Die neue Art der Überlegenheit

Früher gab es den Adel, der über allen anderen Menschen stand. „Blaues Blut“ – eine absurde Vorstellung von Überlegenheit. Heute schafft man sich seine Überlegenheit anders: Man geht ins Ausland. Wenigstens nach Neuseeland, aber noch besser nach China. Dort lernt man dann ein paar Brocken Chinesisch und demonstriert so, dass man in der ganzen Welt zuhause ist. Wer in Deutschland bleibt, muss ziemlich beschränkt sein.

Neulich traf meine älteste Tochter zufällig eine langjährige Bekannte von mir. Die erzählte meiner Tochter von ihren Kindern, die im Ausland studieren bzw. arbeiten. Meine Tochter hatte gerade eines ihrer beiden kleinen Kinder dabei und meine Bekannte meinte, es müsse natürlich auch Menschen geben, die zuhause bleiben und sich um die Kinder kümmern. Somit hat also auch meine Tochter eine Daseinsberechtigung. Das ist beruhigend.

Vielleicht sollte ich noch hinzufügen, dass meine Bekannte die ganze Zeit meinte, sie hätte meine zweitälteste Tochter vor sich. Offensichtlich schaut sie nicht so genau hin. Und sie weiß natürlich auch nicht, dass meine älteste Tochter eine promovierte und sehr begabte Frau ist. Spielt ja auch keine große Rolle, weil sie ihre Qualifikation nicht für einen Auslandsaufenthalt nutzt.

Was macht einen Menschen wertvoll? Auslandserfahrung? Sie mag den Horizont erweitern, wenigstens bei manchen. Aber natürlich ist dies nur eine Möglichkeit unter vielen, wie man das eigene Blickfeld vergrößern und Lebenserfahrung sammeln kann. Letzten Endes sind es andere Dinge, die zählen: Ein offener Blick für das Gegenüber beispielsweise, Respekt für Andersdenkende, das Bemühen, sich zur besten Person zu entwickeln, die man nur sein kann. Der Verzicht auf Vergleiche. Im Grunde all die altmodischen Tugenden.

Seit der Erfindung des Ackerbaus hat es immer schon sesshafte Menschen gegeben. Sie haben Häuser gebaut und ihre Kinder darin großgezogen. Ich verstehe nicht, was plötzlich falsch daran sein soll und warum Auslandserfahrung grundsätzlich zu einem Gefühl der Überlegenheit berechtigt. Mich überzeugt vielmehr, was Marcel Proust dazu meinte: „Wirkliche Entdeckungsreisen macht man nicht in neuen Landstrichen, sondern mit neuen Augen.“

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