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Die Grenzen der Arbeitsfreude

Als Deutschlands einzige Expertin für Arbeitsfreude kenne ich viele Mittel und Wege, auch aus einem wenig prickelnden Job viel herauszuholen. Aber ich weiß auch um die Grenzen: Keiner meiner Tricks und Tipps ist geeignet, eine pausenlose Arbeitseuphorie herzustellen. Und das liegt nicht etwa daran, dass meine Methoden nicht wirksam wären, sondern es hat damit zu tun, dass unsere Biologie uns Grenzen setzt:

Glück entsteht vor allem, wenn wir etwas unerwartet Gutes erleben. Dann sind wir hellwach, wir merken uns diese Situation sofort und streben fortan danach, sie so oft wie möglich zu wiederholen. Glück soll uns beim Lernen helfen. Die Evolution nutzt Glücksgefühle, damit wir verstehen, was gut für uns ist und diese Erfahrung wiederholen. Da gibt es aber ein kleines Problem: Immer, wenn wir das Gute dann zur Gewohnheit gemacht haben, verschwindet das Glück. Aus Sicht der Evolution ist es ganz einfach nicht mehr nötig, unser nützliches Handeln mit Glücksgefühlen zu belohnen. Wir haben die Lektion ja gelernt.

Daher werden wir nun wieder losziehen auf der Suche nach neuen glückbringenden Erfahrungen. Wir sind einfach nicht für das Dauerglück geschaffen, sondern nur für dauerndes Streben. Für den Arbeitsalltag bedeutet das: Akzeptieren, dass der Job nicht jede Minute des Tages ununterbrochen Spaß bringen kann, Erwartungen also nicht zu hoch schrauben und stattdessen für Abwechslung sorgen. Je breit gefächerter die Tätigkeiten, desto mehr Glückspotential!

Nützliche Defizite

745363  Eine  Studie der Unternehmensberatung „Pro Change“ ergab, dass deutsche Arbeitnehmer insgesamt vier Stunden pro Woche damit beschäftigt sind, sich über ihre Vorgesetzten zu beklagen. Das dürfte einerseits einen gewaltigen Produktivitätsverlust nach sich ziehen, der sich volkswirtschaftlich kaum beziffern lässt. Zum anderen entsteht auf diese Weise ungewollt und unbemerkt ein gewaltiges psychisches Problem für die Klagenden.

Wer klagt, macht sich damit selbst zum Opfer. Er sucht Schuldige, keine Spielräume. Klagen zementiert die schlechte Stimmung, denn das, womit sich der Geist beschäftigt, das wächst: Es erhält zunehmende Repräsentanz in den Gedanken und den Gefühlen. Man könnte auch sagen: Wer sich häufig beklagt, zieht sich damit selbst runter.

Die Fixierung auf das eigene Leid und auf die Opferrolle macht zudem handlungsunfähig. Denn Opfer sind per se hilflos. Diese Selbstwahrnehmung mag zwar eine realistische Basis haben – denn Führungskräfte geben durchaus zuweilen berechtigten Anlass zur Kritik – zweckmäßig ist sie jedoch nicht. Wer sich als Opfer fühlt, kann nur verharren und auf Besserung hoffen. Genau damit aber zementiert er seine Hilflosigkeit. Das ist unbefriedigend und belastend. Es gibt glücklicherweise eine Alternative:

Die Defizite des Chefs lassen sich hervorragend für die eigene Persönlichkeitsentwicklung nutzen. Scheut der Chef beispielsweise Entscheidungen, vergrößern sich damit die Entscheidungsspielräume der Mitarbeiter. Verhält sich ein Vorgesetzter sozial inkompetent, ist das ein Anlass für die Mitarbeiter, ihrerseits ihre soziale Kompetenz zu verfeinern. Gewährt der Chef zu wenig Freiheit, können die Mitarbeiter sich darauf spezialisieren, auch in kleinen Dingen ihre Spielräume zu entdecken und zu nutzen, um auf diese Weise ihre Arbeit befriedigender zu gestalten. So wird jeder schwierige Chef zu einer Herausforderung, die der Persönlichkeitsentwicklung seiner Mitarbeiter nützlich sein kann. Je schneller wir das begreifen, desto besser. Denn es gibt keine perfekten Chefs und Leiden ist niemals eine Option.

