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Chef mit Hund

Gerade bin ich damit beschäftigt, nach längerer Zeit mal wieder einen Junghund zu erziehen. Keine Kleinigkeit! Diese Aufgabe fordert mir sehr viel ab:

  • Klares Zielbewusstsein Ich muss wissen, wie ich mir das Leben mit meinem Hund vorstelle. Darf er auf die Couch, muss er mit Kindern klarkommen, soll er Aufgaben übernehmen, wenn ja, welche etc. Ohne Ziele keine Richtung und kein Erfolg.
  • Authentizität Ich muss kompromisslos echt sein. Mein Hund spürt, wenn ich mich verstelle und etwas darstelle, was ich nicht bin. Er wird kein Vertrauen zu mir entwickeln und er wird sehr verwirrt sein, wenn ich unecht bin.
  • Natürliche Autorität Drohen und bestrafen kann jeder, aber so baut man keine wirkliche Beziehung auf, weder zum Hund, noch zum Menschen. Angst ist keine gute Basis für das Miteinander. In einem Wolfsrudel wird für gewöhnlich nicht der stärkste Wolf Chef, sondern der mit der größten Souveränität. Solch ein Wesen vermittelt den  anderen Rudelmitgliedern Sicherheit und Überlegenheit. Man folgt ihm deshalb freiwillig und fühlt sich bei ihm gut aufgehoben.
  • Einfühlungsvermögen Wenn mein Hund dem Rückruf erst nach längerem Zögern Folge leistet, darf ich nicht schimpfen, sondern ich muss mich freuen. Denn der Hund soll ja auch in Zukunft gerne zu mir kommen. Wenn er gerade eifrig einer Spur nachgeht, sollte ich ihn nicht streicheln, auch wenn mir gerade danach ist, usw. Ein harmonisches Zusammensein, von dem beide Seiten profitieren, setzt Einfühlungsvermögen voraus.
  • Geduld Oft versteht der Hund nicht, was ich von ihm will. Oder er schafft das Geforderte einfach noch nicht. Da brauche ich Geduld. Ich muss ihm Zeit geben und darf nicht zu viel auf einmal verlangen.
  • Zuversicht Ich muss an meinen Hund glauben. Er spürt sofort, was ich von ihm halte. So wird jede meiner Annahmen ganz schnell zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Mein Hund ist besser dran, er wird mehr lernen und leisten, wenn ich ihm etwas zutraue. Ich muss sein Selbstvertrauen stärken, ihn ermutigen und loben.
  • Gute Laune Mein Hund soll sich gerne auf mich einlassen. Wenn ich ein Trauerkloß oder Langweiler bin, geht es ihm nicht gut mit mir und er wird sich nicht gerne mit mir beschäftigen.
  • Wohlwollen Der Hund muss spüren, dass ich Gutes für ihn will, dass ich auf seiner Seite und ein wohlwollender Rudelführer bin. Dann vertraut er mir und wir werden viel besser kooperieren.

Diese Tugenden werden mir als Hundeführerin abverlangt – und noch ein paar mehr.

Ich bin mir ziemlich sicher: All das lässt sich auf die Führung von Mitarbeitern übertragen. Und ich gebe zu: Wenn ich sehe, dass jemand gut mit seinem Hund klarkommt, bin ich geneigt, ihn auch für einen guten Chef zu halten.

Mitdenken lassen!

Heute war ich mit unserem Welpen in der Hundeschule und hatte Anlass zum Staunen: Wir wurden nicht nur aufgefordert, unseren Hunden mit der Leine ein klares Signal zu geben, sondern ermahnt, dann erst mal gar nichts zu tun und dem Hund Zeit zu lassen, selbstständig dieses Signal zu verarbeiten, will heißen: mitzudenken.

Unsere Lucy ist erst wenige Monate alt und sie ist ein Hund! Ich soll ihr das wirklich zutrauen?!

Ja, soll ich, und es funktioniert! Signal geben, Klappe halten, den Hund mitdenken lassen. Der zieht hundertprozentig seine Schlüsse. Würde ich ihn aber ständig vollquatschen, wäre er vom Denken abgelenkt.

Wenn mein jugendlicher und ziemlich winziger Hund das schafft – warum schaffen das nicht auch die Menschen in der Arbeitswelt??? Die warten überwiegend auf Anweisungen und sind bemüht, bloß alle Regeln zu befolgen, um nicht unangenehm aufzufallen. Das ist das Ergebnis jahrelanger Erziehung. „Tu, was man dir sagt“, lautet die Devise von Anfang an. In der Schule wird fehlerfreies Reproduzieren von Lerninhalten belohnt. „Diskutier hier nicht schon wieder rum !“, bekommt so mancher Teenager zu hören. Natürlich gibt es Gründe dafür, dass wir unsere Kinder so erziehen – aber auch dagegen!

