Archiv für den Monat: März 2016

Lass mich wissen, was du weißt!

Heute Nachmittag hat mich meine Nachbarin belehrt, dass ich Essigreiniger nehmen soll, wenn ich die Eingangsstufen vor meiner Haustür sauber schrubben will. Sie hat mich erwischt, wie ich nur mit klarem Wasser arbeitete, ganz ohne Reinigungsmittel. Ihr Mann nickte bestätigend zu den Worten seiner Frau und meinte, die Steine würden gewiss hinterher viel schöner glänzen. Also kaufe ich morgen eine große Flasche Essigreiniger. Ich lasse mich da gern belehren.

Ehrlich gesagt genieße ich es, wenn andere mir hilfreich begegnen. Ich muss ja nicht jeden Tipp umsetzen, aber andere Menschen verfügen eben auch über so manch nützliche Erfahrung. Prinzipiell ist es toll, dass ich hin und wieder davon profitieren darf. In dunklen Stunden packt mich zuweilen die Verzweiflung, weil mir bewusst ist, dass ich als dummer Mensch sterben werde – egal, wie lange mein Leben dauert und wie eifrig ich lerne: Verglichen mit der Gesamtmenge nützlichen Wissens, fällt mein eigener Anteil daran äußerst bescheiden aus. Dagegen hilft auch kein Essigreiniger.

Nicht wenige Vertreter des männlichen Geschlechts scheinen das allerdings völlig anders als ich zu empfinden. „Belehren Sie mich nicht!“, schleuderte mir heute ein älterer Mann entgegen, als ich ihn darauf aufmerksam machen wollte, wo er parken darf und wo nicht (vor meiner Einfahrt definitiv nicht!). „Sie können mich anzeigen, wenn Sie wollen, aber belehren Sie mich nicht!“, meinte vor einiger Zeit der Hundebesitzer, dessen freilaufender Hund gerade eine Schwangere zu Fall gebracht hatte. Vor Gericht hätte er ganz gewiss den Kürzeren gezogen, aber das war ihm lieber, als auf freiem Feld über die rechtlichen Bestimmungen belehrt zu werden. Fällt es Männern wirklich so schwer zuzugeben, dass ihre Ideen und Lösungen eben nicht immer die besten sind? Glauben die Herren allen Ernstes, andere würden ihnen ihre vermeintliche Überlegenheit abkaufen?

Wie viel einfacher und schöner und bereichernder wäre es, wenn wir uns selbstverständlicher austauschen würden! Jeder ist in irgendeiner Hinsicht klüger als sein Gegenüber. Es ist nicht ehrenrührig, wenn man zugibt, etwas nicht so gut zu wissen wie der andere. Es ist nicht schlimm, etwas falsch zu machen und dann erklärt zu bekommen, wie es besser geht. ich hoffe jedenfalls inständig, dass es in allen ungemütlichen Situationen meines Lebens stets jemanden in meiner Nähe geben wird, der mir überlegen ist und mich großzügig an seinem Wissen teilhaben lässt.

Mut zum Abenteuer!

Unsere Wohnstraße mündet am Ende in einen Feldweg und als ich dort kürzlich mit meinen Hunden vorbeikam, habe ich nicht schlecht gestaunt: Der Kastanienbaum am Feldrand trug plötzlich ganz besondere Blüten: Drei abenteuerhungrige Kinder hatten ihn bestiegen. Sie schienen glücklich über die Gelegenheit zu einer Kletterpartie und waren gleichzeitig mental bereits mit den Möglichkeiten zu weiteren Abenteuern beschäftigt. Der Kastanienbaum, auf dem sie hockten, war ganz offensichtlich nur eine Etappe auf ihrer Entdeckungstour. Die drei schienen kein Problem damit zu haben, sich an diesem trüben Sonntag aufs Beste zu unterhalten. Sie suchten und fanden in unserem langweiligen Wohnviertel allerlei Herausforderungen und wirkten fest entschlossen, sich keine Gelegenheit zu einer spannenden Erfahrung entgehen zu lassen.

Ich musste lächeln, so, wie ein Erwachsener nun mal lächelt, der sich von kindlichem Tun gerührt fühlt. Aber ich empfand auch ein wenig Neid. Wie abenteuerlustig und mutig sie doch waren, die kleinen Entdecker! Und wie viel uns Erwachsenen in dieser Hinsicht verloren gegangen ist! Wer von uns erlebt denn noch echte Abenteuer in einem langweiligen Wohnviertel an einem trüben Sonntag im Winter?! Diese Fähigkeit ist uns ganz und gar verloren gegangen. Das Schlimme ist: Wir trauen uns kaum noch Abenteuer zu und wir haben auch den Blick dafür verloren. Die meisten von uns haben ihre Neugier durch Wissen ersetzt und scheuen überdies das Risiko. Wir fürchten uns davor, was passieren könnte, wenn wir ausbrechen aus den gewohnten Mustern. Wir planen, statt zu experimentieren. Eine schlechte Gewohnheit ist das, weiter nichts. Aber ich bin nicht gewillt, mich vertrauten Mustern und langweiliger Routine zu überlassen. Ich stehe jetzt sofort von meinem Schreibtisch auf und suche mir ein kleines Abenteuer!