Bereit?

Woher weiß man, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um eine bestimmte Herausforderung anzunehmen? Wann ist es Zeit für ein Kind, für eine Führungsposition, für eine Kündigung, einen Auslandsaufenthalt, die Selbstständigkeit, den Hausbau oder auch nur irgendeine Art von Projekt, mit dem man bislang noch keine Erfahrungen gesammelt hat?

Die Antwort lautet: Der ideale Zeitpunkt kommt im Grunde nie. Auf nennenswerte Herausforderungen sind wir selten perfekt vorbereitet. Darum fühlen wir uns angesichts solcher Veränderungen meist mehr oder weniger unsicher. Wir haben ganz einfach Angst. Angst davor, es nicht zu packen, uns zu blamieren, etwas Vertrautes unwiederbringlich zu verlieren, anschließend womöglich schlechter dazustehen als vorher. Das ist ganz natürlich. Jede Herausforderung bedeutet ja, Schritte auf unbekanntes Terrain zu wagen. Wer weiß schon, was einem dort begegnen wird?! Und ob man der Sache gewachsen ist?

Tatsächlich kommen wir aber nur weiter, wenn wir beherzt aufbrechen. Wüssten wir genau, was uns erwartet, hieße das, wir hätten schon Erfahrung damit und dann wäre es eben keine Herausforderung mehr. Wer sich lebendig fühlen und im Leben vorankommen will, lässt sich auch auf Situationen ein, die er noch nicht beherrscht. Einfach „ja“ sagen, einfach mal machen; dieser Mut unterscheidet die Erfolgreichen von den Erfolglosen. Wer wartet, bis er sich sicher fühlt, wartet ein Leben lang.

Das beste Arbeitsleben von allen

Mit dem Sommer ist auch die Urlaubszeit wieder da. Manche betrachten sie ja als die schönste Zeit des Jahres. Bei dieser Formulierung läuft es mir für gewöhnlich kalt den Rücken herunter. Wie lange dauert solch ein Sommerurlaub? Zwei Wochen? Oder drei? Jedenfalls bleiben dann noch knapp 50 Wochen im Jahr übrig. Wie steht man die durch, wenn die angeblich beste Zeit des Jahres vorbei ist?

Urlaub als Flucht aus dem Alltag? Auch keine attraktive Vorstellung. Schließlich kann es sich nur um eine Flucht auf Zeit handeln und dann? Fühlt man sich dann wieder wie im Gefängnis?

Besser: Urlaub als Möglichkeit zur Erholung. Ausspannen, in den Himmel blicken, ein bisschen wandern, etwas Schönes tun. Aber es darf nichts sein, wozu man sonst nie Zeit findet. Das hieße nämlich logischerweise, dass man in dieser Hinsicht die übrigen 50 Wochen im Jahr zu kurz kommt. Und natürlich ist Erholung nur dann wirklich schön, wenn man sich zuvor entsprechend angestrengt hat.

Für meine Familie und mich ist der Sommerurlaub immer eine Art von Ritual. Wir mieten ein Haus, und wer Zeit und Lust hat, ist dabei. Dann gibt es Fahrten und Wanderungen durch die herrliche Landschaft, viel gemeinsam verbrachte Zeit. Entspannung pur. Für mich persönlich ist es auch immer eine Zeit der Reflexion. Der räumliche Abstand von daheim ermöglicht einen klareren Blick. Bin ich noch auf Kurs? Welche neuen Projekte will ich in Angriff nehmen, was funktioniert für mich gut, was weniger? Jedes Jahr komme ich um einige Ideen reicher nach Hause zurück und kann es kaum erwarten, mich wieder in den Alltag zu stürzen.

Und ich meine: So sollte es sein. Das beste Arbeitsleben ist eines, von dem man keinen Urlaub braucht.

 

Zum Teufel mit der Perfektion!

Derzeit habe ich mehrere herausfordernde Aufgaben zu bewältigen. Und ganz gleich, wie sehr ich mich anstrenge – ich bin nicht so gut, wie ich gerne wäre: nämlich perfekt. Ich fürchte, jede meiner Arbeiten würde einem strengen Kritiker Angriffspunkte liefern. Ich habe gelernt, mich deswegen unbehaglich zu fühlen und das ist ziemlich dumm.