Was wäre wohl, wenn Mitarbeiter nicht nur mitarbeiten, sondern auch mitdenken würden? Ich fürchte, vor dem Hintergrund einer Erziehung, die auf Anpassung ausgerichtet ist, müsste man viele Mitarbeiter explizit immer wieder dazu ermutigen. Bei einigen wird man damit Erfolg haben und sie aus der Lethargie des Gehorsams aufwecken. Ich wage nicht vorauszusagen, was dann genau passieren würde. Viele hätten dann sicher mehr Freude an ihrer Arbeit. Aber vielleicht wären einige dann bald keine Mitarbeiter mehr…

Eines weiß ich aber gewiss: Ein Leben, in dem der eigene Kopf mitwirkt, ist würdevoller, erfüllter und lebenswerter als ein Leben in Anpassung und Gehorsam. Nicht nur bei Hunden.

Tür zu!

Wir genießen so viel Freiheit wie nie zuvor in der menschlichen Geschichte. Jeden Tag stehen uns unermesslich viele Möglichkeiten offen, es gibt unzählige attraktive Optionen. Doch auch wenn die Alternativen grenzenlos sind, unsere Lebenszeit ist es nicht. Wir sind gezwungen, zu wählen und zu entscheiden, welche der Möglichkeiten wir nutzen wollen.

Das ist schwer. Denn mit jeder Entscheidung, die wir FÜR etwas treffen, entscheiden wir fast immer auch GEGEN eine oder mehrere attraktive Alternativen. Das fühlt sich oftmals nicht gut an, weshalb wir bemüht sind, uns so viele Optionen wie möglich offen zu halten. Und genau damit tun wir uns nichts Gutes. Denn wer sich alle Optionen bewahren will, findet keine Orientierung und kann seine Energien nicht bündeln. Er verliert sich schnell im Dickicht der Alternativen.

Wir kommen um Entscheidungen nicht herum: Welche Türen wollen wir offen lassen und welche wollen wir schließen? Bei dieser Frage geht es um Lebensgestaltung. Wir können nicht alles sein, tun und haben. Wie ein Bildhauer Überschüssiges abschlägt, damit sein Kunstwerk hervortreten kann, so müssen auch wir bereit sein, uns von Überflüssigem zu befreien. Nur so kann das Wesentliche in unserem Leben Gestalt gewinnen. Wir modellieren unser Leben aus der Masse der Möglichkeiten heraus.

Es kann schmerzlich sein, eine Tür für immer zuzuschlagen und zu entscheiden, dass der eigene Weg an dieser Möglichkeit vorbeiführen soll. Aber keiner von uns wird genug Zeit haben, um all das Schöne und Bereichernde in dieser Welt genießen zu können. Wir müssen uns auf ein paar Dinge beschränken und diese dann intensiv nutzen und auskosten. Wir alle müssen uns entscheiden, wie wir leben wollen und welchen Dingen/Situationen/Menschen wir in unserem Leben einen Platz geben wollen. Wer sich klug entscheidet, wird seine Erfüllung finden. Dann gibt es kein Bedauern wegen all der ungenutzten Möglichkeiten. Denn das eigene Leben ist ja reich – und mehr als Erfüllung geht ohnehin nicht.

Mehr Commitment!

Seit einiger Zeit bin ich auf Facebook aktiv und erhalte regelmäßig Freundschaftsanfragen. Natürlich schaue ich mir die Leute genauer an, die sich mit mir befreunden wollen. In der Chronik lese ich dann häufiger unter „Beziehungsstatus“: „Es ist kompliziert.“ Solche Leute lehne ich für gewöhnlich ab.

Es gibt viele Menschen, die sich einen Job suchen und bei klarem Verstand einen Arbeitsvertrag unterschreiben. Trotzdem jammern sie anschließend über ihren Job und sind froh um jede Stunde, die sie dort NICHT arbeiten müssen. Derartiges Verhalten ringt mir nicht gerade Respekt ab. Ich finde es zudem schwer, diesen Menschen Vertrauen entgegen zu bringen.

