Schlagwort-Archiv: Selbstkenntnis

„Authentisch“ ist kein Luxus

In der Arbeitswelt scheint Verstellung zum Alltag zu gehören. Man hat den Eindruck, als wäre Unaufrichtigkeit Teil der beruflichen Rolle. Selbstverständlich ist es nicht ratsam, sich hemmungslos gehen zu lassen und das eigene Verhalten blindlings von Impulsen bestimmen zu lassen. Dennoch sollten wir uns selbst treu bleiben – egal, was kommt.

Denn Verstellung ist anstrengend und gefährlich. Anstrengend, weil wir ständig etwas in uns unterdrücken müssen, wenn wir nicht authentisch agieren. Nicht sagen zu dürfen, was man denkt, etwas darzustellen, was man nicht ist – das macht einen enormen Energieaufwand erforderlich. Diese Energie fehlt dann anderswo und kann beispielsweise nicht der Arbeit zugutekommen. Zudem gelingt das Schauspiel nicht zuverlässig. Denn ohne dass wir es bemerken, entschlüpfen uns verräterische Signale. Unkontrollierte Mimik, ein kleines Zögern im entsprechenden Augenblick, die falsche Stimmlage, die nicht zur Aussage passt – diese und ähnliche Signale werden uns unweigerlich früher oder später verraten. Sie wirken auf die Umgebung mitunter sehr irritierend, weil Aussagen und Körpersprache nicht zusammenpassen.

Gefährlich ist die Verstellung vor allem deshalb, weil wir uns selbst fremd werden, wenn wir zu oft eine Rolle spielen. Da wir erst gar nicht mehr danach fragen, was wir wirklich fühlen und wollen, sondern nur noch damit beschäftigt sind, unsere Rolle so gut wie möglich auszufüllen, verlieren wir uns selbst aus dem Blick. Dann ist es nicht mehr möglich, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und gut für sich selbst zu sorgen. Manch einer fühlt sich unzufrieden und innerlich leer, ohne recht zu wissen, warum.

Wir sollten uns also treu bleiben. Für konfliktträchtige Situationen empfehle ich soziales Geschick und die Kunst der Diplomatie. So ist nicht nur gewährleistet, dass unsere eigenen Interessen und Bedürfnisse Berücksichtigung finden können, sondern wir sind auch eher in der Lage, eigene Ideen und Werte in die Arbeit einzubringen. Und das kann zu einem Gewinn für alle Beteiligten werden.

Der kleine Unterschied

Jeder von uns muss sich verkaufen können, jeden Tag. Und da ich diese Woche gleich mehrfach Vorträge zum Thema „Stil und Charisma“ halte, ist mein Blick momentan dafür geschärft, wie meine Mitmenschen auftreten und sich verkaufen.

In diesem Zusammenhang ist mir die Rechnung eines meiner Dienstleister besonders ins Auge gefallen. Er muss, um effektiv für mich tätig sein zu können, in engem persönlichen Kontakt mit mir stehen. Nun habe ich eine Rechnung von ihm erhalten: Er fordert einen recht hohen Betrag, verzichtet dabei auf jede Anrede, auf den Gruß und benutzt obendrein noch Briefpapier, auf dem die falsche Kontoverbindung angegeben ist. Er hat die betreffenden Zeilen kurzerhand gestrichen und die neue Kontoverbindung darüber vermerkt.

Da hat doch tatsächlich jeder Supermarkt mehr Stil als mein Dienstleister! „Vielen Dank für Ihren Einkauf“ lese ich auf jedem Kassenzettel. Ich hatte zuvor schon Zweifel, ob dieser Mensch der richtige Kooperationspartner für mich ist und nun bin ich mir sicher, dass ich ihm keinen Auftrag mehr geben will. Wie kann man bloß derart stillos sein!? Es handelt sich bei den genannten Dingen nur vordergründig um oberflächliche Kleinigkeiten. Mit solchen „Kleinigkeiten“ verraten wir uns. Sie entspringen tieferen Schichten. Es sind die vielen kleinen Gesten, mit denen wir unvermeidlich unser Innerstes offenbaren. Daher sollten wir sehr sorgsam auch in den kleinen Dingen sein. Deren Wirkung ist nicht zu unterschätzen. Wenn wir um die Bedeutung der kleinen Dinge wissen, eröffnen sich uns zahllose Möglichkeiten, jenseits der Norm unseren ganz eigenen Stil zu entwickeln. Diesen Unterschied selbst zu spüren und für andere erkennbar zu machen – das ist stilvolle Selbstverwirklichung.

Das Ich als komische Figur

Ich habe mich in den vergangenen Tagen ein wenig mit Fachliteratur zum Thema „Humor“ beschäftigt. Nicht nur die Wissenschaft hat etwas dazu zu sagen, sondern es gibt auch kluge Gedanken dazu von Menschen, die Humor zu ihrem Beruf gemacht haben.

U.a. ging es dabei um die Frage, wie man komische Figuren für eine Comedy entwirft. Welche Eigenschaften machen eine Figur überhaupt komisch? Entscheidend dafür ist immer die sogenannte komische Perspektive: eine ganz spezielle Weltsicht, die die Figur auszeichnet und mit der sie sich von anderen unterscheidet. Je ausgeprägter diese Abweichung von der Norm ist, desto komischer wirkt die Figur. Will man also eine Comedy kreieren, muss man sich dazu ein paar charakteristische Eigenheiten für seine Figuren ausdenken. So stellt beispielsweise in der Serie „Two and a half men“ Charly Sheen einen unverbesserlichen Frauenhelden dar, der wegen seiner dysfunktionalen Mutter-Sohn Beziehung völlig auf seine sexuellen Abenteuer fixiert ist. So weit so gut.

Der Autor John Vorhaus wirft in seinem Buch über Humor nebenbei irgendwo die Frage nach der komischen Perspektive des Lesers auf. Jeder von uns hat irgendeine Fixierung auf ein Thema und eine bestimmte Sichtweise. Deshalb ist jeder von  uns grundsätzlich als Comedyfigur geeignet. Seither grübel ich darüber nach, wie ich selbst in eine Comedy hineinpassen könnte. Dabei beschleicht mich der Gedanke, dass die komische Geschichte längst begonnen hat und ich mich mitten darin befinde, ohne mir dessen bewusst zu sein… Höchste Zeit, dass ich endlich zu lachen beginne!