Ganz bestimmt bin ich mit dieser Erfahrung nicht allein. Statt unser Tun zu genießen und darin aufzugehen, sind wir ständig damit beschäftigt, zu prüfen, ob wir genügen. Unmöglich, auf diese Weise ein intensives Gefühl der Lebendigkeit zu spüren. So erzeugt man lediglich Stress statt Schaffensfreude. Dabei könnte die Arbeit so viel Spaß machen, wenn wir uns erlauben würden, einfach darin einzutauchen und zu schauen, was passiert. Letzten Endes geht es nicht darum, etwas Perfektes zu schaffen, sondern darum, das Richtige zu tun, auch wenn es nicht perfekt gelingt. Werte sind viel wichtiger als Vollkommenheit! Und obendrein ist alles im Leben unbeständig, unvollkommen, unfertig und im Werden begriffen. Wenn wir uns das vor Augen führen, wird es leichter, sich zufrieden zu geben und die eigenen Grenzen zu akzeptieren. So gelingt es uns viel besser, die eigene Authentizität zu schätzen und den eigenen Beitrag zu würdigen – auch wenn beides nicht perfekt ist.

Und sollten wir einmal einen Bock schießen und uns einen Riesenfehler leisten – na, dann können wir uns damit trösten, dass wir zwar nicht perfekt sein mögen, aber auf diese Weise immerhin perfekt zum Rest der Menschheit passen.

Das Narzissen-Prinzip

In Südkalifornien, hoch oben in den San Bernardino Mountains, gibt es einen Narzissen-Garten mit 50.000 Blumenzwiebeln. Er wurde von einer einzigen Person angelegt. Sie setzte Jahr für Jahr Zwiebel für Zwiebel in den Boden, insgesamt 35 Jahre lang. Der so entstandene Garten ist atemberaubend schön und zeigt, was eine einzige Person leisten kann, wenn sie ihr Ziel fest im Auge behält und ausdauernd daran arbeitet. Es kommt nicht darauf an, dass wir uns kurzfristig verausgaben. Viel wichtiger ist der lange Atem. Viele kleine Schritte führen am Ende zu etwas Großem.

Wir neigen dazu, zu überschätzen, was wir an einem einzigen Tag leisten können und gleichzeitig zu unterschätzen, was wir schaffen, wenn wir beharrlich kleine Schritte machen. Es ist wirklich erstaunlich, wie weit wir kommen, wenn wir einfach nur weitermachen, unbeirrbar und unermüdlich.

Ich selbst nutze das „Narzissen-Prinzip“ gerne und oft: Wenn ich ein neues Buch schreibe, meinen großen Garten pflege, für viele Gäste koche, Hunderte von handgeschriebenen Karten verschicke und noch bei vielen anderen Vorhaben. Ich finde es äußerst entspannend. Kleine Schritte, kein Stress, regelmäßige Fortschritte und am Ende ein schöner Erfolg.

Auf ein glückliches Arbeitsjahr!

Der Jahresbeginn ist die Zeit der guten Vorsätze. Laut Umfragen sind es Jahr für Jahr dieselben Dinge, die wir in unserem Leben ändern wollen: gesünder essen, mehr Sport treiben und uns mehr Zeit nehmen für Freunde und Familie. Erstaunlicherweise kommt das Arbeitsleben dabei kaum vor. Es gibt höchstens gute Vorsätze für die Karriereleiter. Dabei verbringen wir den besten Teil unserer Wachzeit mit unserer Arbeit. Sollten wir da nicht versuchen, diese Zeit so gut wie möglich zu nutzen, um uns lebendig zu fühlen und glücklich zu sein?! Die Schulferien sind nun zu Ende und wir sind fast alle wieder an unseren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Hier kommen fünf gute Vorsätze für ein glückliches Arbeitsjahr:

Ich werde mich nicht beklagen. Kein Arbeitsplatz ist perfekt und es gibt immer irgendwelche Gründe, sich zu beklagen. Durch Klagen und den Blick auf das Negative verstärken sich jedoch die schlechten Gefühle, ohne dass sich etwas an der Situation ändert. Deshalb sollten wir uns auf unsere Handlungsmöglichkeiten konzentrieren statt auf unsere Unzufriedenheit.

