Archiv für den Monat: August 2016

Arbeit und Selbstachtung

Gestern wollte ich während der Autofahrt die Nachrichten hören und habe gerade noch die letzten beiden Werbespots erwischt, die davor gesendet wurden. Da verkündete eine fröhliche junge Frauenstimme, sie sei eine Jeans von C&A. Eine weitere weibliche Stimme erklärte sofort, natürlich ebenso euphorisch, sie sei auch eine Jeans von C&A und wer beide Jeans kaufe, würde eine davon billiger bekommen.

Ich habe dann von den Nachrichten nichts verstanden, weil ich so beschäftigt damit war, darüber nachzudenken, wer sich für solch einen Werbespot hergibt und wie diese Art von Arbeit mit der Selbstachtung zusammenhängt. Hat man bei Auftragsannahme schon keinen Selbstrespekt mehr und ist deshalb bereit, sich für ein bisschen Geld demütigen zu lassen oder ist man so unachtsam/verzweifelt/naiv, dass man sich auf einen derartigen Job einlässt?

Wenn ein Mensch öffentlich erklärt, er sei eine billige Jeans, muss das Auswirkungen auf die Selbstachtung haben. Und ich bin überzeugt: Jeder von uns sollte gut Acht geben, was und wie er arbeitet. Arbeit ist ein hervorragendes Mittel, die eigene Identität zu stärken. Auch die Identität, die durch Schwäche und Geringschätzung der eigenen Person gekennzeichnet ist. Frei nach dem Motto: Was du tust, das wirst du. Die jungen Frauen in diesem Werbespot schaden sich mehr als sie vermutlich ahnen.

Und noch ein Aspekt, der mich als Konsument ebenfalls beschäftigt: Was ist das für eine Firma, die denkt, ich würde mich von sprechenden Jeans in meinem Kaufverhalten beeinflussen lassen?! Wir alle glauben während unserer frühkindlichen Entwicklung eine Weile lang, alles um uns herum sei belebt. Man nennt das die „magische Phase“. Ich bin inzwischen erwachsen und darüber hinaus. C&A infantilisiert mit diesem Werbespot die Kunden, genau wie der Pharmakonzern, der uns weismachen will, es gäbe Schleimmonster, damit er sein Produkt (Mucosolvan) besser verkaufen kann. Ich fühle mich weder von C&A noch von der Firma Boehringer ernst genommen und werde deshalb deren Produkte nicht kaufen. Ich ziehe definitiv Firmen vor, die ihre Kunden mit Respekt behandeln.

Bereit?

Woher weiß man, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um eine bestimmte Herausforderung anzunehmen? Wann ist es Zeit für ein Kind, für eine Führungsposition, für eine Kündigung, einen Auslandsaufenthalt, die Selbstständigkeit, den Hausbau oder auch nur irgendeine Art von Projekt, mit dem man bislang noch keine Erfahrungen gesammelt hat?

Die Antwort lautet: Der ideale Zeitpunkt kommt im Grunde nie. Auf nennenswerte Herausforderungen sind wir selten perfekt vorbereitet. Darum fühlen wir uns angesichts solcher Veränderungen meist mehr oder weniger unsicher. Wir haben ganz einfach Angst. Angst davor, es nicht zu packen, uns zu blamieren, etwas Vertrautes unwiederbringlich zu verlieren, anschließend womöglich schlechter dazustehen als vorher. Das ist ganz natürlich. Jede Herausforderung bedeutet ja, Schritte auf unbekanntes Terrain zu wagen. Wer weiß schon, was einem dort begegnen wird?! Und ob man der Sache gewachsen ist?

Tatsächlich kommen wir aber nur weiter, wenn wir beherzt aufbrechen. Wüssten wir genau, was uns erwartet, hieße das, wir hätten schon Erfahrung damit und dann wäre es eben keine Herausforderung mehr. Wer sich lebendig fühlen und im Leben vorankommen will, lässt sich auch auf Situationen ein, die er noch nicht beherrscht. Einfach „ja“ sagen, einfach mal machen; dieser Mut unterscheidet die Erfolgreichen von den Erfolglosen. Wer wartet, bis er sich sicher fühlt, wartet ein Leben lang.