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Selbstmotivierung ist Selbstvergewaltigung

Ich gebe es offen zu: Ich habe Angst vorm Zahnarzt. Das liegt ganz einfach daran, dass ich ein lernender Organismus bin. Da ich bereits schlechte Erfahrungen in Zahnarztpraxen gemacht habe, warnt mich mein Gehirn davor, dort noch einmal hinzugehen. Denn natürlich sind wir alle darauf programmiert, Schmerz zu vermeiden. Angst gehört zu den Funktionen unseres Reptilien-Gehirns bzw. Stammhirns. Und wem würde nicht mulmig, wenn er so etwas hört:

 

Wir sind aber als hoch entwickelte Geschöpfe nicht gezwungen, diesem uralten Teil unseres Gehirns die Regie zu überlassen. Und deshalb besitze ich die Freiheit, zum Zahnarzt zu gehen, obwohl meine Angst mich zurückhalten will. Ich besitze Verstand und Willenskraft. Ich kann mich motivieren, etwas zu tun, das einTeil von mir partout nicht tun möchte. Deshalb habe ich gepflegte und gesunde Zähne. Und Sie hoffentlich auch…

Es geht nicht ohne Selbstmotivierung

Es ist also toll, dass wir uns motivieren und überwinden können. Denn viele notwendige Aktivitäten wären uns ohne diese Fähigkeit zur Selbstmotivierung und Selbstüberwindung gar nicht möglich. Wir sind in der Lage zu tun, was wir als sinnvoll und notwendig erachten – unabhängig davon, wie wir uns dabei fühlen. Und das ist großartig!

Welche Rolle spielt diese Fähigkeit nun für unser Arbeitsleben? Vermutlich eine gewaltige! Im Arbeitsalltag dürfte haufenweise Selbstmotivierung im Spiel sein. Das erkennt man schon an der Sprache. Wie oft sagen wir  Dinge wie „Ich muss jetzt…“, „Ich muss heute unbedingt noch…“ etc. Da hört man wenig „Ich möchte…“, „Ich will unbedingt…“. Wir sehen uns zu zahlreichen Aktivitäten gezwungen und überwinden uns dann dazu. Das ist gut und schlecht zugleich.

Es ist gut, weil wir dann effektiv sind und wichtige Dinge erledigen können. Wir leisten einen Beitrag zum Ganzen, wir beschäftigen unser Gehirn, strukturieren den Tag und verdienen unseren Lebensunterhalt. Wir machen das toll, wir können stolz auf uns sein.

 

Die Rache des Reptiliengehirns

Da gibt es allerdings ein kleines Problem: Wenn wir uns selbst motivieren und überwinden, dann halten wir damit unser Reptiliengehirn unter Kontrolle. Wir arbeiten gegen die Impulse, die von dort kommen. Wir unterdrücken Frust und Unlust, Überdruss, Widerwillen, Unbehagen, Angst – und all die anderen Signale, die uns vermitteln: Tu’s nicht, lass es bleiben! Geh nicht zum Chef rein! Ruf den blöden Kunden nicht an! Geh nicht zu dieser langweiligen Besprechung! Wirf die Unterlagen doch weg! Bleib einfach morgens im Bett liegen! Verlasse dein Büro, geh lieber spazieren! usw.

Es ist nicht ganz einfach, das Reptil in uns davon abzuhalten, die Kontrolle zu übernehmen. Und es gelingt auch nicht immer. Dann sind wir unseren Impulsen ausgeliefert und lassen uns gehen.

Die Unterdrückung von Impulsen kostet viel Energie. Auch wenn wir mit großer Überzeugung dahinterstehen – Disziplin ist anstrengend. Das Reptil zu zähmen, erfordert Entschlossenheit und Kraft.

Der Preis der Selbstmotivierung

Wenn wir einen Teil von uns nicht zum Zuge kommen lassen, bedeutet das, dass wir gegen uns selbst handeln. Denn sicher ist: Wir müssen uns nur zu den Handlungen motivieren, die Unlustgefühle auslösen; zu denen wir nicht mit ganzem Herzen „ja“ sagen können. Mit Selbstmotivierung ringen wir immer die innere Unlust nieder, wir unterdrücken damit den inneren Widerstand. So betrachtet ist jeder Akt der Selbstmotivierung ein Akt der Selbstvergewaltigung. 

