Archiv für den Monat: August 2018

Schwarz oder weiß?

Während unseres Urlaubs in England wurde mir wieder einmal deutlich, wie sehr unser Wohlbefinden von unserer Wahrnehmung abhängt: Wir hatten ein Haus auf dem Land gemietet, zu dem ein riesiger Garten gehört, der von einer hohen Mauer umgeben ist. Haus und Garten weisen ein beträchtliches Alter auf und alle Familienmitglieder waren von der Atmosphäre begeistert. Die Ausstattung des Hauses ist einfach, aber wir kamen prima zurecht. Als mein Mann die Vermieterin nach dem Gästebuch fragte, weil er seine Zufriedenheit  dokumentieren wollte, erhielt er eine überraschende Antwort: Die Vermieterin erklärte nämlich, sie habe das Gästebuch versteckt, weil die Besucher sich immer über Kleinigkeiten beschwert hätten. Viele hätten irgendetwas vermisst und sich darüber ausgelassen – statt die Gesamtatmosphäre zu bewerten.

Ich erkenne darin ein Muster, das mir auch in der Arbeitswelt wieder und wieder begegnet: Man hält sich mit kleineren Unannehmlichkeiten auf, erlaubt ihnen, das Befinden zu bestimmen und verliert darüber das Ganze aus den Augen. Viele Beschäftigte lassen sich ganz leicht in Verwirrung stürzen, wenn man sie danach fragt, was das Gute an ihrer Arbeit wäre. Sie können das Gute nicht mehr sehen und schätzen, weil sie dem Negativen zu viel Raum geben.

Nun liegt es aber in unserem eigenen Ermessen, wie wir die Dinge bewerten und gewichten wollen. Wir werden letzten Endes ganz sicher immer Gründe finden, uns zu beklagen. Es ist aber nicht logisch und zwingend, dass diese Gründe über unser Wohlbefinden bestimmen. Es wäre ebenso gut möglich, dass wir uns stattdessen gezielt auf das Positive ausrichten. Ich kann in diesem Zusammenhang nur wieder einmal John Milton zustimmen: „Der Geist ist eine Welt für sich, in der die Hölle zum Himmel und der Himmel zur Hölle werden kann.“

Kultur schaffen

Jede Organisation hat ihre eigene Kultur. Das führt dazu, dass Erwartungen an eigenes und fremdes Verhalten sehr stark variieren können. Wenn nun Menschen mit solch unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und daraus resultierenden abweichenden Erwartungen plötzlich zusammenarbeiten sollen und womöglich gar zu Kollegen werden – dann sind Missverständnisse und Konflikte keine Seltenheit. Sie sind geradezu vorprogrammiert. Denn das Verhalten des Gegenübers wirkt unangemessen, da es mit großer Selbstverständlichkeit auf der Basis der eigenen und vertrauten Gewohnheiten interpretiert wird. Das Gegenüber verhält sich nach eigener Wahrnehmung nicht „richtig“, was Befremden, Frustration oder auch Wut auslösen kann. Man kann das Verhalten des anderen nicht nachvollziehen und reagiert mit Unmut oder Rückzug. Beides behindert die Zusammenarbeit.

Damit das nicht passiert, sollten sich die Beteiligten bewusst machen, dass sie auf der Basis vergangener Erfahrungen agieren. Sie waren vielleicht über lange Zeit hinweg Teil einer bestimmten Unternehmenskultur, durch die sie geformt worden sind. Jetzt führen sie einfach nur etwas fort, was sich womöglich über viele Jahre bewährt hat. Auch wenn dieses Verhalten auf Außenstehende (die eine andere Unternehmenskultur gewöhnt sind) womöglich befremdlich wirken mag  – es wäre nicht angemessen, irgendetwas persönlich zu nehmen. Man würde es dem anderen ja auch nicht übelnehmen, wenn er aus einem anderen Land käme. Er kommt tatsächlich vielleicht nur aus einem anderen Unternehmen mit einer anderen Kultur. Aber das kann sich genauso trennend auswirken.

Was lässt sich tun? Die beste Methode besteht darin, Kommunikationsprozesse zu verlangsamen, indem man einander immer wieder Rückmeldung gibt. Das bedeutet:

  1. Das Gegenüber muss erfahren, wie ein bestimmtes Verhalten wirkt, d.h. wie es bei den anderen ankommt und welche Gefühle oder Assoziationen es weckt.
  2. Gleichzeitig ist es wichtig, das eigene Verhalten transparent zu machen. Warum wird etwas Bestimmtes gesagt/getan, das möglicherweise auf das Gegenüber befremdlich wirken könnte? Wie sind bestimmte Aussagen gemeint, welche Absicht verfolgt der Sprecher damit?

Wenn sich die Beteiligten in dieser Weise gegenseitig informieren, werden Missverständnisse und unnötige Konflikte vermieden. Es kommt zu einer echten Verständigung. Man kann miteinander aushandeln, wie man bestimmte Dinge in Zukunft gemeinsam klären möchte, um jegliche Missverständnisse zu vermeiden. Ehrliche Rückmeldung fördert Verständnis und Nähe. Gleichzeitig erarbeitet man sich auf diese Weise eine eigene und ganz neue Kultur.