Archiv für den Monat: Februar 2017

Routine oder Abenteuer?

Jeden Morgen lassen wir unsere beiden Hunde durch die Terrassentür im Speisezimmer in den Garten. Unser Golden Retriever kennt das nun schon seit elf Jahren so. Aber vor einigen Tagen ließ sich die Tür plötzlich nicht mehr öffnen. Der Mechanismus ist defekt und unser Schlosser konnte nicht gleich vorbeikommen. Das ist im Grunde nicht schlimm, denn es gibt noch weitere Terrassentüren, durch die man in den Garten gelangen kann.

Wir haben also eine andere Tür geöffnet und wollten die Hunde hindurch schicken. Aber sie standen wie versteinert vor der defekten Terrassentür und ließen sich nicht abrufen. Die vielen Jahre der Gewohnheit hatten sie blind gemacht für andere Möglichkeiten.

Das war einerseits belustigend, andererseits beunruhigend. Denn ich glaube nicht, dass unsere Hunde sich da sehr von uns Menschen unterscheiden. Routine macht blind. Sie erzeugt eine scheinbare Selbstverständlichkeit und lässt keine anderen Möglichkeiten mehr zu. Wir werden unflexibel und degenerieren zu Automaten. Ab einem gewissen Punkt ist Routine keine Erleichterung mehr, sondern zerstört Lebendigkeit.

Wir haben immer die Wahl, welchen Weg wir einschlagen wollen. Wir können die vertrauten, gewohnten, allseits bekannten Wege gehen oder wir entscheiden uns für Abenteuer. Etwas Neues probieren, schauen, ob man Gewohntes noch verbessern kann, mit Möglichkeiten spielen. Einmal Messer und Gabel vertauschen, einen anderen Weg zur Arbeit fahren, eine ungewohnte Aufgabe übernehmen, eine andere Art von Gespräch führen… Routine ist nicht wegzudenken aus einem funktionierenden Dasein, aber Neugier und Experimente sollten ebenso einen festen Platz in unserem Alltag haben. Ein bisschen Abenteuer jeden Tag, ein wenig Unberechenbarkeit – das hält uns wach und lebendig, macht den Alltag spannend und lehrreich – und hält uns geschmeidig.

Frühe Verletzungen

Vor ein paar Tagen habe ich vor größerem Publikum einen Vortrag zum Thema „Erfolgsfaktor Selbstvertrauen“ gehalten. Dabei wollte ich wissen, wer von meinen Zuhörern als Kind irgendwann einmal geschlagen oder angeschrieen worden war. Es blieb kaum ein Arm unten…

Vermutlich hat jeder von uns schon den Satz gehört: „So ein Klaps hat noch niemandem geschadet!“   Aber das stimmt einfach nicht!!! Denn wenn ein Kind geschlagen oder „nur“ verbal niedergemacht wird, empfängt es damit eine deutliche Botschaft. Sie lautet: „Du bist nicht in Ordnung!“ Je jünger das Kind ist, desto bereitwilliger glaubt es dem Erwachsenen diese Botschaft.

Die Folgen sind verheerend und reichen weit über die jeweilige Situation hinaus. Sie können eine lebenslange Wirkung entfalten. Die Betroffenen schlagen sich auf unterschiedlichste Art mit dem Schmerz herum, den das Bewusstsein der vermeintlichen Minderwertigkeit hervorruft. Sie tun auf unterschiedlichste Weise alles, um nur diesen Schmerz nicht spüren zu müssen. Sie fokussieren unbewusst auf die Schmerzvermeidung und nicht auf das Leben.Das hindert sie daran, jemals wirklich lebendig zu sein, das Leben zu umarmen, lustvoll Abenteuer zu suchen und tiefe Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen.

Wir können nichts dafür, dass man uns entwertet hat, als wir noch jung und anderen ausgeliefert waren. Aber wir müssen die Folgen nicht ein Leben lang als selbstverständlich hinnehmen. Wir können unser Selbstwertgefühl aufbauen und stärken, evtl. auch mit professioneller Hilfe. Es sollte unsere vornehmste Aufgabe sein, uns zu voller Größe aufzurichten und die beste Person zu werden, die wir sein können.