Archiv für den Monat: Juli 2018

Aufrecht gehen!

Mr. Trump zeigt uns gerade, wie man sich herausredet. Ausreden sind generell sehr beliebt und viele von uns erweisen sich dabei als bemerkenswert fantasievoll (Donald Trump gehört eher nicht dazu…). Man muss wohl erst richtig erwachsen werden, um auf Ausreden verzichten zu können. Denn eine Ausrede demonstriert nichts weiter, als dass man nicht zu sich steht und sich nicht in der Lage fühlt, Verantwortung für die eigene Person zu übernehmen. So etwas ist immer erbärmlich. Und wer gar dabei erwischt wird, erntet bestenfalls ein wenig Mitleid, meistens jedoch eine gehörige Portion Geringschätzung.

Aber nicht nur Ausreden demonstrieren unsere Schwäche. Auch die Bemühungen, das eigene Sein vor  anderen zu verbergen, beweisen, wie schwer es fällt, zu sich selbst zu stehen. Sich zu verbiegen, gehört zum Alltag. Wer wagt es schon, in irgendeiner Weise aufzufallen? Herauszuragen? Wer traut sich schon, im Job seine Überforderung zuzugeben? Wer wehrt sich gegen unzumutbare Zustände oder Unrecht, wenn er sich in einer unterlegenen Position wähnt? Das Dumme ist nur: Wer sich eh schon ängstlich und unterlegen fühlt und sich deswegen duckt, macht die Sache schlimmer. Denn er zementiert damit eigenhändig seine Unterlegenheit.

Wir brauchen mehr Menschen, die aufrecht gehen und es wagen, sich zu zeigen. Die nicht solche Angst davor haben, jemand könnte erkennen, wie sie wirklich sind. Die sich trauen, unvollkommen zu sein, manchmal ängstlich, bedürftig, unsicher, wütend, hilflos, traurig, verletzt, unbeholfen … Wir brauchen mehr Menschen, die all die Seiten in sich zulassen, die niemand so recht an sich leiden kann und die dennoch zu jedem von uns gehören. Wenn wir alles zulassen könnten, was zu uns gehört, dann würde etwas Wunderbares passieren: Dann würde unsere Welt menschlicher (nicht nur die Arbeitswelt!), wir würden damit beginnen, uns endlich ganz zu fühlen. Wir könnten aufrecht gehen und es fiele uns leichter, auch andere gelten zu lassen. Wir müssten nur damit beginnen, ein wenig liebevoller mit uns selbst umzugehen, indem wir uns erlauben, zu sein, was wir sind und aufrecht durchs Leben gehen, ohne Verleugnung, Ausreden und Versteckspiele.

So erfolgreich wie Lucy

Lucy ist unsere kleine einjährige Hündin, die Tochter rumänischer Straßenhunde. Sie ist quirlig, neugierig und immer gut drauf. Neulich habe ich ihr ein Intelligenzspielzeug für Hunde gekauft. Es handelt sich dabei um ein kreisförmiges Spielbrett mit sieben Vertiefungen, in die man kleine Leckereien hineinlegt. Anschließend werden die Vertiefungen auf dreierlei verschiedene Weise abgedeckt. Der Hund muss nun herausfinden, wie er an seine Leckereien herankommt und er muss dabei die drei verschiedenen Mechanismen nutzen.

Das ist nicht ganz einfach, aber Lucy schafft das erheblich schneller als die drei anderen Hunde unseres Rudels. Dabei sind die anderen älter und erfahrener. Wie macht Lucy das? Ganz einfach: Sie probiert in einem Affenzahn alles aus, was ihr einfällt. Sie nutzt dazu ihre Nase, ihre Zähne und ihre Pfoten. Sie hat keine Ahnung, wie die Mechanismen funktionieren, aber das hält sie nicht zurück. Sie legt einfach los. Und macht so lange weiter, bis kein einziges Stück Futter mehr übrig ist.

Offengestanden bewundere ich sie dafür. Denn ihr Ansatz ist erfolgreich. Sie findet ihre Leckereien, und zwar jedesmal und obendrein schnell. Ich kann nicht umhin, ihre Herangehensweise mit der von Menschen zu vergleichen. Dabei kommen wir Menschen nicht besonders gut weg. Wir experimentieren bei weitem nicht so selbstverständlich und munter. Wenn wir vor einem Problem stehen, das wir nicht durchschauen, dann analysieren wir es. Aber dabei stoßen wir mitunter an Grenzen. Und dann sind wir geneigt, das Problem (zumindest vorläufig) für nicht lösbar zu erklären, weil wir es nicht verstanden haben. Wir geben auf, verschieben die Sache womöglich auf unbestimmte Zeit. Und wir wollen auf keinen Fall scheitern. Das halten wir nicht aus. Wir denken, wir seien inkompetent, wenn wir nicht gleich Erfolg haben. Wir finden es peinlich, wenn andere sehen können, dass wir gescheitert sind. Darum experimentieren wir nicht fröhlich drauflos. Lucy macht sehr vieles falsch, wenn sie herumprobiert, wie sie an ihre Leckereien kommt. Aber das kümmert sie kein bisschen. Warum kümmert es uns so sehr? Sollten wir nicht vielmehr mit so viel Spaß und Mut an Neues herangehen wie die kleine Hündin? Was für Erfolge könnten wir dann feiern?! Aber wir sichern uns nach allen Seiten ab, wir wollen den Erfolg sofort oder gar nicht. Tatsächlich ist aber genau das der Unterschied zwischen den Erfolglosen und den Erfolgreichen: Letztere machen immer weiter und geben nicht auf, bis sie es geschafft haben.