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Frühe Verletzungen

Vor ein paar Tagen habe ich vor größerem Publikum einen Vortrag zum Thema „Erfolgsfaktor Selbstvertrauen“ gehalten. Dabei wollte ich wissen, wer von meinen Zuhörern als Kind irgendwann einmal geschlagen oder angeschrieen worden war. Es blieb kaum ein Arm unten…

Vermutlich hat jeder von uns schon den Satz gehört: „So ein Klaps hat noch niemandem geschadet!“   Aber das stimmt einfach nicht!!! Denn wenn ein Kind geschlagen oder „nur“ verbal niedergemacht wird, empfängt es damit eine deutliche Botschaft. Sie lautet: „Du bist nicht in Ordnung!“ Je jünger das Kind ist, desto bereitwilliger glaubt es dem Erwachsenen diese Botschaft.

Die Folgen sind verheerend und reichen weit über die jeweilige Situation hinaus. Sie können eine lebenslange Wirkung entfalten. Die Betroffenen schlagen sich auf unterschiedlichste Art mit dem Schmerz herum, den das Bewusstsein der vermeintlichen Minderwertigkeit hervorruft. Sie tun auf unterschiedlichste Weise alles, um nur diesen Schmerz nicht spüren zu müssen. Sie fokussieren unbewusst auf die Schmerzvermeidung und nicht auf das Leben.Das hindert sie daran, jemals wirklich lebendig zu sein, das Leben zu umarmen, lustvoll Abenteuer zu suchen und tiefe Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen.

Wir können nichts dafür, dass man uns entwertet hat, als wir noch jung und anderen ausgeliefert waren. Aber wir müssen die Folgen nicht ein Leben lang als selbstverständlich hinnehmen. Wir können unser Selbstwertgefühl aufbauen und stärken, evtl. auch mit professioneller Hilfe. Es sollte unsere vornehmste Aufgabe sein, uns zu voller Größe aufzurichten und die beste Person zu werden, die wir sein können.

Arbeit und Selbstachtung

Gestern wollte ich während der Autofahrt die Nachrichten hören und habe gerade noch die letzten beiden Werbespots erwischt, die davor gesendet wurden. Da verkündete eine fröhliche junge Frauenstimme, sie sei eine Jeans von C&A. Eine weitere weibliche Stimme erklärte sofort, natürlich ebenso euphorisch, sie sei auch eine Jeans von C&A und wer beide Jeans kaufe, würde eine davon billiger bekommen.

Ich habe dann von den Nachrichten nichts verstanden, weil ich so beschäftigt damit war, darüber nachzudenken, wer sich für solch einen Werbespot hergibt und wie diese Art von Arbeit mit der Selbstachtung zusammenhängt. Hat man bei Auftragsannahme schon keinen Selbstrespekt mehr und ist deshalb bereit, sich für ein bisschen Geld demütigen zu lassen oder ist man so unachtsam/verzweifelt/naiv, dass man sich auf einen derartigen Job einlässt?

Wenn ein Mensch öffentlich erklärt, er sei eine billige Jeans, muss das Auswirkungen auf die Selbstachtung haben. Und ich bin überzeugt: Jeder von uns sollte gut Acht geben, was und wie er arbeitet. Arbeit ist ein hervorragendes Mittel, die eigene Identität zu stärken. Auch die Identität, die durch Schwäche und Geringschätzung der eigenen Person gekennzeichnet ist. Frei nach dem Motto: Was du tust, das wirst du. Die jungen Frauen in diesem Werbespot schaden sich mehr als sie vermutlich ahnen.

