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Der eigene Stil

„I did it my way“, sang Frank Sinatra einst. Aber was bedeutet es, einen eigenen Stil zu haben? Und warum sollte das erstrebenswert sein?

Menschen mit Stil fallen auf. Sie heben sich von der Masse ab. Sie zeigen Persönlichkeit, und genau so bringen sie sich auch ein: mit einer für sie typischen Art. Sie sind auf ganz unangestrengte Weise originell. Unverwechselbar eben. Menschen mit Stil haben Werte/Vorlieben/Eigenheiten und dazu stehen sie. Es verunsichert sie nicht, wenn andere ihre Werte nicht teilen oder an ihren Eigenheiten Anstoß nehmen. Sie bleiben ihrem Kurs treu – mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt. Nicht jeder wird den unverwechselbaren Stil eines solchen Menschen zu schätzen wissen, aber es ist schwer, stilvollen Menschen den Respekt zu versagen. Ihre selbstsichere Individualität imponiert. Dieter Bohlen ist ein gutes Beispiel dafür. Seit vielen Jahren besitzt er einen hohen Bekanntheitsgrad und er hat ganz sicher einen eigenen Stil, aber längst nicht jeder bringt ihm dafür Sympathie entgegen. Dieter Bohlen scheint das nicht zu interessieren. Er folgt unbeirrt seinem eigenen Kurs und ist damit sogar außerordentlich erfolgreich.

Warum lohnt sich der eigene Kurs? Es geht sicher nicht darum, so erfolgreich zu werden wie ein Dieter Bohlen. Der eigene Stil schenkt uns vielmehr eine große Unabhängigkeit und Gelassenheit. Menschen mit Stil fragen sich nicht ständig, ob sie genügen und alles richtig machen. Sie passen sich nicht gedankenlos an, versuchen erst gar nicht, es allen recht zu machen und stellen keine Vergleiche an, um sich zu bestätigen. Sie machen selbstsicher ihr Ding und fühlen sich damit wohl. Sie brauchen niemandem etwas beweisen, sie haben es nicht nötig, um Bestätigung zu betteln. Es ist ein innerer Geisteszustand und er setzt zwei Dinge voraus: eine gute Selbstkenntnis und eine gehörige Portion Selbstakzeptanz.

Auf dieser Basis wird der eigene Stil zu einer großartigen Sache. Denn so finden wir zu uns selbst und werden ganz. Die Welt braucht noch viel mehr solcher Menschen.

Von innen nach außen

Ich hatte diese Woche Gelegenheit, an einer Fortbildungsveranstaltung mit einem sehr gut durchdachten Konzept teilzunehmen. Es ging um professionelle Präsentation. Uns Teilnehmern standen etliche Experten mit ihrem Know-how zur Verfügung. Zwei von ihnen sind mir als sehr kompetent aufgefallen. Ihnen gebührt mein Respekt.

Was mir aber auch aufgefallen ist: Der Initiator und zugleich Moderator der Veranstaltung gab sich bereits in seiner Begrüßungsrede ganz ungeniert sexistisch und hielt sich dabei offensichtlich für humorvoll. Die Expertin für souveräne Selbstdarstellung sah aus wie ein braves Mädchen, sie wirkte ausgesprochen bieder und farblos. Und die Beraterin für stylisches Auftreten kam zu dieser Businessveranstaltung verkleidet wie eine Prinzessin mit wallenden Gewändern. Keine dieser Personen konnte mich überzeugen und ich würde es energisch ablehnen, mich von ihnen beraten zu lassen. Sie demonstrieren nur allzu deutlich, dass sie keine Experten sind und das, was sie selbst entbehren, zu ihrem Beruf gemacht haben.

Das ist kein seltenes Phänomen, ich kenne es nur zu gut aus meinem eigenen beruflichen Umfeld: Wer mit seinem eigenen Leben nicht klar kommt, der wird eben Coach und pfuscht im Leben der anderen herum. Das ist verantwortungslos und gefährlich. Tatsächlich findet Entwicklung immer andersherum statt: von innen nach außen. Erst wenn ich selbst mit dem betreffenden Thema ausgezeichnet zurechtkomme, erst wenn ich weiß, wie’s geht und es auch selbst anwenden kann – erst dann darf ich mein Wissen und Können anderen Menschen verkaufen. Erst dann bin ich überzeugend und als Berater – wofür auch immer – legitimiert.

