Archiv für den Monat: Februar 2016

Ich bin doch gar nicht gemeint!

In den vergangenen Tagen ist es mir bei meinen Coachees wieder einmal aufgefallen: Wir schaffen uns jede Menge Probleme, weil wir dazu neigen, die Worte und Reaktionen anderer Menschen bereitwillig auf uns selbst zu beziehen. Ein Kunde von mir war überaus beeindruckt von der teuren und durchgestylten Praxis seines Arztes, eine Kundin war tief gekränkt, weil sich ihre Chefin aggressiv verhalten hatte … So entstehen Gefühle, die dann die Interaktion bestimmen. Mein Kunde verhält sich seinem Arzt gegenüber zu vertrauensvoll, weil er meint, ein so erfolgreicher Mensch müsse eine Koryphäe sein und alles besser wissen als andere. Meine Kundin ist völlig verstört und hilflos, weil sie meint, die Chefin wolle sie aus dem Job ekeln.

Es kommt den beiden nicht in den Sinn, dass das Gegenüber genauso schwach/stark/kompetent ist wie sie selbst und es keinerlei Grund gibt, aus Angst oder Ehrfurcht zu erstarren. Ein Arzt, der so offensichtlich einen guten Eindruck machen will, ist ein eitler Fratz auf der verzweifelten Suche nach Bestätigung. Seine Praxisausstattung verrät nicht viel über seine fachliche Qualifikation, aber viel darüber, wie wichtig es ihm ist, seine Patienten zu beeindrucken. Und eine Chefin, die in Waden beißt, ist eine unglückliche Frau, mit der irgendetwas nicht stimmt. Würden sich meine Kunden das vor Augen führen, hätten sie mit einem Schlag eine ganze Fülle alternativer Reaktionsmöglichkeiten.

Menschen senden pausenlos Signale und geben pausenlos damit etwas von sich preis. Statt alles persönlich zu nehmen und uns gemeint zu fühlen, sollten wir lernen, im anderen zu lesen. Denn der andere verhält sich immer so, weil er ist, wie er ist. Mit uns selbst hat all das wenig zu tun. Unsere Handlungsmöglichkeiten verbessern sich erheblich, sobald wir damit beginnen, die Signale des Gegenübers zu entschlüsseln. Dann wissen wir, was mit dem anderen los ist, was sein Verhalten zu bedeuten hat. Wir werden auf diese Weise weniger verletzlich sein und sehr viel effektiver agieren können.

Zum Teufel mit der Perfektion!

Derzeit habe ich mehrere herausfordernde Aufgaben zu bewältigen. Und ganz gleich, wie sehr ich mich anstrenge – ich bin nicht so gut, wie ich gerne wäre: nämlich perfekt. Ich fürchte, jede meiner Arbeiten würde einem strengen Kritiker Angriffspunkte liefern. Ich habe gelernt, mich deswegen unbehaglich zu fühlen und das ist ziemlich dumm.

Ganz bestimmt bin ich mit dieser Erfahrung nicht allein. Statt unser Tun zu genießen und darin aufzugehen, sind wir ständig damit beschäftigt, zu prüfen, ob wir genügen. Unmöglich, auf diese Weise ein intensives Gefühl der Lebendigkeit zu spüren. So erzeugt man lediglich Stress statt Schaffensfreude. Dabei könnte die Arbeit so viel Spaß machen, wenn wir uns erlauben würden, einfach darin einzutauchen und zu schauen, was passiert. Letzten Endes geht es nicht darum, etwas Perfektes zu schaffen, sondern darum, das Richtige zu tun, auch wenn es nicht perfekt gelingt. Werte sind viel wichtiger als Vollkommenheit! Und obendrein ist alles im Leben unbeständig, unvollkommen, unfertig und im Werden begriffen. Wenn wir uns das vor Augen führen, wird es leichter, sich zufrieden zu geben und die eigenen Grenzen zu akzeptieren. So gelingt es uns viel besser, die eigene Authentizität zu schätzen und den eigenen Beitrag zu würdigen – auch wenn beides nicht perfekt ist.

Und sollten wir einmal einen Bock schießen und uns einen Riesenfehler leisten – na, dann können wir uns damit trösten, dass wir zwar nicht perfekt sein mögen, aber auf diese Weise immerhin perfekt zum Rest der Menschheit passen.