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Arbeit als Kunstwerk

Für den Philosophen Michel Foucault besteht das größte Ziel menschlicher Existenz darin, das eigene Leben zum Kunstwerk zu machen. Grundsätzlich bietet die Arbeit die denkbar besten Voraussetzungen dafür. Denn Arbeit erfordert fortwährende Aktivität und liefert uns somit reichlich Gestaltungsräume.

Ego und Selbst

Der Alltag sieht aber anders aus: Dort pflegen wir das Ego, jenen Teil unserer Identität, der von Etiketten und Rollenverhalten bestimmt ist. Das bedeutet: Wir funktionieren sehr gut. Wir reflektieren und hinterfragen wenig, denn wir wollen vor allem Erwartungen erfüllen. Wir tun all die vernünftigen Dinge, die notwendig und angemessen erscheinen. Das ist zwar wichtig, aber zu wenig für ein erfülltes Leben. Wir brauchen mehr. Nietzsche warnte eindringlich davor, sich zu sehr von außen bestimmen zu lassen. Er fürchtete, dass viel zu viele von uns bereits Sklaven der drei „M“ geworden sind: des Moments, der Meinung und der Mode. Statt zu uns selbst zu finden und aus uns selbst zu schöpfen, erlauben wir Fremden, uns zu definieren und zu lenken. So kommt es, dass die meisten von uns ein oberflächliches und fremdbestimmtes Arbeitsleben führen.

Die Alternative wäre, ganz gezielt ein Selbst zu entwickeln. Es existiert nicht von Anfang an, es stellt vielmehr eine bewusste Konstruktion dar. Das Selbst ist mächtiger und autonomer als das Ego. Das Selbst ist in der Lage, das Ego zu beobachten und zu reflektieren. Erst das Selbst macht uns zu unverwechselbaren Individuen. Das Selbst wird gestaltet und gepflegt, es lässt sich durch Übung festigen.

Die Bedeutung des Selbst

Wer über ein Selbst verfügt, arbeitet anders: Er weiß genau, welche Person er sein möchte, welche Werte er vertritt, was ihm wichtig ist, was er tun muss, um sich selbst achten zu können. Ohne ein Selbst lässt sich der Mensch ganz einfach instrumentalisieren. Das kann in jeder Hinsicht in die Katastrophe führen, weshalb Nietzsche mahnt, die Erde werde zu einer „Wiese des Unheils“, wenn wir es versäumen, ein Selbst zu entwickeln. Ohne Selbst entsteht ein Arbeitsleben ohne innere Beteiligung. Dann bleibt nur das Warten auf den Feierabend in der Hoffnung, wenigstens dort wahrhaftige Lebendigkeit zu erfahren. Eine vergebliche Hoffnung; denn wer im Arbeitsleben kein Selbst besitzt, wird es auch in der Freizeit vermissen. Das führt zur Suche nach Ersatzbefriedigungen. Viele finden sie im Konsum.

Anders sieht es hingegen aus, wenn das Selbst Regie führt. Dann wird man zum Schöpfer, man orientiert sich an eigenen Maßstäben und kann auf diese Weise Erfüllung finden. Die Entwicklung des Selbst ist reine Lebenskunst. Es entsteht ein Bewusstsein für das eigene Sein. Das ermöglicht uns, sofort zu erkennen, wenn wir uns nicht im Einklang mit uns selbst befinden. Und genau das bewahrt uns davor, zum willfährigen Werkzeug anderer zu werden. So wird auch die Arbeit authentischer gelebt und gestaltet. Man weiß ganz einfach, wer man ist und richtet das eigene Handeln danach aus. Wer hierbei konsequent ist, ruht in sich und ist gegen schädliche Einflüsse geschützt. Er gewinnt täglich an Form, Kraft, Gelassenheit und Freude. Am Ende des Tages fühlt man sich rechtschaffen müde statt ausgelaugt und erschöpft. Und wer schließlich zu allem „ja“ sagen kann, was er während des Tages getan, gedacht und gefühlt hat, wird immer gut schlafen können.

Mit Persönlichkeit punkten

Diese Woche hatte ich einen ziemlichen Schreckmoment. Ich sollte zwei Workshops auf einer Messe halten. Als ich ankam, fiel mir siedendheiß ein, dass ich meinen Laptop vergessen hatte. Somit fehlte mir meine Powerpoint-Präsentation. Vier Stunden vor den Menschen stehen – ohne die Möglichkeit, ihnen Folien zur Verdeutlichung der Inhalte zu liefern.

Der Schreck ließ jedoch ganz schnell nach, nachdem ich beschlossen hatte, dann eben die Folieninhalte anders rüberzubringen. Was soll ich sagen? Es wurden meine besten Auftritte seit langem. Die Bilder auf meinen Folien habe ich meinen Zuhörern einfach sehr lebendig beschrieben, sodass jeder das entsprechende Bild vor seinem geistigen Auge hatte. Die Inhalte konnte ich teilweise schauspielerisch darstellen. Einige wenige Zusammenhänge musste ich auf dem Flipchart skizzieren. Das Ergebnis: Viel mehr Intensität und eine größere Nähe zu meinem Publikum. Ich habe nicht einfach Inhalte vermittelt, ich WAR der Inhalt. Die Atmosphäre war gekennzeichnet von hoher Konzentration, Humor und Leichtigkeit.

Tatsächlich gab es immer schon gute Geschichtenerzähler und sie hatten viele Jahrtausende lang kein Powerpoint als Unterstützung. Persönliche Überzeugungskraft ist viel wichtiger beim Präsentieren als technischer Support. „Wie gestalte ich eine gute Folie?“ ist somit eine eher unbedeutende Frage. Viel bedeutsamer ist es hingegen, dass man prüft: „Wie stehe ich selbst zu den Inhalten? Was bedeuten sie mir?“ Denn davon hängt das Ergebnis ab. Wer mit Hingabe und Leidenschaft spricht, kann locker auf Technik verzichten.

Das vergisst man im Alltagsgeschäft gerne, weil jeder eine gute Technik erwartet und die technischen Möglichkeiten natürlich auch sehr reizvoll sind. Sie können eine hohe Sogwirkung entfalten. Hinzu kommt, dass Hingabe und Leidenschaft in der Geschäftswelt fast schon als unprofessionell gelten. Aber letzten Endes entscheidet sich der Erfolg nicht durch die Beherrschung von Präsentationstechniken, sondern danach, wer wir sind und wie wir als Person wirken.