 

Was akute Krisensituationen verraten

Als Psychologin bin ich ein durch und durch neugieriger Mensch. Ich finde es überaus spannend, mich selbst und andere zu beobachten. Auch in einer Krisensituation ist ein Teil von mir immer als interessierter Beobachter involviert.

Gestern war solch eine Situation. Ich habe einen Verwandtschaftsbesuch in einem Mehrfamilienhaus in Tübingen gemacht. Ich befand mich mit meinen Neffen, fünfzehn und acht Jahre alt, in einer Wohnung im dritten Obergeschoss, als zwei Stockwerke unter uns ein gefährliches Feuer ausbrach. Im Nu füllte sich das Treppenhaus mit Rauch, sodass uns der Fluchtweg versperrt war. Eine echte Krisensituation. Was mir in der Erinnerung vor allem vor Augen steht, ist die Tüchtigkeit meines fünfzehnjährigen Neffen: Er erkannte als erster den Ernst der Situation, behielt die Nerven, überlegte vernünftig, machte Vorschläge, führte meine Anweisung (eine nasse Decke vor die Wohnungstür zu legen, damit möglichst wenig giftiger Rauch in die Wohnung drang) tatkräftig aus, er tröstete seinen kleinen Bruder und wollte mir sogar zuletzt, als die Feuerwehr uns über die Drehleiter rettete, den Vortritt lassen (wir passten nicht alle drei in den kleinen Korb).

Wenn in einer Krisensituation so viel auf dem Spiel steht, können wir uns nicht mehr verstellen; dann lässt sich keine Fassade mehr aufrechterhalten und wir zeigen unser wahres Wesen. Was ich bei meinem Neffen gesehen habe, hat mich zutiefst beeindruckt: Ein wirklich cooler Typ, dieser junge Mann, der schnell und clever reagiert, die Nerven behält, Verantwortung übernimmt und dabei noch ein Gentleman ist. Mit seinen fünfzehn Jahren scheint er mir wesentlich erwachsener zu sein als mancher Erwachsene. In seinem Alter hätte ich das vermutlich nicht geschafft. Ich bin unsagbar stolz auf ihn.

Die Weisheit des Einzelnen

Diese Woche habe ich mit Entsetzen vernommen, dass ein langjähriger und von mir sehr geschätzter Personalleiter seine Firma verlassen musste. Die Zustände dort waren für ihn unerträglich geworden, nachdem man ihm eine um 25 Jahre jüngere Frau vor die Nase gesetzt hatte, die ihm nun erklären wollte, wie man den Job richtig macht. Für meinen Kooperationspartner bedeutete das eine tiefe Demütigung, eine Bevormundung und die Entwertung seiner Arbeit. Für die Firma bedeutete es letztendlich den Verlust eines sehr tüchtigen und hoch engagierten Mitarbeiters.

Wie viel Dummheit braucht es, um derartige Effekte zu erzeugen? Der Personalleiter sieht sein Lebenswerk mit Füßen getreten und gerät in eine persönliche Krise. Die junge Nachfolgerin wird nun haufenweise Fehler begehen, die mit der Erfahrung des „alten“ Personalchefs vermeidbar gewesen wären. Das Personal muss es ausbaden. Auf diese Weise kann man im Handumdrehen alle Beteiligten zu Verlierern machen.

Es geht nicht darum, sich der Veränderung zu verschließen und in den alten Fahrwassern zu verbleiben. Das wäre genauso dumm. Es geht vielmehr darum, Altes und Neues auf möglichst glückliche Weise zu verbinden. Wir brauchen sie beide, die Erneuerer und die Bewahrer. Die Jungen können von den Alten lernen und umgekehrt. Im Grunde kann man von jedem Menschen lernen, ganz gleich, wer er ist. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an den Desiderata-Text aus Baltimore, in dem es heißt: „Und höre den anderen zu, auch den Langweiligen und Unwissenden, denn auch sie haben etwas zu sagen.“

Wir können von jedem lernen, wenn wir lernen wollen. Und wir sollten es tun.

 

Es lebe der Eigensinn!

