Archiv für den Monat: Juli 2017

Mitdenken lassen!

Heute war ich mit unserem Welpen in der Hundeschule und hatte Anlass zum Staunen: Wir wurden nicht nur aufgefordert, unseren Hunden mit der Leine ein klares Signal zu geben, sondern ermahnt, dann erst mal gar nichts zu tun und dem Hund Zeit zu lassen, selbstständig dieses Signal zu verarbeiten, will heißen: mitzudenken.

Unsere Lucy ist erst wenige Monate alt und sie ist ein Hund! Ich soll ihr das wirklich zutrauen?!

Ja, soll ich, und es funktioniert! Signal geben, Klappe halten, den Hund mitdenken lassen. Der zieht hundertprozentig seine Schlüsse. Würde ich ihn aber ständig vollquatschen, wäre er vom Denken abgelenkt.

Wenn mein jugendlicher und ziemlich winziger Hund das schafft – warum schaffen das nicht auch die Menschen in der Arbeitswelt??? Die warten überwiegend auf Anweisungen und sind bemüht, bloß alle Regeln zu befolgen, um nicht unangenehm aufzufallen. Das ist das Ergebnis jahrelanger Erziehung. „Tu, was man dir sagt“, lautet die Devise von Anfang an. In der Schule wird fehlerfreies Reproduzieren von Lerninhalten belohnt. „Diskutier hier nicht schon wieder rum !“, bekommt so mancher Teenager zu hören. Natürlich gibt es Gründe dafür, dass wir unsere Kinder so erziehen – aber auch dagegen!

Was wäre wohl, wenn Mitarbeiter nicht nur mitarbeiten, sondern auch mitdenken würden? Ich fürchte, vor dem Hintergrund einer Erziehung, die auf Anpassung ausgerichtet ist, müsste man viele Mitarbeiter explizit immer wieder dazu ermutigen. Bei einigen wird man damit Erfolg haben und sie aus der Lethargie des Gehorsams aufwecken. Ich wage nicht vorauszusagen, was dann genau passieren würde. Viele hätten dann sicher mehr Freude an ihrer Arbeit. Aber vielleicht wären einige dann bald keine Mitarbeiter mehr…

Eines weiß ich aber gewiss: Ein Leben, in dem der eigene Kopf mitwirkt, ist würdevoller, erfüllter und lebenswerter als ein Leben in Anpassung und Gehorsam. Nicht nur bei Hunden.

Vom Fluch der Evolution

Gefühle waren einst Handlungsimpulse. Das ist heute noch spürbar: Wer beispielsweise überrascht ist, zieht die Augenbrauen hoch. Unsere Vorfahren konnten sich so ein größeres Blickfeld verschaffen, das es ihnen erlaubte, mehr wahrzunehmen und gegebenenfalls schneller zu reagieren. Angst ließ unsere Vorfahren flüchten oder erstarren – und diese Reaktion konnte unter Umständen ihr Leben retten. Wut verlieh ihnen die Kraft zum Kampf und so konnten sie ihr Leben und ihre Ressourcen verteidigen.

Aber was taten sie, wenn sie glücklich waren? Vermutlich dasselbe, was wir heute tun: Wir genießen unser Glück, aber tun aus dem Glücksgefühl heraus nichts Lebensrettendes. Glück führt aus Sicht der Evolution nicht unmittelbar zum Erhalt der Art. Aus diesem Grund hat die Evolution es so eingerichtet, dass wir Negatives weit schneller und intensiver empfinden als Positives. Für die Arterhaltung macht das Sinn.

Heute leben wir aber in einem völlig anderen Umfeld als unsere Vorfahren. Wir können negative Gefühle nicht mehr impulsiv ausleben. Es ist nicht erlaubt, dem nervenden Kollegen eine Ohrfeige zu verpassen; es empfiehlt sich nicht, vor dem Zahnarzt und seinem Bohrer davon zu laufen… Wir haben nach wie vor negative Gefühle, können sie aber nicht wie unsere Vorfahren unmittelbar für unser Überleben nutzen. Sie werden zum gefährlichen Ballast, wenn wir nicht achtgeben. Wer bei seiner Arbeit vor allem Negatives wahrnimmt und sich davon beherrschen lässt, verliert nicht nur seine Arbeitsfreude und Lebensqualität, sondern zuweilen auch seine Gesundheit.

Deswegen ist es wichtig, dass wir Gefühlsmanagement betreiben. Wir können den negativen Gefühlseinflüssen etwas entgegensetzen und sie damit unschädlich machen. Das Prinzip ist einfach:

  • Negative Empfindungen dämpfen: z.B. Negativem die Aufmerksamkeit entziehen, negative Gedanken in Frage stellen
  • Positive Empfindungen kultivieren: z.B. Positives bewusster wahrnehmen oder gar gezielt für positive Erfahrungen sorgen

Für den Arbeitsalltag bedeutet das: Wir sollten uns nicht auf all die Anlässe zur Unzufriedenheit  fixieren, sondern bewusst das Gute im Job wahrnehmen. Wir können auch gezielt etwas für gute Gefühle tun: z.B. freundlich zu anderen sein, denn die Evolution belohnt das Gutsein mit glücklichen Gefühlen. Zudem kommt Freundlichkeit meist zurück. Oder wir können interessante Herausforderungen suchen, denn dann besteht die Chance auf Flow. Wir können kleine Auszeiten nehmen, die uns guttun, eine Plauderei mit einer netten Person, eine schöne Tasse Kaffee etc. Alles ist besser, als sich negativen Gefühlen einfach zu überlassen.