Archiv für den Monat: April 2017

Tür zu!

Wir genießen so viel Freiheit wie nie zuvor in der menschlichen Geschichte. Jeden Tag stehen uns unermesslich viele Möglichkeiten offen, es gibt unzählige attraktive Optionen. Doch auch wenn die Alternativen grenzenlos sind, unsere Lebenszeit ist es nicht. Wir sind gezwungen, zu wählen und zu entscheiden, welche der Möglichkeiten wir nutzen wollen.

Das ist schwer. Denn mit jeder Entscheidung, die wir FÜR etwas treffen, entscheiden wir fast immer auch GEGEN eine oder mehrere attraktive Alternativen. Das fühlt sich oftmals nicht gut an, weshalb wir bemüht sind, uns so viele Optionen wie möglich offen zu halten. Und genau damit tun wir uns nichts Gutes. Denn wer sich alle Optionen bewahren will, findet keine Orientierung und kann seine Energien nicht bündeln. Er verliert sich schnell im Dickicht der Alternativen.

Wir kommen um Entscheidungen nicht herum: Welche Türen wollen wir offen lassen und welche wollen wir schließen? Bei dieser Frage geht es um Lebensgestaltung. Wir können nicht alles sein, tun und haben. Wie ein Bildhauer Überschüssiges abschlägt, damit sein Kunstwerk hervortreten kann, so müssen auch wir bereit sein, uns von Überflüssigem zu befreien. Nur so kann das Wesentliche in unserem Leben Gestalt gewinnen. Wir modellieren unser Leben aus der Masse der Möglichkeiten heraus.

Es kann schmerzlich sein, eine Tür für immer zuzuschlagen und zu entscheiden, dass der eigene Weg an dieser Möglichkeit vorbeiführen soll. Aber keiner von uns wird genug Zeit haben, um all das Schöne und Bereichernde in dieser Welt genießen zu können. Wir müssen uns auf ein paar Dinge beschränken und diese dann intensiv nutzen und auskosten. Wir alle müssen uns entscheiden, wie wir leben wollen und welchen Dingen/Situationen/Menschen wir in unserem Leben einen Platz geben wollen. Wer sich klug entscheidet, wird seine Erfüllung finden. Dann gibt es kein Bedauern wegen all der ungenutzten Möglichkeiten. Denn das eigene Leben ist ja reich – und mehr als Erfüllung geht ohnehin nicht.

Falsch entschieden? Macht nix!

Wir neigen in unserer Gesellschaft fast alle ein wenig zum Perfektionismus. Wir wollen alles möglichst gut machen. Dazu gehört auch die Angst vor falschen Entscheidungen. Wir wollen keine Entscheidung bereuen müssen. Ich beobachte beispielsweise jedes Jahr aufs Neue die Angst der Eltern, beim Schulwechsel ihrer Kinder etwas anderes als die allerbeste Schule auszusuchen. Im beruflichen Coaching bin ich laufend mit den Entscheidungsnöten meiner Kunden konfrontiert. Man will ja nichts falsch machen.

Natürlich sind Leichtfertigkeit oder gar Tollkühnheit nicht empfehlenswert. Aber die ewige Angst vor Fehlentscheidungen kostet unendlich viel Energie und führt zuweilen sogar zu einer Lähmung. „Soll ich beim Meeting meine Meinung sagen oder vorsichtshalber still bleiben?“ ist ein Beispiel dafür. Wer aus Angst vor Gegenwind lieber nichts sagt, hat keinen Einfluss auf das Geschehen und muss dann mit den Entscheidungen der anderen leben. Und dem Bewusstsein, feige gehandelt zu haben. Und er wird nie wissen, was passiert wäre, wenn er den Mund aufgemacht und Stellung bezogen hätte.

Ich plädiere deshalb für mehr Risikobereitschaft. Eine Prise Abenteuerlust. Wir müssen nicht alles richtig entscheiden. Wir machen ohnehin unvermeidlich Fehler. Das ist nicht so gefährlich wie die meisten von uns glauben. Denn auch nach einem Fehler geht es immer weiter. Manche Fehlentscheidungen lassen sich sogar revidieren. Aus Fehlentscheidungen geht man klüger hervor. Aus Fehlern entsteht regelmäßig auch etwas Gutes, denn nichts ist eindeutig. Wir müssen nur unseren Blick für das Gute im Schlechten schärfen.

Wer im Leben vorankommen will, muss auf jeden Fall bereit sein, seine Fehlerquote deutlich zu erhöhen. Dazu gehören ganz sicher auch Fehlentscheidungen.