Hingegen schätze und vertraue ich Menschen, die klare Entscheidungen treffen und dann dazu stehen. Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die Ambivalenzen aushalten können und inmitten all der Mehrdeutigkeit Position beziehen. Menschen, die bereit sind, Verpflichtungen einzugehen und die Konsequenzen zu tragen. Menschen, die bereitwillig und ohne Leidensmine die Schattenseiten ihrer Entscheidungen akzeptieren. Menschen, die wissen, was Commitment ist. Menschen, die kein Paradies auf Erden erwarten und Unangenehmes wegstecken können. Weil nun mal alles mehr als eine Seite hat. Menschen, die wissen, dass jede Entscheidung für eine bestimmte Sache zugleich eine Entscheidung gegen die Alternativen ist und die dennoch entscheidungsfreudig sind. Solche Menschen respektiere ich.

Nützliche Defizite

745363  Eine  Studie der Unternehmensberatung „Pro Change“ ergab, dass deutsche Arbeitnehmer insgesamt vier Stunden pro Woche damit beschäftigt sind, sich über ihre Vorgesetzten zu beklagen. Das dürfte einerseits einen gewaltigen Produktivitätsverlust nach sich ziehen, der sich volkswirtschaftlich kaum beziffern lässt. Zum anderen entsteht auf diese Weise ungewollt und unbemerkt ein gewaltiges psychisches Problem für die Klagenden.

Wer klagt, macht sich damit selbst zum Opfer. Er sucht Schuldige, keine Spielräume. Klagen zementiert die schlechte Stimmung, denn das, womit sich der Geist beschäftigt, das wächst: Es erhält zunehmende Repräsentanz in den Gedanken und den Gefühlen. Man könnte auch sagen: Wer sich häufig beklagt, zieht sich damit selbst runter.

Die Fixierung auf das eigene Leid und auf die Opferrolle macht zudem handlungsunfähig. Denn Opfer sind per se hilflos. Diese Selbstwahrnehmung mag zwar eine realistische Basis haben – denn Führungskräfte geben durchaus zuweilen berechtigten Anlass zur Kritik – zweckmäßig ist sie jedoch nicht. Wer sich als Opfer fühlt, kann nur verharren und auf Besserung hoffen. Genau damit aber zementiert er seine Hilflosigkeit. Das ist unbefriedigend und belastend. Es gibt glücklicherweise eine Alternative:

Die Defizite des Chefs lassen sich hervorragend für die eigene Persönlichkeitsentwicklung nutzen. Scheut der Chef beispielsweise Entscheidungen, vergrößern sich damit die Entscheidungsspielräume der Mitarbeiter. Verhält sich ein Vorgesetzter sozial inkompetent, ist das ein Anlass für die Mitarbeiter, ihrerseits ihre soziale Kompetenz zu verfeinern. Gewährt der Chef zu wenig Freiheit, können die Mitarbeiter sich darauf spezialisieren, auch in kleinen Dingen ihre Spielräume zu entdecken und zu nutzen, um auf diese Weise ihre Arbeit befriedigender zu gestalten. So wird jeder schwierige Chef zu einer Herausforderung, die der Persönlichkeitsentwicklung seiner Mitarbeiter nützlich sein kann. Je schneller wir das begreifen, desto besser. Denn es gibt keine perfekten Chefs und Leiden ist niemals eine Option.

Seid großzügig!

Neulich habe ich innerhalb kurzer Zeit zwei sehr gegensätzliche Erfahrungen gemacht: Ich war von zwei verschiedenen Veranstaltern mit der Durchführung von Seminaren beauftragt worden. Der erste Veranstalter, bei dem ich einen ganzen Tag lang unterrichten würde, war sehr überrascht, als ich im Vorfeld wissen wollte, welche Versorgung die Seminarteilnehmer erhalten würden. Es war nichts geplant, nicht einmal eine Kanne Kaffee sollte zur Verfügung gestellt werden. Ich fand das sehr befremdlich und man sagte mir: „Wenn wir jetzt in Ihrem Seminar eine Ausnahme machen, dann wollen demnächst alle unsere Mitarbeiter während der Fortbildung Kaffee trinken. Das geht nicht.“

Der zweite Veranstalter, der nur einen dreistündigen Workshop in Auftrag gegeben hatte, erklärte im Vorfeld, ich müsse mich um nichts kümmern, die Teilnehmer würden angemessen versorgt. Als ich dann ankam, war eine Mitarbeiterin aus der Personalabteilung gerade damit beschäftigt, letzte Hand an ein umfangreiches Buffet anzulegen. Es gab unterschiedlichste Getränke, Rohkost, Joghurt, Gebäck, Obst usw.

