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Tür zu!

Wir genießen so viel Freiheit wie nie zuvor in der menschlichen Geschichte. Jeden Tag stehen uns unermesslich viele Möglichkeiten offen, es gibt unzählige attraktive Optionen. Doch auch wenn die Alternativen grenzenlos sind, unsere Lebenszeit ist es nicht. Wir sind gezwungen, zu wählen und zu entscheiden, welche der Möglichkeiten wir nutzen wollen.

Das ist schwer. Denn mit jeder Entscheidung, die wir FÜR etwas treffen, entscheiden wir fast immer auch GEGEN eine oder mehrere attraktive Alternativen. Das fühlt sich oftmals nicht gut an, weshalb wir bemüht sind, uns so viele Optionen wie möglich offen zu halten. Und genau damit tun wir uns nichts Gutes. Denn wer sich alle Optionen bewahren will, findet keine Orientierung und kann seine Energien nicht bündeln. Er verliert sich schnell im Dickicht der Alternativen.

Wir kommen um Entscheidungen nicht herum: Welche Türen wollen wir offen lassen und welche wollen wir schließen? Bei dieser Frage geht es um Lebensgestaltung. Wir können nicht alles sein, tun und haben. Wie ein Bildhauer Überschüssiges abschlägt, damit sein Kunstwerk hervortreten kann, so müssen auch wir bereit sein, uns von Überflüssigem zu befreien. Nur so kann das Wesentliche in unserem Leben Gestalt gewinnen. Wir modellieren unser Leben aus der Masse der Möglichkeiten heraus.

Es kann schmerzlich sein, eine Tür für immer zuzuschlagen und zu entscheiden, dass der eigene Weg an dieser Möglichkeit vorbeiführen soll. Aber keiner von uns wird genug Zeit haben, um all das Schöne und Bereichernde in dieser Welt genießen zu können. Wir müssen uns auf ein paar Dinge beschränken und diese dann intensiv nutzen und auskosten. Wir alle müssen uns entscheiden, wie wir leben wollen und welchen Dingen/Situationen/Menschen wir in unserem Leben einen Platz geben wollen. Wer sich klug entscheidet, wird seine Erfüllung finden. Dann gibt es kein Bedauern wegen all der ungenutzten Möglichkeiten. Denn das eigene Leben ist ja reich – und mehr als Erfüllung geht ohnehin nicht.

Dranbleiben!!!

Ich bin ein Fan von Hermann Scherer. Die meisten seiner Bücher habe ich sorgfältig gelesen, vieles verinnerlicht. Und ich mag seine Postkarten mit Zitaten. Zur Zeit steht eine dieser Postkarten aufrecht auf meinem Schreibtisch, mitten drin in meinem Blickfeld. Darauf, schnörkellos, eine einfache Frage:

Bringt dich das, was du jetzt gerade tust, wirklich deinen Zielen näher?

Seit ich diese Frage permanent vor Augen habe, arbeite ich tatsächlich konzentrierter. Es ist überraschend, erschreckend, erstaunlich, wie leicht ich mich ablenken lasse. Ich befürchte, wir merken im Alltag oftmals gar nicht, dass es gerade mal wieder geschieht. Ich halte mich selbst für zielstrebig. Das stimmt auch; jedenfalls im Vergleich zu den meisten Menschen in meinem Umfeld. Aber es ist dennoch nur begrenzt wahr. Es gibt Schwachstellen in meiner Festungsmauer; es gelingt mir nicht so gut, wie ich möchte, Ablenkungen abzuwehren. Eine neue Mail, eine interessante Webseite, ein Gedanke, den ein Gesprächspartner am Rande äußert, ein Gedanke, der sich spontan uneingeladen in meinem Kopf breitmacht – all das kann plötzlich meine Aufmerksamkeit beherrschen.

Dann ist es gut, wenn mein Blick auf die Postkarte vor mir fällt und ich daran erinnert werde, was ich eigentlich vorhabe. Das hilft sehr. Vielen Dank, Herr Scherer!

Was ist wichtig?