Gestern habe ich in einem Zertifikatslehrgang für Führungskräfte mit meinen Teilnehmern zahlreiche Übungen zur Selbsterfahrung durchgeführt. Dabei wurde ganz deutlich die Einzigartigkeit jedes Einzelnen offenbar. Sie lässt sich gezielt für die Führungsarbeit nutzen. Ich wurde im Laufe des Tages geradezu euphorisch, als mir bewusst wurde, welche Schätze da zutage traten: Jeder meiner Teilnehmer verfügt über seine eigenen Ressourcen, die ihn von allen anderen unterschieden. Jeder hat etwas Besonderes zu geben.

Ich habe anschließend darüber nachgedacht, wie sehr wir dem Zwang zur Konformität unterliegen. Es wird immer so getan, als müsste man eine Aufgabe „richtig“ erledigen. Daraus entstehen dann zahllose Vorgaben, denen sich alle zu unterwerfen haben. Ich habe das noch nie gemocht und akzeptiert. „Dass du dich aber auch nie anpassen kannst!“, lautete ein häufiger Vorwurf meiner Mutter. Heute denke ich, ich habe mich viel zu oft viel zu sehr angepasst. Es wäre gut gewesen, jemand hätte mich darin unterstützt, meine Einzigartigkeit zu entdecken, zu kultivieren, zu nutzen und zu genießen. Aber damals war „Eigensinn“ noch ein Schimpfwort, mit dem man ungehorsame Kinder beschrieb.

Zum Glück bin ich schon lange kein Kind mehr und befinde mich derzeit in der glücklichen Position, Einfluss auf eine beträchtliche Anzahl von Menschen ausüben zu können. Ich nutze diese Möglichkeit, um den Eigensinn meiner Kunden zu unterstützen. „Schätze heben“ nenne ich das für mich. Mir liegt daran, Menschen zu ermutigen, ganz sie selbst zu sein. Ich bin mir sicher: Jeder von ihnen hat etwas Besonderes zu geben und sein Eigensinn ist ein Gewinn für diese Welt. So können Menschen einen großartigen und einzigartigen Beitrag leisten statt einfach nur die Norm zu erfüllen und nichts als Mittelmäßigkeit zu produzieren.

Was ich gut kann

Vorhin war ich im Laden meiner Lieblingsfloristin. Sie besitzt großes Geschick darin, Pflanzen jeder Art sehr phantasievoll und ansprechend zu präsentieren. Ich bin herumgegangen und habe all die Schönheit genossen. Ich bewundere das kreative Geschick meiner Floristin, ihr gutes Auge für ansprechende Arrangements und ich bedaure, es ihr nicht gleich tun zu können. Mir selbst fehlt die Vorstellungskraft. Ich kann Pflanzen nicht so geschickt zur Geltung bringen, würde es aber sehr gerne können.

Auf dem Heimweg habe ich dann darüber nachgedacht, wie wir mit unseren Fähigkeiten umgehen. Ich fürchte, ich habe über viele Jahre hinweg davon geträumt, bestimmte Dinge zu lernen und zu tun, für die ich kein Talent besitze. Musik machen zum Beispiel. Darüber habe ich vergessen, die Dinge angemessen zu schätzen, die mir liegen. Meine vorhandenen Talente schienen mir immer selbstverständlich zu sein.

Wir kommen im Leben weiter, wenn wir unsere Talente realistisch einschätzen. Wir sollten uns nichts vormachen und auch nicht auf Biegen und Brechen etwas erreichen wollen, für das wir nicht gemacht sind. Wir können nicht für alles eine Begabung mitbringen, weshalb uns vermutlich die eine oder andere Tür ein Leben lang verschlossen bleiben wird. Vielleicht ist das manchmal schmerzlich, aber es ist in Ordnung, denn es gibt noch genügend andere Türen, die uns offen stehen. Indem wir unseren tatsächlich vorhandenen Stärken viel Aufmerksamkeit widmen, werden wir zur besten Person, die wir sein können. Das reicht. Ich plädiere deshalb dafür, dass wir uns an dem freuen, was wir sind und haben, statt andere um etwas zu beneiden, für das wir nicht gemacht sind. Irgendein zeitgenössischer Philosoph schreibt dazu: „Selbstbewusstsein ist vor allem das Bewusstsein der eigenen Grenzen.“