Ich habe mich gefragt, bei welchem Arbeitgeber man wohl besser aufgehoben ist. Der erste investiert nicht einmal in eine Kanne Kaffee und mag sich nicht die Arbeit machen, den Mitarbeitern während der Fortbildung etwas Gutes zu tun. „Ihr seid uns dafür nicht wichtig genug.“, lautet die unausgesprochene Botschaft. Der zweite Arbeitgeber zeigt Engagement und Fürsorge und demonstriert unmissverständlich: „Ihr seid wertvoll für uns. Wir wollen, dass es euch gut geht.“ Und ich bin mir sicher: Beide Botschaften kommen an.

Übrigens habe ich für meinen Auftrag beim ersten Arbeitgeber ein paar Dinge zusammengepackt: Ich hatte meine Kaffeemaschine dabei, habe frischen Kaffee spendiert und selbstgebackenen Kuchen. Wenn auch dem betreffenden Arbeitgeber das Wohl seiner Mitarbeiter nicht wichtig zu sein scheint – ich lasse mich davon nicht bestimmen, denn mir persönlich liegen meine Kunden am Herzen.

 

Von innen nach außen

Ich hatte diese Woche Gelegenheit, an einer Fortbildungsveranstaltung mit einem sehr gut durchdachten Konzept teilzunehmen. Es ging um professionelle Präsentation. Uns Teilnehmern standen etliche Experten mit ihrem Know-how zur Verfügung. Zwei von ihnen sind mir als sehr kompetent aufgefallen. Ihnen gebührt mein Respekt.

Was mir aber auch aufgefallen ist: Der Initiator und zugleich Moderator der Veranstaltung gab sich bereits in seiner Begrüßungsrede ganz ungeniert sexistisch und hielt sich dabei offensichtlich für humorvoll. Die Expertin für souveräne Selbstdarstellung sah aus wie ein braves Mädchen, sie wirkte ausgesprochen bieder und farblos. Und die Beraterin für stylisches Auftreten kam zu dieser Businessveranstaltung verkleidet wie eine Prinzessin mit wallenden Gewändern. Keine dieser Personen konnte mich überzeugen und ich würde es energisch ablehnen, mich von ihnen beraten zu lassen. Sie demonstrieren nur allzu deutlich, dass sie keine Experten sind und das, was sie selbst entbehren, zu ihrem Beruf gemacht haben.

Das ist kein seltenes Phänomen, ich kenne es nur zu gut aus meinem eigenen beruflichen Umfeld: Wer mit seinem eigenen Leben nicht klar kommt, der wird eben Coach und pfuscht im Leben der anderen herum. Das ist verantwortungslos und gefährlich. Tatsächlich findet Entwicklung immer andersherum statt: von innen nach außen. Erst wenn ich selbst mit dem betreffenden Thema ausgezeichnet zurechtkomme, erst wenn ich weiß, wie’s geht und es auch selbst anwenden kann – erst dann darf ich mein Wissen und Können anderen Menschen verkaufen. Erst dann bin ich überzeugend und als Berater – wofür auch immer – legitimiert.

 

Dumme Ausreden

Vor einigen Tagen bin ich geschäftlich verreist und habe seit längerem wieder einmal den Zug genommen. Abends stand ich dann auf dem Bahnsteig und wartete auf den ICE, der mich nach Hause bringen sollte. Am laufenden Band hörte man Lautsprecherdurchsagen, von denen mehr als 50% Verspätungen ankündigten. Mein Zug war ebenfalls unpünktlich, was mich nicht weiter überraschte. Was mich hingegen erstaunte, war die Begründung, die per Lautsprecher gleich mitgeliefert wurde: Der Zug würde wegen einer Verspätung im Ausland auf sich warten lassen. „Ausland“ konnte in diesem Fall nur „Holland“ bedeuten. Ich traute meinen Ohren nicht, aber sobald ein neuer Zug im Bahnhof eintraf, wurde die Ansage für die frisch Ausgestiegenen wiederholt.

Die Holländer waren also schuld, nicht etwa die Deutsche Bahn. Der würde solch ein Ausrutscher ja auch nie im Leben passieren, denn wie wir alle wissen, sind deutsche Züge immer pünktlich….

Abgesehen davon, dass es mich nicht die Bohne interessiert, wie die Verspätung zustande gekommen ist und wer sie zu verantworten hat (ich will schließlich nichts anderes als weiterreisen!), ist es sicher auch kein schöner Zug, die Nachbarn zu beschuldigen. Aber es ist sicher typisch und legt Zeugnis ab von der verbreiteten Ich-war’s nicht-Mentalität. Es gilt, wann immer möglich, eigene Verantwortung zu leugnen und die Schuld abzuschieben – ganz gleich, wie erbärmlich und unsinnig das auch sein mag.