Und noch ein Aspekt, der mich als Konsument ebenfalls beschäftigt: Was ist das für eine Firma, die denkt, ich würde mich von sprechenden Jeans in meinem Kaufverhalten beeinflussen lassen?! Wir alle glauben während unserer frühkindlichen Entwicklung eine Weile lang, alles um uns herum sei belebt. Man nennt das die „magische Phase“. Ich bin inzwischen erwachsen und darüber hinaus. C&A infantilisiert mit diesem Werbespot die Kunden, genau wie der Pharmakonzern, der uns weismachen will, es gäbe Schleimmonster, damit er sein Produkt (Mucosolvan) besser verkaufen kann. Ich fühle mich weder von C&A noch von der Firma Boehringer ernst genommen und werde deshalb deren Produkte nicht kaufen. Ich ziehe definitiv Firmen vor, die ihre Kunden mit Respekt behandeln.

Der tägliche Stolz

Diese Woche konnte ich mehrere große Erfolge feiern und bin natürlich entsprechend stolz auf mich. Es fühlt sich einfach gut an, ehrgeizige und anspruchsvolle Herausforderungen mit Bravour zu meistern. Das geht wohl jedem so. Aber solch ein Triumph ist vergleichsweise selten und gehört nicht zur selbstverständlichen Alltagserfahrung. Was geschieht an den übrigen Tagen?

Ich bin der Überzeugung, dass jeder Tag Gelegenheit bietet, stolz auf sich zu sein und wir diese Gelegenheit bewusst nutzen sollten. Es ist ja nicht nur der große Sieg, der ein Gefühl von Stolz hervorrufen kann. Es ist auch die Freude am kleinen Gelingen, die uns gut tut. Wichtig ist, nicht darauf zu warten, dass andere uns die Erlaubnis geben, stolz auf uns zu sein. Wir müssen selbst erkennen, wann wir Anlass dazu haben. Vielleicht ist es nur ein einfacher Reifenwechsel am eigenen Auto, der Grund zum Stolz gibt. Ein banales Ereignis vor dem Hintergrund des Weltgeschehens – aber für den, der so etwas zum ersten Mal versucht, ein Anlass, sich am eigenen Können zu freuen.

Ich persönlich achte darauf, dass ich abends beim Schlafengehen immer mit Stolz auf meinen Tag zurückblicken kann. Vielleicht habe ich eine neue Herausforderung angenommen und gemeistert. Vielleicht habe ich mich mit Erfolg diszipliniert, etwas zu tun, nach dem ich kein Verlangen empfand und das einzig die Vernunft vorgegeben hat. Und vielleicht habe ich wenig Bedeutsames einfach nur auf die bestmögliche Weise getan. Mir fällt in diesem Zusammenhang ein Zitat von Napoleon Hill ein: „If you cannot do great things, do small things in a great way.“ Es gibt immer Möglichkeiten, einen Grund zum Stolzsein zu schaffen. Diese existenzielle Erfahrung, diese Freude am eigenen Vermögen, stärkt das Selbstwertgefühl, macht Mut für neue Herausforderungen und ermutigt auch andere. Eine Chance, die wir uns keinen Tag unseres Lebens entgehen lassen sollten!

Bloß nicht zu bescheiden!

Kürzlich habe ich für unsere Hunde und Fische (wir haben ein ernstes Bevölkerungsproblem im Teich…) umfangreiche Futtervorräte besorgt. Die junge Frau an der Kasse war in Plauderstimmung und wollte wissen, ob ich das Futter für den Urlaub bräuchte. So kamen wir auf die Segnungen der Urlaubszeit zu sprechen und wie gut es doch tut, einmal Abstand zu haben vom Alltag. Sie erzählte, sie habe aus diesem Abstand heraus deutlich erkannt, dass ihr Mann sich von seiner Firma ausnutzen lasse. Er sei ein hochqualifizierter ITler und verdiene nur 18,00 € pro Stunde. Beide müssten Vollzeit arbeiten, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Sie berichtete, wie Sie auf Xing für ihn nach einem neuen Job gesucht habe, dass er Angebote erhalten habe, bei denen er über 4000,00 € im Monat verdienen könne. Ihr Mann sei zwar sehr aufgeschlossen für die Idee, sich besser bezahlen zu lassen, aber ihm fehle der Drive, er sei zu bescheiden, einen angemessenen Lohn zu fordern. Er sei noch sehr jung und nicht sicher, ob ihm ein besserer Lohn zusteht.