Und solch ein Akt erfordert einen Preis:

  1. Wer sich bei der Arbeit viel motiviert, verwendet seine Energie darauf, die eigenen inneren Widerstände zu kontrollieren. Diese Energie steht dann nicht mehr für die Arbeitsleistung zur Verfügung. Mit anderen Worten: Selbstmotivierung schwächt das Leistungsvermögen. Wer sich viel motivieren muss, erbringt schlechtere Leistungen.
  2. Je mehr wir uns bei der Arbeit motivieren, desto erschöpfter sind wir am Abend. Die permanente Selbstüberwindung kann uns auslaugen. Das bedeutet, dass viele von uns abends keine Energie mehr übrig haben für ein ausgefülltes Privatleben. Sie haben dann z.B. nicht mehr genug Kraft, um mit ihren Kindern zu toben und Quality-Time mit ihnen zu verbringen. Oder sie schaffen es nicht mehr, zum Sport zu gehen. Ständige Selbstmotivierung kostet Lebensqualität.

Die Alternative

Ich behaupte nicht, dass ein Arbeitsleben ohne Selbstmotivierung und Selbstüberwindung möglich ist. Aber ich bin mir ganz sicher, dass sie keine Basis für ein ganzes Arbeitsleben bilden dürfen. Wir brauchen eine Alternative. Und diese Alternative ist die Freude.

Wenn wir uns freuen, wird Energie freigesetzt. Selbstmotivierung hingegen zieht uns Energie ab. Wer sich freut, ist gesünder, arbeitet besser und ist wegen seiner guten Laune auch ein sehr viel angenehmerer Sozialpartner. Es wird also weniger Konflikte am Arbeitsplatz geben. Freudvolles Arbeiten erhöht somit die  Leistungsfähigkeit und verbessert zugleich die Lebensqualität.

 

 

Die Perspektive entscheidet!

Nun haben wir natürlich gute Gründe dafür, dass wir uns beim Arbeiten so oft zur Selbstmotivierung veranlasst sehen. Das Reptiliengehirn sagt ja nicht von ungefähr „bloß weg hier!“ Für unser Empfinden und unser Handeln ist aber nicht allein die Botschaft unseres Stammhirns ausschlaggebend. Glücklicherweise haben wir auch einen Neokortex, der es uns ermöglicht, unsere Perspektive zu wählen. Wir sind nicht gezwungen, uns ständig mit den Botschaften des Reptiliengehirns zu beschäftigen, sondern können unsere Perspektive wählen.

Es gibt da eine ganz einfache Regel: Das, womit sich der Geist beschäftigt, das wächst. Es bekommt immer mehr Raum im Denken und Fühlen. Wenn wir uns also auf die Auslöser für unsere Frustration konzentrieren, wenn wir uns unseren Unlustgefühlen hingeben, dann können wir nur unglücklich werden. Wechseln wir hingegen die Perspektive und halten gezielt Ausschau nach guten Dingen, dann haben wir die Chance, den Arbeitsalltag als erfüllend zu erleben. Glück ist Kopfsache!

Meine Mission

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Menschen dabei zu unterstützen, ihre Freude in der Arbeit zu finden – obwohl sie sich genauso gut laufend darüber beklagen könnten. Und wenn Sie den Eindruck haben, dass Sie zu wenig Erfüllung in Ihrem Job finden und zu wenig Freude daran haben, dann lade ich Sie herzlich ein, sich einen Termin für ein kostenfreies Orientierungsgespräch bei mir zu holen. Hier sehen Sie einen Kalender. Wenn Sie darauf klicken, können Sie sich einen Termin für solch ein Gespräch reservieren. Es liegt an Ihnen, diese Chance wahrzunehmen. Sicher ist auf jeden Fall: Sie gehen kein Risiko damit ein und können nur gewinnen!

 

Arbeit und Glück

Es gibt tatsächlich Menschen, die völlig davon überzeugt sind, dass Arbeit und Glück ein Gegensatzpaar bilden. Wer glücklich sein will, darf nicht arbeiten, und wer arbeitet, kann nicht gleichzeitig glücklich sein. So meinen sie. Und ich gebe zu, dass es manchmal nicht ganz einfach ist, sein Glück in der Arbeit zu finden.

Glückshemmende Faktoren

Inzwischen erscheinen regelmäßig Studien, die klar belegen, was uns bei der Arbeit am meisten zu schaffen macht und warum wir uns so schwer damit tun, die Arbeit zu mögen. Sehr häufig sind es die Führungskräfte, die den Menschen die Freude an der Arbeit nehmen. Man wirft ihnen beispielsweise vor, dass sie keinen Blick für ihre Mitarbeiter haben, ihnen für ihre Leistungen zu wenig Anerkennung zollen. Deshalb schrieb Reinhard Sprenger in seinem Buch „Mythos Motivation“:

Nichts demotiviert so gründlich wie die soziale Inkompetenz des unmittelbar Vorgesetzten.

