Ein fataler Teufelskreis

Kürzlich habe ich die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, der auf den ersten Blick extrem freundlich und zuvorkommend wirkte. Er arbeitet wie ich in einem beratenden Beruf und da ist ein freundlicher Umgangsstil sicher sehr von Vorteil. Auf den zweiten Blick allerdings fiel mir auf, dass dieses freundliche Gebaren eine Spur übertrieben ausfiel. Zu viel angestrengtes Lächeln, zu große Hilfsbereitschaft, zu häufiges zustimmendes Nicken. In mir entstand zunehmend ein Gefühl von Ablehnung und Geringschätzung. Es dauerte ein paar Minuten, bevor ich die Situation durchschaute:

Das übertrieben freundliche Gebaren war natürlich Ausdruck eines geringen Selbstwertgefühls. „Hab mich gern und sag mir, dass ich toll bin!“, schien dieser Mann mit seinen vielen kleinen Gesten zu betteln. Und genau daher kam meine Geringschätzung: Offensichtlich kann er sich selbst nicht genug schätzen und braucht dringend die Bestätigung seiner Mitmenschen. „Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als wozu er sich selbst macht.“, stellte schon der berühmte Herr Knigge fest. Wenn mein Gegenüber keine hohe Meinung von sich hat und um Bestätigung bettelt, halte ich automatisch auch nicht viel von ihm. Daher mein spontanes Gefühl der Ablehnung. Ich hatte keine hohe Meinung von meinem Gegenüber und noch geringere Lust, hier als Instrument zur Verbesserung seines Selbstwertgefühls zu agieren. Wir standen in einer geschäftlichen Beziehung, die Rollen waren völlig klar. „Stärkung des Selbstwertgefühls“ gehörte eindeutig nicht zu meinen Aufgaben.

Ich habe meinem Gefühl von Geringschätzung natürlich nicht nachgegeben, aber ich habe auch keine therapeutische Rolle gespielt, sondern mich ganz auf die professionelle Rolle zurückgezogen, die ich in dieser Situation innehatte. Dadurch habe ich eine Distanz aufgebaut, mit der ich mich vor den Forderungen meines Gegenübers schützen konnte.

Das Fatale für solch einen Menschen ist, dass er ganz schnell in einen Teufelskreis gerät: Sein schlechtes Selbstwertgefühl lässt ihn bedürftig erscheinen und verleitet ihn zu unterwürfigem Verhalten. Das aber stößt die Menschen seiner Umgebung ab, er erntet ablehnende und ungeduldige Reaktionen. Diese wiederum verstärken bei ihm den Eindruck, dass andere ihn nicht mögen und er nicht viel wert zu sein scheint. Sein Selbstwertgefühl nimmt weiter ab.

„Selbstschätzung ist Pflicht des Menschen gegen sich selbst:“, mahnte Immanuel Kant. Wie wahr!

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