Vor einigen Tagen bei uns im Einkaufszentrum: Zwei der drei Aufzüge waren außer Betrieb. Wer mit seinem voll beladenen Einkaufswagen in die Tiefgarage hinunter fahren wollte, musste lange anstehen. Blöde Situation, aber bedeutungslos. Dachte ich jedenfalls. Meine Mitmenschen teilten diese Haltung überwiegend nicht. Während ich mit meinen Einkäufen vor dem Aufzug anstand, hörte ich einen Mann hinter mir minutenlang vor sich hin schimpfen. Ein anderer war von der Situation so gestresst, dass er beim Einsteigen seinen mittelgroßen Hund heftig an der Leine riss. Das arme Tier fiel dabei gleich zweimal nacheinander auf den Rücken. Im ersten Untergeschoss stieg eine Dame zu, obwohl sie gar nicht wie ich ins zweite Tiefgeschoss wollte, ihr Ziel war vielmehr das Obergeschoss. Es kam ihr nur darauf an, sich einen Platz im Aufzug zu sichern. Dafür war sie bereit, sinnlos auf und ab zu fahren. Als ich schließlich bei meinem Auto ankam und meine Tüten einlud, wunderte ich mich, woher die Bezeichnung „Homo sapiens“ eigentlich kommt. Nach dieser Erfahrung schien sie mir wenig zutreffend zu sein.

Ich frage mich ernsthaft, warum diese Menschen so heftig auf defekte Aufzüge reagieren. Ich für meinen Teil gebe solch kleinen Unannehmlichkeiten keine Macht über mich. Ich erlaube ganz einfach nicht, dass derartige Dinge Einfluss auf meine Stimmung und meine Gedanken nehmen. Es ist ganz normal, dass im Alltag nicht alles rundläuft. Es existiert schließlich kein Recht auf funktionierende Aufzüge. Wozu also die Aufregung?! Sparen wir uns die Kraft lieber für Dinge, die unserer Aufmerksamkeit wert sind! Wir sollten bewusst entscheiden, welche Bedeutung einzelne Erfahrungen für uns besitzen. Ich jedenfalls weiß sehr genau, wo meine Prioritäten liegen.

 

So viele Ablenkungen…

Gestern habe ich erfahren, dass im Odenwald gerade die Odenwald Country Fair eröffnet wird. Im Englischen Garten zu Eulbach kann man schöne Dinge rund um den Sommer und das Landleben entdecken. Ich liebe es, solche Ausstellungen zu besuchen. Es gibt meist viel Schönes zu bewundern, man bummelt von Stand zu Stand, lässt sich kulinarisch verwöhnen und genießt die sommerliche Atmosphäre. Vor einigen Jahren habe ich dabei einen wunderbaren Springbrunnen für mein Institut gefunden, an dem ich immer noch viel Freude habe. Deshalb war ich im ersten Moment entzückt, als ich von der Veranstaltung im Odenwald erfuhr. Aber dann fiel mir ein, dass ich ja eigentlich bis Sonntag ein Kapitel für mein neues Buch beenden wollte und deshalb keine Zeit für einen Ausstellungsbesuch habe. Allerdings könnte ich diese Arbeit natürlich auch verschieben…

Hier gibt es nun also zwei konkurrierende Ziele: Auf der einen Seite lockt das Vergnügen, auf der anderen wartet eine mühselige Aufgabe. Der Zufall will es, dass mein aktuelles Kapitel, an dem ich gerade arbeite, von der Fähigkeit zur Fokussierung handelt. Ich frage mich also ganz ernsthaft: Wo liegt meine Priorität? Auf welches Ziel sollte ich mich konzentrieren? Was hat mehr Bedeutung für mich? Na klar, eindeutig mein Buch. Also ist die Entscheidung gefallen: ich bleibe hier und schreibe mein Kapitel fertig.

Wir leben in einer Zeit ständiger Ablenkungen. Aber wer sich allzu oft ablenken lässt, bringt nichts zuwege. Je schlechter die Konzentration, desto schlechter die Leistung. Darum brauchen wir unbedingt einen klaren Blick für unsere Prioritäten und müssen bereit sein, Opfer zu bringen. Wertvolle Ziele verlangen immer Anstrengung, Arbeit und Zeit. Und ein Opfer zu bringen ist ja im Grunde nichts Schlimmes; es bedeutet lediglich, etwas Gutes für etwas Besseres aufzugeben. Dabei kann man schließlich nur gewinnen.

 

Wo bleibt die Würde?

Diese Woche habe ich mich mit einem Handwerker herumgeschlagen, der bis Ende April einen Auftrag in meinem Geschäftshaus ausführen sollte. Diesen Auftrag hatte er bereits im Januar erhalten, sodass er ausreichend Gelegenheit zur Planung der Arbeiten gehabt hätte. Die hat er jedoch nicht genutzt und ist nun tüchtig in Verzug geraten, was einige Unannehmlichkeiten hervorruft. Ich habe ihn deswegen zur Rede gestellt. Seine Rechtfertigung war erbärmlich. Sie lautete ganz einfach: „Ich kann nichts dafür!“ Die Schuld schob er auf einen Kollegen, der die Arbeit verzögert habe.