Ich werde mutig sein. Ängstliche Anpassung und das Festhalten an der Routine verhindern, dass wir uns lebendig fühlen können. Deshalb brauchen wir den Mut, etwas zu verändern, indem wir zuweilen ungehorsam sind und Neues ausprobieren, statt am Gewohnten festzuhalten. Wir müssen bereit sein, ein paar Risiken einzugehen.

Ich werde meine Spielräume nutzen. Die meisten Sachzwänge sind in Wirklichkeit Denkzwänge. Wir beschränken uns selbst weit mehr, als es nötig wäre. Wenn es uns gelingt, unseren Blick für die Handlungsspielräume und Möglichkeiten zu öffnen, können wir Prozesse gestalten statt uns ausgeliefert zu fühlen.

Ich werde andere froh machen. Gerade im Arbeitsleben ist jeder auf das eigene Wohl bedacht. Arbeit wird jedoch als erheblich befriedigender erlebt, wenn wir uns stärker auf den eigenen Beitrag konzentrieren statt auf den eigenen Vorteil. Sich anderen nützlich machen, ihnen Wohlwollen entgegenbringen und durch das eigene Handeln das Leben anderer bereichern – damit wird Arbeit erheblich erfüllender als durch die Konzentration auf den Eigennutz.

Ich werde jede Gelegenheit nutzen, mich zu freuen. Glück stellt immer eine Eigenleistung dar. Glück ist selten spektakulär, sondern entsteht durch viele kleine Gelegenheiten, die Anlass zur Freude bieten. Wir müssen lediglich unseren Blick dafür schärfen. Eine gute Tasse Kaffee in der Pause, das gemeinsame Lachen über eine absurde Situation, die Freude über eine gelungene Arbeit – all das kann viele gute Gefühle auslösen, sofern wir bereit sind, das Glückspotential  solcher Situationen zu erkennen und zu schätzen.

 

 

„Das hab ich gut gemacht!“

Kürzlich habe ich abends noch eine – nicht allzu herausfordernde – Arbeit erledigt, die mir besonders gut gelungen ist. Danach hatte ich Mühe einzuschlafen, weil mich die Aufgabe belebt hatte und ich vom Ergebnis so begeistert war. Mir wurde einmal mehr klar, welch große Bedeutung auch kleine Erfolge für unser alltägliches Wohlbefinden besitzen. Wir müssen Gelegenheit haben, stolz auf uns zu sein und brauchen die Gewissheit, etwas ausrichten zu können.

Ich wundere mich immer wieder über diejenigen, die lustlos an ihre Arbeit gehen, die die Dinge nur halbherzig erledigen. Minderwertige Arbeit kann keine Befriedigung verschaffen. Sie gibt keinen Anlass zum Stolz, sie stellt keinen wirklichen Beitrag dar. Pfusch kann niemanden froh machen, weder den Pfuscher selbst noch denjenigen, der für die Arbeit bezahlen muss.

Viele glauben, sie hätten nur dann Anlass zum Stolz, wenn andere ihre Arbeit loben. Das ist aber natürlich Unsinn, denn andere haben meist genug mit sich selbst zu tun und achten nicht auf die Leistungen ihrer Mitmenschen. Außerdem ist die Meinung der anderen nicht bedeutsam. Wir dürfen uns nicht davon abhängig machen. Entscheidend ist vielmehr, was wir selbst von uns halten.

Manch einer meint zudem, er habe nur dann Anlass zum Stolz, wenn er Großes vollbringt. Das stimmt jedoch nicht, denn auch kleine Dinge zählen. Unser Alltag besteht aus einer Vielzahl von Kleinigkeiten und in der Summe besitzen sie allemal mehr Gewicht als irgendeine einzelne herausragende Leistung. Wir haben jeden Grund, uns auch mit den weniger bedeutsamen Aufgaben Mühe zu geben. Ich halte es hier mit Napoleon Hill, der geschrieben hat: „If you cannot do great things, do small things in a great way.“ Denn es gibt kaum etwas Befriedigenderes, als sich sagen zu können: „Das habe ich gut gemacht!“

 

Qualität macht glücklich!