Ich kenne diese Haltung nur zu gut von einigen meiner Kunden. Es gibt viele Menschen, die meinen, es sei anmaßend, etwas für sich zu fordern. Viele lassen sich lieber vom Arbeitgeber ausbeuten als ihren Lohn neu zu verhandeln. Dahinter steckt nur allzu oft eine falsche Bescheidenheit, die es verbietet, stolz auf die eigene Leistung zu sein. Diese Menschen sind in ihren eigenen Augen niemals gut genug. Sie begnügen sich mit wenig, weil sie sich nicht erlauben können, großartig zu sein. Es passt nicht zu ihrer Selbstwahrnehmung. Dabei sind viele von ihnen hochqualifiziert. Aber sie erhalten nicht, was sie verdient hätten. Das ist traurig. „Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als wozu er sich selbst macht“, schrieb Knigge 1788. Wohl wahr!

Ein fataler Teufelskreis

Kürzlich habe ich die Bekanntschaft eines Mannes gemacht, der auf den ersten Blick extrem freundlich und zuvorkommend wirkte. Er arbeitet wie ich in einem beratenden Beruf und da ist ein freundlicher Umgangsstil sicher sehr von Vorteil. Auf den zweiten Blick allerdings fiel mir auf, dass dieses freundliche Gebaren eine Spur übertrieben ausfiel. Zu viel angestrengtes Lächeln, zu große Hilfsbereitschaft, zu häufiges zustimmendes Nicken. In mir entstand zunehmend ein Gefühl von Ablehnung und Geringschätzung. Es dauerte ein paar Minuten, bevor ich die Situation durchschaute:

Das übertrieben freundliche Gebaren war natürlich Ausdruck eines geringen Selbstwertgefühls. „Hab mich gern und sag mir, dass ich toll bin!“, schien dieser Mann mit seinen vielen kleinen Gesten zu betteln. Und genau daher kam meine Geringschätzung: Offensichtlich kann er sich selbst nicht genug schätzen und braucht dringend die Bestätigung seiner Mitmenschen. „Jeder Mensch gilt in dieser Welt nur so viel, als wozu er sich selbst macht.“, stellte schon der berühmte Herr Knigge fest. Wenn mein Gegenüber keine hohe Meinung von sich hat und um Bestätigung bettelt, halte ich automatisch auch nicht viel von ihm. Daher mein spontanes Gefühl der Ablehnung. Ich hatte keine hohe Meinung von meinem Gegenüber und noch geringere Lust, hier als Instrument zur Verbesserung seines Selbstwertgefühls zu agieren. Wir standen in einer geschäftlichen Beziehung, die Rollen waren völlig klar. „Stärkung des Selbstwertgefühls“ gehörte eindeutig nicht zu meinen Aufgaben.

Ich habe meinem Gefühl von Geringschätzung natürlich nicht nachgegeben, aber ich habe auch keine therapeutische Rolle gespielt, sondern mich ganz auf die professionelle Rolle zurückgezogen, die ich in dieser Situation innehatte. Dadurch habe ich eine Distanz aufgebaut, mit der ich mich vor den Forderungen meines Gegenübers schützen konnte.

Das Fatale für solch einen Menschen ist, dass er ganz schnell in einen Teufelskreis gerät: Sein schlechtes Selbstwertgefühl lässt ihn bedürftig erscheinen und verleitet ihn zu unterwürfigem Verhalten. Das aber stößt die Menschen seiner Umgebung ab, er erntet ablehnende und ungeduldige Reaktionen. Diese wiederum verstärken bei ihm den Eindruck, dass andere ihn nicht mögen und er nicht viel wert zu sein scheint. Sein Selbstwertgefühl nimmt weiter ab.

„Selbstschätzung ist Pflicht des Menschen gegen sich selbst:“, mahnte Immanuel Kant. Wie wahr!