Zum einen stimmt das ganz einfach nicht. Der Kollege hat nachweislich gut und fristgerecht gearbeitet. Außerdem war es genau dieser Kollege, dem mein herumbummelnder Handwerker seinen Auftrag letztendlich zu verdanken hat. Er weigert sich also nicht nur, die Verantwortung für seine Bummelei zu übernehmen und dafür gerade zu stehen, sondern er verhält sich darüber hinaus auch noch illoyal und undankbar.

Diese Beobachtung hat mich wieder einmal darüber nachdenken lassen, was mir persönlich an anderen Menschen am wichtigsten ist und wofür ich sie hoch oder gering schätze. Ich bewundere Sachkenntnis und Expertenstatus. Ein brillanter Geist oder handfestes Können nötigen mir Respekt ab. Aber noch mehr Respekt empfinde ich gegenüber Menschen mit gutem Charakter und Rückgrat. Ich schwärme für Menschen, die Würde besitzen, sich erwachsen verhalten und anderen mit Wohlwollen begegnen. Nach solchen Menschen halte ich Ausschau, mit ihnen möchte ich mich umgeben, unabhängig davon, über welches Können sie verfügen oder welchen gesellschaftlichen Status sie besitzen. Leider wird der Charakterbildung in unserer Gesellschaft vergleichsweise wenig Sorgfalt gewidmet. Ich schließe mich mit Überzeugung denjenigen an, die kritisch anmerken, dass wir zur Zeit die falschen Werte kultivieren.

 

Der Planungsirrtum (Teil 2)

Ich schaffe es nicht. Jeden Tag dasselbe: Ich nehme mir zu viel vor, daher bleibt etliches unerledigt und ich gehe frustriert schlafen. Keine sonderlich befriedigende Situation.
Aber ich habe einen Weg für mich gefunden: Jetzt setze ich nur noch zwei bis vier Punkte auf meine Liste, die obligatorisch sind für den Tag. Sie genießen oberste Priorität und müssen unbedingt abgearbeitet werden. Daneben gibt es eine Reihe von optionalen Aufgaben. Die „darf“ ich angehen, sobald die wichtigsten Arbeiten erledigt sind. Hier agiere ich ohne Druck.
Ergebnis: Es geht mir damit wesentlich besser als zuvor. Die Hauptaufgaben schaffe ich täglich. Dafür ist immer ausreichend Zeit. Und wenn ich abends zu Bett gehe, bin ich stolz, wie viele „freiwillige“ Arbeiten ich geschafft habe (statt frustriert zu sein, weil ich wieder mal hinter meinen eigenen Erwartungen zurückgeblieben bin).
Fazit: Zeitmanagement-Rezepte machen nur bedingt Sinn. Letzten Endes sind sie nicht eins zu eins übertragbar. Sie passen einfach nicht zu jedem in jeder Situation. Besser ist es, mit Verstand und auf der Basis der eigenen Erfahrung die ganz individuelle Arbeitsorganisation zu entwickeln.

Die heimliche Priorität….

Von Zeit zu Zeit arbeite ich für einen Kunden in Wiesbaden. Die Entfernung beträgt 25 km. Meine Seminare dort starten für gewöhnlich um 8:30 Uhr. Wenn ich eine Stunde zuvor von zu Hause losfahre, verbringe ich so viel Zeit im Berufsverkehr, dass ich punktgenau ankomme. 60 Minuten für 25 km, viel Stop and Go, lange Staus vor Straßeneinmündungen und roten Ampeln, gestresste Autofahrer und am Ende noch eine nervige Parkplatzsuche. Wie blöd muss man sein, um sich das regelmäßig anzutun? Die Frage kam spät, aber irgendwann wurde mir klar, dass ich blöd war und auch warum: Ich wollte morgens so lange wie möglich schlafen können. Diese Priorität hatte ich mir nie klar gemacht. Und auch nicht, welchen Preis ich dafür bezahlte. Jetzt bin ich klüger (endlich!): Ich fahre eine halbe Stunde früher los, halbiere wegen des geringeren Verkehrsaufkommens meine Fahrzeit und bin somit eine Stunde vor Arbeitsbeginn an meinem Arbeitsplatz. Parkplätze sind zu dieser Zeit noch reichlich vorhanden, ich kann den Seminarraum in aller Ruhe vorbereiten und habe noch genug Zeit übrig für einen Spaziergang mit meinen Hunden (die mich immer zur Arbeit begleiten). Der Kurpark in Wiesbaden ist zu solch früher Stunde besonders schön…