Wenn ich mir so anschaue, wie schlampig und fehlerhaft manche Menschen arbeiten, dann bin ich nicht nur unzufrieden mit der schlechten Leistung mancher meiner Dienstleister, sondern ich staune auch über so viel Dummheit. Denn diese Menschen scheinen nicht zu wissen, was sie sich selbst mit ihrer mangelhaften Leistung antun. Sie glauben, Sie könnten es sich einfach machen, aber in Wahrheit machen sie sich unglücklich. Denn was gewinnen sie, wenn sie ihre Arbeit halbherzig erledigen? Wenn sie ohne innere Beteiligung handeln, allein aus dem Bedürfnis heraus, sich nicht anstrengen zu müssen? Sie sparen bestenfalls ein wenig Zeit und Energie. Gleichzeitig nehmen sie sich die Chance, ihr Tun zu genießen und stolz auf ihre Leistung sein zu können.

Wofür wollen diese Menschen eigentlich Zeit und Energie sparen? Gibt es denn etwas Befriedigenderes als eine Arbeit, die wohlgetan ist und auf die man zurecht stolz sein kann? Erfahren wir uns nicht intensiv in unserem Tun, sind wir nicht wirklich lebendig, wenn wir uns mit Hingabe einer Arbeit widmen? All dies geht demjenigen verloren, der meint, sich das Leben leichter zu machen, indem er seinen Job ohne Qualitätsansprüche erledigt.

Ich selbst tue meine Arbeit für gewöhnlich, so gut ich es vermag. Ich strenge mich an, ich bemühe mich darum, das Beste zu leisten, dessen ich fähig bin. Nicht immer ist das Ergebnis befriedigend, nicht alles gelingt. Beim nächsten Mal weiß ich dann, worauf ich achten muss, um noch besser zu werden. So hilft mir die Arbeit bei meiner Entwicklung, sie ermöglicht einen lebendigen Prozess, in dem ich ganz ich selbst bin und mich täglich neu erfahre. Ich habe kein Verständnis für diejenigen, die sich nicht anstrengen mögen, die nicht um Qualität bemüht sind, sondern ihre Zeit und Energie sparen wollen. Ich halte es vielmehr mit George Bernard Shaw, der schrieb: „I want to be thoroughly used up when I die, for the harder I work the more I live.“

Mehr Mut zum Scheitern, bitte!

In der vergangenen Woche habe ich zufällig eine Dokumentation über die Hagia Sophia gesehen. Ich war fasziniert, und zwar nicht nur von dem Gebäude selbst, sondern fast noch mehr von seiner Entstehungsgeschichte. Der ehrgeizige Kaiser Justinian erteilte im 6. Jahrhundert den Bauauftrag an einen Architekten und einen Mathematiker. Da solch ein Bauwerk noch nie zuvor errichtet worden war (die riesige Kuppel ruht nur auf vier Pfeilern und scheint deshalb über dem Raum zu schweben), konnte keiner der Bauleiter sicher wissen, was passieren wird. Und tatsächlich gab es zahlreiche Probleme beim Bau wie z. B. Mauerrisse. Erschwert wurde die Arbeit durch den großen Zeitdruck (nur fünf Jahre gewährte der Kaiser dafür) und den Tod des Architekten. Im Grunde war die Kirche ein gigantisches Experiment: Ihre Erbauer probierten Neues aus und lernten während der Bauzeit. Herausgekommen ist ein unvergleichliches Gebäude, das erdbebensicher ist und eineinhalb Jahrtausende überdauert hat.

Mich beeindruckt die Kühnheit des Unternehmens sowie der Mut, schwerwiegende Fehler zuzulassen. In unserer Kultur scheint es für alles Regeln zu geben. Wehe dem, der sich nicht daran hält! Auf dieser Basis kann niemals etwas Großartiges entstehen. Wir produzieren lediglich Gewohnheit und Mittelmaß. Dadurch genießen wir zwar Sicherheit und Bequemlichkeit, aber das genügt nicht, um der menschlichen Natur gerecht zu werden. Wir brauchen mehr atemberaubende Abenteuer (und damit meine ich gewiss nicht sinnlose Sprünge in die Tiefe, sei es aus einem Flugzeug heraus oder an einem Gummiseil von einer Brücke herab). Ich meine vielmehr die Lust am Schöpferischen, die Begeisterung für waghalsige, fantastische, verstiegene Ideen, das Aufgehen in der Gestaltung. Dazu gehört unbedingt der Mut zum Scheitern. Genau davon wünsche ich mir für uns alle mehr.