Aber das ist natürlich bei weitem nicht alles, was den Beschäftigten das Leben schwer macht. Sie vermissen nicht nur Wertschätzung, sondern auch viele andere Dinge: die Loyalität ihres Arbeitgebers, ein gutes Betriebsklima, den Sinn ihrer Arbeit usw. Die vielzitierte Gallup Engagement Studie zeigt deshalb regelmäßig auf, dass nur etwa 15% der Beschäftigten eine hohe emotionale Bindung an ihren Arbeitsplatz und Arbeitgeber haben.

Arbeitsfreude und Motivation – trotz allem

Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass viele von uns jeden Grund haben, sich über ihre Arbeit zu beschweren. Aber was nutzt das? Wer sich beklagt und all das Unbefriedigende in den Vordergrund rückt, schadet sich selbst damit nur noch mehr. Schlimm genug, dass die Zustände zu wünschen übrig lassen. Wir sollten uns nicht noch zusätzlich damit quälen, dass wir uns auf all das Ungute fixieren, das uns bei der Arbeit begegnet.

Denn letzten Endes wollen wir alle das Gleiche: ein erfülltes und glückliches Leben. Konzentrieren wir uns auf unsere Unzufriedenheit, machen wir es nur noch schlimmer. Denn das, womit sich unser Geist beschäftigt, das wird wachsen. Es bekommt Immer mehr Raum in unserem Denken und Fühlen. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns nicht auf die Missstände konzentrieren, sondern auf unsere Möglichkeiten, trotz allem glücklich zu sein. Arbeitsfreude ist grundsätzlich möglich, aber sie ergibt sich nicht immer von allein. Wir müssen selbst dafür sorgen, dass die Arbeit wieder Freude macht.

Eine Entscheidung treffen

Es geht nicht darum, dass wir so tun, als sei alles in Ordnung. Meine Empfehlung lautet nicht, sich die Situation am Arbeitsplatz schön zu reden. Ich empfehle vielmehr, sich nicht einseitig auf all das Negative und Unbefriedigende zu konzentrieren. Zumal es nicht in unserer Macht liegt, jedes Ärgernis aus dem Weg zu räumen. Meine Empfehlung lautet vielmehr: Schärfe deinen Blick für das Gute, das da ist. Entscheide dich dafür, dein Glück in deine eigenen Hände zu nehmen und für glückliche Momente bei der Arbeit zu sorgen – obwohl du dich ebensogut über manches beklagen und darüber unglücklich sein könntest. Gib einfach den negativen Faktoren nicht gedankenlos so viel Macht über dich!

Wissen, wie’s geht

Um sich glücklich fühlen zu können, bedarf es nicht irgendwelcher glücklicher Umstände. Das Glück ist eine Eigenleistung. Aber um diese Leistung erbringen zu können, ist es wichtig, etwas über die Natur des Glücklichseins zu wissen. Mir scheinen hier vor allem zwei Dinge bedeutsam zu sein:

  1. Das Glück hat stets die Qualität des Trotzdem. Wir dürfen mit dem Glücklichsein nicht warten, bis irgendwann alle Dinge in Ordnung gekommen sind. Das wird vermutlich niemals passieren. Glück ist, wenn man sich trotzdem freut.
  2. Das Glück ist stets episodisch. Es gibt kein Dauerglück. Es liegt nicht in unserer Natur, pausenlos glücklich zu sein. Deswegen werden wir auch an einem befriedigenden und glücklichen Arbeitstag immer Momente haben, in denen wir uns nicht glücklich fühlen. Keiner von uns wird es schaffen, von Arbeitsbeginn bis Arbeitsende ununterbrochen in Hochstimmung zu sein.

Die Aufgabe

Deshalb lautet die Aufgabe für alle, die glücklich arbeiten wollen:

Sieh zu, dass du im Laufe jedes Arbeitstages so viele glückliche Episoden wie möglich schaffst!

Diese Aufgabe ist für jeden von uns lösbar. Wir können unzählige Möglichkeiten entdecken, für einen Augenblick glücklich zu sein – auch wenn es Faktoren bei der Arbeit gibt, die dem Glück entgegenstehen. Wir müssen nur anfangen, danach Ausschau zu halten. Wenn wir den Fokus verändern, wenn wir also nicht länger die negativen Faktoren ins Visier nehmen, sondern nach Glücksmomenten suchen, werden wir jeden Tag mit mehr Freude arbeiten können. Glück ist kein Hokuspokus, sondern eine Frage des Fokus!

