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Was sollen wir lernen?

Wir lernen vom ersten Tag unseres Lebens an. Vieles ist uns später so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr daran denken, wie mühsam wir es uns einst erarbeitet haben. Wir müssen uns ja auch ständig neuen Herausforderungen stellen. Es ist beeindruckend, welche Lernleistungen wir im Laufe des Lebens erbringen können.

014Bis wir etwas richtig gut können, haben wir vier Lernphasen durchlaufen: Zuerst sind wir unbewusst unerfahren, das heißt, wir wissen gar nicht, dass wir etwas nicht können. In der nächsten Phase sind wir bewusst unerfahren, was bedeutet, dass wir uns unserer Inkompetenz nun bewusst sind. Schließlich kommt die Phase, in der wir uns gezielt um mehr Kompetenz bemühen, wir lernen und sind bewusst erfahren. Aber es ist noch anstrengend, alles richtig zu machen und wir müssen uns sehr konzentrieren. Am Ende steht dann die Phase, in der wir das Gelernte automatisch anwenden können, wir sind unbewusst erfahren. Das Gelernte sitzt!

Bei der heutigen Komplexität des Alltags gibt es natürlich unbegrenzt viel zu lernen. Kürzlich war ich beispielsweise vollkommen hilflos, als ich etwas auf meiner Webseite verändern wollte. Nun könnte ich mir natürlich die Mühe machen zu lernen, wie das geht. Aber das würde mich unverhältnismäßig viel Zeit kosten. Daher habe ich beschlossen, derartige Aufgaben grundsätzlich zu delegieren. Andere Dinge hingegen scheinen mir der Mühe wert zu sein und ich arbeite ernsthaft daran, sie zu erlernen. Auch das ist eine wichtige Entscheidung für die Lebensgestaltung: Was will ich lernen?

 

Die Macht der kleinen Gesten

Heute stand ich wartend vor dem Aufzug. Als er schließlich kam, machte ich eine unbedachte Bewegung auf ihn zu und dabei fiel mir mein Autoschlüssel zu Boden, den ich zusammen mit einer großen Tasche in der Hand gehalten hatte. Die Dame, die gerade im Begriff war auszusteigen und schon beinahe draußen stand, hielt in ihrer Bewegung inne und blockierte mit einer Hand die Lichtschranke, sodass sich der Aufzug nicht vor meiner Nase schließen konnte. Sie wartete, bis ich meinen Schlüssel wieder fest in der Hand hielt und ging dann lächelnd weiter.

Solch kleine Gesten der freundlichen Aufmerksamkeit rühren mich immer sehr. Wenn wildfremde Menschen mich mit diesem wohlwollendem Blick bedenken, geht mir einfach das Herz auf. Wie schade, dass dergleichen nur so selten passiert! Dabei wäre es doch einfach, netter und fürsorglicher miteinander umzugehen! Es sind ja keine spektakulären Aktionen gefragt, es genügen scheinbar banale kleine Aufmerksamkeiten. Sie sind sehr machtvoll, denn sie tun nicht nur demjenigen gut, an den sie gerichtet sind, sondern nutzen auch dem Wohltäter selbst. Die Natur hat es klugerweise so eingerichtet, dass das Gutsein sich immer gut anfühlt. „Helper’s High“ heißt das in der Fachsprache.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein, was der englische Dichter William Wordsworth zu diesem Thema geschrieben hat: „Der beste Teil im Leben eines guten Menschen, seine kleinen, namenlosen und leicht vergessenen Gesten der Freundlichkeit und Liebe.“ Ich glaube, es würde mir sehr gefallen, noch viel öfter in diesem Sinne gut zu sein.

Verfluchte segensreiche Gewohnheiten

Als Kind trug ich immer ein Korsett aus Langeweile. Meine Mutter, die kriegsbedingt während ihrer eigenen Kindheit schwere Traumata erlitten hatte, pflegte zahlreiche Gewohnheiten. Sie sollten ihr das Leben überschaubar und kontrollierbar machen. Es gab eine Zeit für alles. Der Tag war bestimmt durch immer wiederkehrende Abläufe, die nichts und niemand stören durfte. Meiner Mutter schenkte ein derart geregelter Tagesablauf Sicherheit. Ihre Gewohnheiten bildeten die Schuppen ihres Schutzpanzers gegen die Unwägbarkeiten und Gefahren des Lebens. Sie vermittelten ihr die Illusion, die Dinge im Griff zu haben.

Ich selbst jedoch erlebte als Kind und später erst recht als Jugendliche die mütterlichen Gewohnheiten als puren Freiheitsentzug. Sie waren der Inbegriff von Fremdbestimmung und Fadheit. Ich nutzte die erste gute Gelegenheit, um ein anderes Leben zu beginnen, eines mit viel Abwechslung und täglichen Abenteuern. Letzten Endes habe ich die Abneigung gegen jede Gefangennahme durch Regeln so sehr verinnerlicht, dass ich dabei doch tatsächlich blind geworden bin gegenüber den Segnungen guter Gewohnheiten.

Heute denke ich, dass ich zu wenig gute Gewohnheiten pflege. Sie könnten zu meiner Entlastung beitragen, indem sie mir zahllose Entscheidungen ersparten, sodass ich mehr Zeit und Kraft hätte für all meine abenteuerlichen beruflichen Unternehmungen oder andere lohnenswerte Dinge. Vielleicht gelingt es mir ja, in Zukunft eine neue Regelmäßigkeit zu etablieren, die mir nützlich ist, weil sie Energie spart und auf diese Weise meine Möglichkeiten erhöht und meine Freiräume vergrößert. Ich bin sehr für Freiheit.

Inzwischen habe ich erkannt, dass es sich mit Gewohnheiten verhält wie mit vielen anderen Dingen, zum Beispiel der Partnerschaft: Man kann sich behaglich darin einrichten, darf sich aber bloß nicht einschließen und dann womöglich noch die Schlüssel wegwerfen… Da hilft nur eines: Achtsam sein und Gewohnheiten immer wieder einmal auf ihren Nutzen hin überprüfen. Was nicht gut tut, muss weg!