Archiv für den Monat: Mai 2016

Alles bloß Wahrnehmungsfehler!

Wir pflegen die Dinge auf bestimmte Weise zu betrachten. Daraus entstehen dann automatisch die dazu passenden Erwartungen und Wünsche. Das ist normal und funktioniert so selbstverständlich, dass wir im allgemeinen nicht darüber nachdenken. Aber was ist, wenn diese Wünsche sich dann nicht erfüllen, wenn unsere Erwartungen enttäuscht werden?

Neulich besuchte ich ein sehr schön gelegenes Restaurant in der Erwartung, dort gut bedient zu werden. Das Gegenteil war der Fall: Ich wurde überhaupt nicht bedient. Der Kellner war beinahe unsichtbar und wenn er doch einmal in Erscheinung trat, schien er mental abwesend zu sein. Dieses Verhalten deckte sich nicht mit meiner Erwartung. Was jetzt? Da mein Versuch, ihn aus seiner Trance zu holen, scheiterte, musste ich mir nun etwas Neues ausdenken. Grundsätzlich sah ich zwei Möglichkeiten: Ich könnte mich auf die miese Serviceleistung konzentrieren, indem ich den Kellner anbrüllte, den Geschäftsführer verlangte, eine Möglichkeit zur Rache suchte etc. Oder ich könnte mich auf mein Bedürfnis konzentrieren, nämlich in schöner Umgebung etwas Gutes zu essen. Die erste Alternative erzeugt Stress, die zweite verspricht Bedürfnisbefriedigung. Welche ist intelligenter?

Wir sehen die Dinge so, wie wir sie sehen wollen. Als Folge davon versuchen wir, die Welt an die damit verbundenen Erwartungen anzupassen. Und nehmen es dann der Welt übel, dass sie keine Rücksicht auf unsere Wünsche nimmt. Aber die Welt funktioniert, wie sie will, nicht wie wir sie haben wollen. Ich werde wohl in diesem Restaurant ums Verrecken keinen guten Service bekommen. Das ahne ich, nachdem ich nun schon häufiger dort war. Es ist, wie es ist. Ich kann nun wählen: Mich darüber ärgern und mir damit Stress machen, oder ich akzeptiere den Service, wie er ist. Tatsächlich habe ich mich inzwischen auf den schlechten Service eingestellt. Manchmal habe ich viel Zeit und kann es mir leisten, darauf zu warten, dass der Kellner es irgendwann schafft, seinen Job zu machen. Während ich warte, unterhalte ich mich angenehm oder entspanne mich einfach nur beim Nichtstun. Und wenn mir dazu die Lust oder Zeit fehlen, gehe ich halt woanders essen. Aber ich mache mir keinen Stress auf der Basis von Ärger und Frustration.

Im Grunde sind Wahrnehmungsfehler die Ursache für Stress. Wir halten stur an den daraus resultierenden Erwartungen fest. Würden wir uns hingegen mit den Dingen arrangieren, wie sie nun einmal sind, ginge es uns oftmals besser.

Die neue Art der Überlegenheit

Früher gab es den Adel, der über allen anderen Menschen stand. „Blaues Blut“ – eine absurde Vorstellung von Überlegenheit. Heute schafft man sich seine Überlegenheit anders: Man geht ins Ausland. Wenigstens nach Neuseeland, aber noch besser nach China. Dort lernt man dann ein paar Brocken Chinesisch und demonstriert so, dass man in der ganzen Welt zuhause ist. Wer in Deutschland bleibt, muss ziemlich beschränkt sein.

Neulich traf meine älteste Tochter zufällig eine langjährige Bekannte von mir. Die erzählte meiner Tochter von ihren Kindern, die im Ausland studieren bzw. arbeiten. Meine Tochter hatte gerade eines ihrer beiden kleinen Kinder dabei und meine Bekannte meinte, es müsse natürlich auch Menschen geben, die zuhause bleiben und sich um die Kinder kümmern. Somit hat also auch meine Tochter eine Daseinsberechtigung. Das ist beruhigend.

Vielleicht sollte ich noch hinzufügen, dass meine Bekannte die ganze Zeit meinte, sie hätte meine zweitälteste Tochter vor sich. Offensichtlich schaut sie nicht so genau hin. Und sie weiß natürlich auch nicht, dass meine älteste Tochter eine promovierte und sehr begabte Frau ist. Spielt ja auch keine große Rolle, weil sie ihre Qualifikation nicht für einen Auslandsaufenthalt nutzt.

Was macht einen Menschen wertvoll? Auslandserfahrung? Sie mag den Horizont erweitern, wenigstens bei manchen. Aber natürlich ist dies nur eine Möglichkeit unter vielen, wie man das eigene Blickfeld vergrößern und Lebenserfahrung sammeln kann. Letzten Endes sind es andere Dinge, die zählen: Ein offener Blick für das Gegenüber beispielsweise, Respekt für Andersdenkende, das Bemühen, sich zur besten Person zu entwickeln, die man nur sein kann. Der Verzicht auf Vergleiche. Im Grunde all die altmodischen Tugenden.

Seit der Erfindung des Ackerbaus hat es immer schon sesshafte Menschen gegeben. Sie haben Häuser gebaut und ihre Kinder darin großgezogen. Ich verstehe nicht, was plötzlich falsch daran sein soll und warum Auslandserfahrung grundsätzlich zu einem Gefühl der Überlegenheit berechtigt. Mich überzeugt vielmehr, was Marcel Proust dazu meinte: „Wirkliche Entdeckungsreisen macht man nicht in neuen Landstrichen, sondern mit neuen Augen.“