 

Wenn Sie mit Ihrer Arbeit unzufrieden sind und nicht recht wissen, wie Sie das ändern können, dann klicken Sie einfach auf den Hilfe-Button und machen einen Termin für ein kostenloses Gespräch mit mir. Lassen Sie uns miteinander reden und herausfinden, wie Sie mehr Freude bei der Arbeit haben können.

Auszeit!

Nach etlichen Wochen, in denen ich auch das Wochenende durchgearbeitet hatte, habe ich mir kürzlich eine Auszeit gegönnt und bin für einen Tag weggefahren. Einfach so, irgendwohin, wo es schön ist. Bei meiner Rückkehr hatte ich ein sonderbares Gefühl:

Meine Probleme, mit denen ich mich derzeit herumschlage, schienen kleiner geworden zu sein. Die Räume daheim waren zwar vertraut, aber plötzlich fiel mir auf, dass ich ein paar Dinge verändern sollte. Insgesamt war meine Stimmung anders, ich stand mehr über den Dingen.

Abstand ermöglicht eine andere Perspektive. Eine ziemlich banale Binsenweisheit. Komisch nur, dass wir sie uns im Alltag so selten zunutze machen! Stattdessen glauben wir, auf jede Situation sofort reagieren zu müssen. Nicht selten passiert das spontan und unreflektiert. Wir setzen uns selbst unter Druck statt zu sagen: „Darüber muss ich erst mal nachdenken.“

Dabei wäre es so nützlich, dieses Nachdenken. Oder einfach mal gar nichts tun. Das Unbewusste arbeiten lassen. Was wäre, wenn Mitarbeiter während der Arbeitszeit spazieren gehen dürften, um sich zu entspannen? Damit der Geist bessere Lösungen liefern kann… Ja, ich weiß: Das geht schon mal gar nicht, denn diese Art der Arbeit lässt sich weder messen noch kontrollieren.

Aber kleine Auszeiten müssten jedem möglich sein: Einfach mal rausgehen und einen Kaffee holen, bevor eine Situation eine ungute Wendung nehmen kann. Einfach mal sagen: „Lassen Sie uns eine Nacht darüber schlafen!“ Wenigstens so viel Auszeit sollte drin sein!

Wenn Mitarbeiter die Perspektive wechseln würden…

Der eigene Chef wird nicht selten für Mitarbeiter zum Kündigungsgrund. Beschäftigte sehen mitunter keine Möglichkeit mehr zu einer befriedigenden Kooperation mit ihrem Vorgesetzten. Sie fühlen sich missachtet, ausgebremst, bevormundet, hintergangen etc. Dergleichen wird auf Dauer unerträglich. Bis es dann schließlich zum Jobwechsel kommt, ist viel passiert.

Tatsächlich garantiert aber auch der neue Arbeitsplatz nicht unbedingt eine Besserung. Denn überall sitzen Menschen mit Defiziten auf den Chefsesseln. Das Problem könnte also am neuen Arbeitsplatz eine Fortsetzung erfahren. Vielleicht mit einer anderen Variante… Was tun?

Es ist grundsätzlich immer eine gute Idee, in einem solchen Fall die Perspektive zu wechseln. Denn wer seine Vorgesetzten versteht und ihr Verhalten durchschaut, gewinnt größere Handlungsspielräume und kann im Idealfall sogar in der Beziehung zum Vorgesetzten die Führung übernehmen. Dazu drei Beispiele:

  1. Chef wird man aus unterschiedlichen Gründen, aber nie wegen der eigenen Führungsqualitäten. Die entwickelt man erst später – oder eben gar nicht. Deshalb wird in den meisten Fällen schlichtweg Überforderung die Ursache für Führungsfehler sein. Viele Chefs würden sich kooperativer verhalten, wenn ihnen im Team eine unterstützende statt kritische Haltung entgegengebracht würde. Wer sich überfordert fühlt und zusätzlich kritisiert wird, gerät in Not und kann eben nicht immer angemessen reagieren.
  2. So mancher Vorgesetzte muss seine Führungsaufgabe nebenher erledigen. Er trägt nicht nur die Verantwortung für seine bisherigen Aufgaben, sondern soll zusätzlich nun auch noch die Verantwortung für das ganze Team übernehmen. Es leuchtet ein, dass man unter dieser Belastung wenig Aufmerksamkeit für das Bestätigungsbedürfnis der Mitarbeiter aufbringen kann. Wer also unbedingt vom Chef bestätigt werden will, sollte sich bemerkbar machen und explizit um ein Feedback bitten.
  3. Da man nicht für Einfühlungsvermögen befördert wird, ist es ganz natürlich, dass Chefs oft nicht zuhören, dass sie nicht verstehen, was ihre Mitarbeiter bewegt und nicht angemessen auf sie eingehen. Entweder passt man als Mitarbeiter seine Erwartungen an die Realität an oder findet einen Weg, sich bemerkbar zu machen.