Mehr Respekt bitte!

Ich war in den vergangenen sieben Tagen gleich zweimal auf großen Veranstaltungen mit mehreren Tausend Menschen. Meine Neugier hat mich dorthin getrieben. Auch die Tatsache, dass ich für beide Ereignisse Freikarten bekommen konnte, hat sicher eine Rolle gespielt. Es ging um eine Vielzahl von Themen wie Vertrieb und Persönlichkeitsentwicklung. Mehrere Redner und Trainer bemühten sich darum, ihrem Publikum möglichst viel mitzugeben. Tatsächlich waren einige blitzgescheite und sehr beeindruckende Referenten darunter. Aber es gab auch zwei Personen, bei denen ich zwischen Staunen und Widerwillen hin- und her gerissen war. Diese Referenten vertraten eine Tschakka-Mentalität. Sie ließen uns Sätze zum Nachbarn sagen wie „Du schaffst alles, was du willst“, was immer mit einer High five-Geste begleitet werden musste, sie ließen uns aufstehen und einander an den Händen halten, wir sollten uns gegenseitig beklatschen und sie versicherten uns mit lauter Stimme, dass unser Leben von nun an besser sein würde, weil wir ab heute einiges besser wüssten und nun anders machen würden.

Mich schaudert bei so viel Überheblichkeit. Zwar bin ich überzeugt, dass diese beiden Referenten durchaus gute Absichten verfolgen. Aber es ist bestenfalls naiv zu glauben, man könne so viele Menschen besser und glücklicher machen, wenn man sie zum Klatschen und sturen Wiederholen von Mantras auffordert. Im Grunde steckt eine gehörige Portion Respektlosigkeit darin. „Ich weiß, was gut für dich ist und du machst jetzt, was ich sage, dann wird dein Leben besser.“, so lautet die Botschaft. Natürlich: Diese Menschen haben von ihrem Publikum einen Bildungsauftrag erhalten. Aber die Verantwortung bleibt natürlich trotzdem beim Einzelnen. Er entscheidet, was er mit der Botschaft anstellt.

Wenn wir einem anderen Menschen zu mehr Einsicht verhelfen wollen, dann sollten wir uns beschränken. Wir können Zusammenhänge erläutern, wir können Vorschläge machen. Aber niemand sollte anderen vorschreiben, was sie zu tun und zu denken haben. Nicht einmal, wenn eine gute Absicht dahintersteckt.

Der Feind in deinem Büro

Kürzlich wurde ich von ZEIT ONLINE zum Thema „Effektivität von Führungskräften“ interviewt und habe dabei eher am Rande geäußert, Mitarbeiter sollten Geduld mit ihren Vorgesetzten haben. Ich erlebe ständig, wie unzufrieden Mitarbeiter sind und wie wenig Fehlertoleranz sie im Hinblick auf das Verhalten ihrer Chefs aufzubringen bereit sind. Tatsächlich sollten aber auch Führungskräfte die Chance haben, in ihre Aufgabe hineinzuwachsen. Schließlich liegt die Fähigkeit zu perfekter Führungsarbeit nicht in den Genen. „Learning by doing“ dürfte auch hier die adäquate Methode sein.

Ich war dann sehr überrascht, wie viel Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt gelenkt wurde. Bei XING fungierte der Artikel als Aufmacher-News mit dem Titel „Mitarbeiter sollten Geduld mit dem Chef haben“ – dabei berührte er auch viele andere Aspekte. Es scheint alles andere als selbstverständlich zu sein, dass Mitarbeiter ihre Chefs so behandeln, wie sie selbst behandelt werden möchten – nämlich mit Wohlwollen. Diese Haltung ist einigen nicht nur fremd, sondern – wie die Kommentare zum Artikel erkennen lassen – es scheint ein regelrechtes Feindbild zu existieren. Man unterstellt dem Chef Psychopathie und Rücksichtslosigkeit, Lernresistenz und Menschenverachtung. Ich weiß, dass es Führungskräfte mit derartigen Eigenschaften gibt, aber sie stellen keine Mehrheit dar.

Und ich frage mich, ob denen, die ihr Feindbild pflegen, eigentlich klar ist, dass sie mit dieser Haltung selbst zu ihrem Unglück am Arbeitsplatz beitragen. Denn wer von seinem Chef Schlechtes erwartet, bringt das Schlechte in ihm hervor. Das ist das simple Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die Betreffenden werden dann natürlich klagen und jede Verantwortung weit von sich weisen.