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Die Mär vom richtigen Moment

Wann ist der richtige Moment für eine weitreichende Entscheidung? Wie erkennt man z.B., dass es Zeit ist, eine Familie zu gründen oder den Job zu wechseln? Wie lange soll man in einer unbefriedigenden Situation verharren und wann ist der Zeitpunkt gekommen, endlich einmal Tacheles zu reden? Vermutlich hat jeder von uns schon irgendwann auf den passenden Moment gewartet und wir alle wissen, wie schwer es sein kann, ihn zu finden.

Manchmal hält die Mär vom richtigen Zeitpunkt uns davon ab, überhaupt zu handeln und etwas zu verändern. Wir warten auf den perfekten Moment, aber er kommt nicht. Denn es gibt wohl kaum eine Entscheidung, die völlig frei von Ambivalenzen ist. So sehr wir auch etwas verändern möchten – immer scheint etwas dagegen zu sprechen, dass wir es wirklich tun. Ich weiß nicht, wie viele Menschen ich in den letzten Jahren in der Beratung hatte, weil sie entscheidungsunfähig waren… Sie wussten, dass sie etwas ändern wollten und warteten auf den perfekten Moment.

Warum haben wir solche Angst, einfach mal zu tun, wonach uns der Sinn steht? Warum zögern wir so lange? Der Grund liegt wohl darin, dass wir solche Angst davor haben, das Vertraute aufzugeben ohne etwas Besseres dafür zu bekommen. Wir fürchten den Verlust und warten deshalb auf den Moment, zu dem der Tausch „Altes gegen Neues“ zu einem sicheren Geschäft wird. Aber dafür gibt es niemals eine Garantie. Denn jede unserer Entscheidungen basiert zwangsläufig auf Unwägbarkeiten. Alles, was wir tun und entscheiden, ist riskant, auch das Verharren.

Den perfekten Moment für eine Veränderung gibt es nicht. Unsicherheiten und Unwägbarkeiten werden uns ein Leben lang begleiten, in jedem Bereich unseres Lebens. Wir sollten uns am besten von der Vorstellung verabschieden, dass es darauf ankommt, alles richtig zu machen und dass eine „falsche“ Entscheidung einer Katastrophe gleichkommt. Denn das stimmt so nicht. Es kommt nicht darauf an, immer richtig zu entscheiden, sondern darauf, lebendig zu sein, Erfahrungen zu machen, im Leben nicht stehenzubleiben. Jede „falsche“ Entscheidung bringt eine Menge neuer Erfahrungen mit sich und lässt uns reifen. Wir fühlen uns lebendig, wir erleben etwas, wir entwickeln uns weiter. Das alles ist im höchsten Maße lustvoll – sogar dann, wenn die Entscheidung „falsch“ war. Im Leben geht es darum, unterwegs zu sein, statt in Sicherheit und Berechenbarkeit zu verharren. Wer Entscheidungen trifft, wird unvermeidlich „Fehler“ machen, das heißt, er erzeugt unerwünschte Effekte. Das gehört dazu, wenn man wahrhaft lebendig sein will..