Das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern ist von gegenseitiger Abhängigkeit geprägt. Das gibt den Mitarbeitern Macht, meist mehr, als ihnen bewusst ist. Es wäre schade, wenn sie vorschnell auf diese Macht verzichten würden, indem sie frustriert das Feld räumen. Weiterlesen

Routine oder Abenteuer?

Jeden Morgen lassen wir unsere beiden Hunde durch die Terrassentür im Speisezimmer in den Garten. Unser Golden Retriever kennt das nun schon seit elf Jahren so. Aber vor einigen Tagen ließ sich die Tür plötzlich nicht mehr öffnen. Der Mechanismus ist defekt und unser Schlosser konnte nicht gleich vorbeikommen. Das ist im Grunde nicht schlimm, denn es gibt noch weitere Terrassentüren, durch die man in den Garten gelangen kann.

Wir haben also eine andere Tür geöffnet und wollten die Hunde hindurch schicken. Aber sie standen wie versteinert vor der defekten Terrassentür und ließen sich nicht abrufen. Die vielen Jahre der Gewohnheit hatten sie blind gemacht für andere Möglichkeiten.

Das war einerseits belustigend, andererseits beunruhigend. Denn ich glaube nicht, dass unsere Hunde sich da sehr von uns Menschen unterscheiden. Routine macht blind. Sie erzeugt eine scheinbare Selbstverständlichkeit und lässt keine anderen Möglichkeiten mehr zu. Wir werden unflexibel und degenerieren zu Automaten. Ab einem gewissen Punkt ist Routine keine Erleichterung mehr, sondern zerstört Lebendigkeit.

Wir haben immer die Wahl, welchen Weg wir einschlagen wollen. Wir können die vertrauten, gewohnten, allseits bekannten Wege gehen oder wir entscheiden uns für Abenteuer. Etwas Neues probieren, schauen, ob man Gewohntes noch verbessern kann, mit Möglichkeiten spielen. Einmal Messer und Gabel vertauschen, einen anderen Weg zur Arbeit fahren, eine ungewohnte Aufgabe übernehmen, eine andere Art von Gespräch führen… Routine ist nicht wegzudenken aus einem funktionierenden Dasein, aber Neugier und Experimente sollten ebenso einen festen Platz in unserem Alltag haben. Ein bisschen Abenteuer jeden Tag, ein wenig Unberechenbarkeit – das hält uns wach und lebendig, macht den Alltag spannend und lehrreich – und hält uns geschmeidig.

Wohltuender Abstand

Ein langer Urlaub ist schön und erholsam – das wird niemand bezweifeln. Aber ich habe kürzlich wieder erfahren, wie wohltuend es sein kann, nur wenige Tage von zu Hause fort zu sein und dabei sogar hart zu arbeiten. Ich habe eine meiner Schwestern besucht und ihr im Garten geholfen. Wir sind jeden Morgen früh aufgestanden, um gleich mit der Arbeit beginnen zu können. Es war eine stupide und anstrengende Arbeit – ein riesiges Beet musste vom Unkraut befreit werden.

Es gab gleich zwei wohltuende Effekte:

  1. Die Arbeit hatte etwas Meditatives und wir haben uns dabei erholt. Da wir zudem den Erfolg sofort sehen konnten, war es ganz leicht, stolz auf die eigene Tüchtigkeit zu sein. Und da die Arbeit überdies recht anstrengend war, haben wir nachts wunderbar schlafen können.
  2. Der Abstand vom Alltag hat mir gut getan. Eine andere Umgebung vermittelt immer neue Eindrücke: So lebt meine Schwester beispielsweise in einer anderen Umgebung, einem anderen sozialen Klima. Das führt dazu, dass ich meine eigene Lebensweise einmal anders betrachten kann und nicht so leichtfertig für selbstverständlich nehme. Und sogar ihren Kaffee kocht meine Schwester anders als ich… Es gibt jede Menge Chancen, sich anregen zu lassen und das eigene Dasein mit neuen Augen zu betrachten.

Abstand vom Gewohnten, vom Alltag – eine Möglichkeit zur Erholung und Bereicherung. Dazu braucht man keinen langen Urlaub, wenige Tage genügen. Für den, der mit offenen Augen und offenem Herzen unterwegs ist, wird der Abstand immer zum Gewinn.