Archiv für den Monat: November 2016

Überfordert euch!

Vor wenigen Tagen habe ich ein neues Projekt in Angriff genommen und damit komplettes Neuland betreten. Das Projekt ist anspruchsvoll, verlangt mir Einsichten und Fähigkeiten ab, die ich noch nicht entwickelt habe, kostet Zeit und Mühe. Ich weiß nicht, ob ich den Herausforderungen gewachsen bin und überhaupt damit erfolgreich sein kann.

Zu Beginn habe ich Euphorie empfunden, dann Ernüchterung, dann kamen die Selbstzweifel, das deutliche Gefühl von Überforderung, zwischendurch bin ich wieder zuversichtlich und voll Selbstvertrauen. Ein Wechselbad. Gemütlich ist das nicht. Dabei muss ich das alles eigentlich nicht machen. Die Entscheidung für dieses Projekt erfolgte freiwillig und spontan. Warum tue ich mir das an?

Weil es mir ein Gefühl von Lebendigkeit verleiht. Natürlich besteht auch eine gute Chance, dass mein Projekt ein Erfolg wird und ich dabei Gewinn mache. Aber das allein wäre viel zu wenig. Lebendigkeit zählt mehr. Solch eine Herausforderung ist in jedem Fall ein Gewinn, selbst wenn das betreffende Projekt am Ende scheitern sollte. Denn:

  • Wer etwas Neues in Angriff nimmt, erlebt Abenteuer. Der Tag wird spannender und erfüllter. Genau dafür ist das menschliche Gehirn gemacht. Wir brauchen Probleme, an denen wir uns abarbeiten können. Das Gehirn will beschäftigt werden und mag keine Routine.
  • Es besteht die Notwendigkeit, etwas Neues zu lernen. Lernen bedeutet per se, sich zu überfordern. Dabei fühlt man sich ganz und gar wach. Erkenntnis ist grundsätzlich lustvoll. Das hat die Evolution klug eingerichtet. Denn Individuen mit hoher Lernbereitschaft sind letzten Endes lebenstüchtiger.
  • Neue Erfahrungen bilden den Charakter. Unsere Persönlichkeit verändert sich in Abhängigkeit von unseren Erlebnissen. Je mehr wir uns auf das Leben einlassen, desto reifer werden wir. Auch das ist eine wunderbare Erfahrung.

Klar, Überforderung ist nicht unbedingt angenehm und ich weiß nicht einmal, ob ich am Ende mit meinem Projekt wirklich Erfolg haben werde. Aber ich könnte es mir kaum verzeihen, wenn ich mich nicht darauf eingelassen hätte.

 

Die besondere Intelligenz

Frage eines Seminarteilnehmers an mich: „Braucht man Intelligenz, um souverän handeln zu können?“ Gute Frage. Natürlich braucht man dafür Intelligenz – schließlich bedeutet „Souveränität“, dass man über den Dingen steht (lat. „superanus“ = „darüber befindlich, überlegen“). Aber es ist nicht die Art von Intelligenz, die man mit einem klassischen Intelligenztest bestimmen kann.

Der misst nämlich Dinge wie räumliches Vorstellungsvermögen oder sprachliches Geschick. Nicht ganz unwichtige Aspekte der Lebenstüchtigkeit. Sie werden jedoch überbewertet. Letzten Endes kann man Intelligenz wohl kaum darauf reduzieren. Es gibt im Grunde viele verschiedene Intelligenzen und Fähigkeiten, die uns lebenstüchtig machen.

Souveränität erfordert beispielsweise den intelligenten Umgang mit Sichtweisen:  Man darf sich vom Geschehen niemals völlig gefangennehmen lassen, sondern muss jede Situation aus der Hubschrauberperspektive betrachten können. Nur so steht man über den Dingen und gewinnt den Überblick. Themen und Muster werden deutlicher erkennbar. Weiterhin gehört die Fähigkeit zu strategischem Denken dazu; denn der Souveräne reagiert nicht einfach nur, sondern er ist Impulsgeber. Er kann das Geschehen steuern und fühlt sich ihm nicht ausgeliefert. Souveräne Menschen sind darüber hinaus in der Lage, für jede kritische Situation eine ganze Reihe alternativer Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, unter denen sie dann wählen können. So behalten sie das Steuer in der Hand.

Ja, man braucht Intelligenz, wenn man souverän sein will. Aber es ist eine besondere Intelligenz, eine, die der übliche Intelligenztest nicht messen kann.