kannten die Stoiker mehrere Techniken.

Besondere Bedeutung hatte dabei die negative Visualisierung: Die Stoiker empfahlen, wir sollten die Menschen und Dinge um uns herum nicht für selbstverständlich nehmen; vielmehr sollten wir uns immer wieder vorstellen, wie es wäre, wenn sie plötzlich nicht mehr da wären. Schließlich haben wir alles im Leben nur auf Zeit. Wir können nichts davon behalten. Wer sich das bewusst macht, weiß Menschen und Dinge mehr zu schätzen. Auf diese Weise gehen wir liebevoller mit den Menschen um uns herum um, genießen ihre Gegenwart intensiver und gestalten das Zusammensein freudvoller. Damit enstehen jede Menge positive Gefühle. Dieselbe Technik können wir auch auf unsere Besitztümer anwenden. Dann freuen wir uns viel mehr an dem, was wir haben. So lässt sich der hedonistischen Gewöhnung entgegenwirken. Oder wir hören auf, unsere körperlichen Fähigkeiten als Selbstverständlichkeit zu betrachten.

Ganz wichtig war die Technik der negativen Visualisierung auch im Hinblick auf die eigene Endlichkeit: Indem wir uns unseren Tod vor Augen führen, werden wir dankbarer für das Leben. Und wir verschwenden dann nicht so viel Zeit auf Dinge, die es nicht wert sind. Statt dessen füllen wir unsere Tage mit sinnvoller Aktivität, schätzen und nutzen das Heute.

Negative Visualisierung scheint mir eine gute Gewohnheit zu sein. Sie hilft uns dauerhaft, das Leben zu lieben und Freude zu empfinden.

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