Archiv für den Monat: Dezember 2015

Warum verhält der sich so blöd?

Die Vorweihnachtszeit bietet reichlich Anlass für Stress und je näher es auf Weihnachten zugeht, desto schlimmer wird es. Nicht mal auf den Weihnachtsmärkten kann man sich auf Gemütlichkeit verlassen. Die Menschen sind ungeduldig und in Eile. Viele verhalten sich aggressiv. Und diesmal war es besonders schlimm, weil sich an die Feiertage gleich ein Sonntag anschloss. Es wurde eingekauft, als stünde eine Hungersnot bevor.

Im Parkhaus habe ich wieder eine typische Beobachtung gemacht: Ich wollte nach meinem Einkauf in Richtung Ausfahrt steuern, aber es hatte sich eine lange Schlange gebildet. Irgendein Fahrer rangierte seinen langen Kombi ungeschickt aus der Parklücke heraus und blockierte alle anderen. Dann blieb derselbe Fahrer anschließend eine gefühlte Ewigkeit lang an der Schranke vor der Ausfahrt stehen, stieg schließlich aus und rief, er sei sofort zurück, er müsse nur schnell nachzahlen. Der Fahrer hätte theoretisch ohne weiteres in die freie Parklücke hinter sich stoßen können, dann hätten wir anderen nicht auf ihn warten müssen. Er war also nicht nur ungeschickt, sondern auch rücksichtslos. Grund genug, sich über ihn zu ärgern. Er erntete ungeduldiges Hupen und böse Blicke. Bei den wartenden Autofahrern stieg offensichtlich der Blutdruck.

Bei mir selbst entstehen in solchen Situationen spontan dieselben Gefühle von Ärger und Ungeduld. Dagegen kann ich nichts machen. Aber ich kann auf jeden Fall entscheiden, wie ich auf meine Gefühle reagiere. Daher habe ich schon vor längerer Zeit beschlossen, derartigen Gefühlen nicht nachzugeben. Denn zum einen ändert mein Ärger nichts an der bestehenden Situation und zum anderen schade ich mir zuverlässig selbst, wenn ich mich gedankenlos meinem Ärger überlasse. Ärger verdirbt nicht nur die Laune, sondern stellt ein Gesundheitsrisiko dar. Wer sich allzu oft ärgert, gefährdet Herz und Kreislauf, schwächt das Immunsystem etc. Wenn ich also spüre, wie der Ärger in mir hochsteigt, dann starte ich sofort einen inneren Dialog, der ihm entgegenwirkt. Ich ermahne mich beispielsweise, mich nicht so aufzuregen, weil das eh sinnlos ist. Ich denke an meine eigene Unvollkommenheit und rufe mir meine eigenen Schnitzer in Erinnerung. Ich führe mir vor Augen, wie wenig Relevanz das betreffende Ereignis tatsächlich für mein Leben besitzt. Und ich mache mir bewusst, dass ich einfach keine Person sein will, die bei jeder Gelegenheit aus der Haut fährt. Das wäre unangemessen, unreif und sehr unliebenswürdig.

Wenn also hinter Ihnen jemand ungeduldig hupt, dann bin das nicht ich. Allerdings bin ich noch nicht so weit, dass ich mit großer Selbstverständlichkeit gleichmütig und freundlich auf Ihr fehlerhaftes Verhalten reagieren kann. Aber ich arbeite daran.

 

Stille Helden

Zum Jahresausklang findet in den diversen Fernsehprogrammen immer wieder ein Rückblick statt. Man wählt die Prominenten des Jahres aus und würdigt ihre Leistung. Und natürlich verdient manch sportliche oder künstlerische Leistung durchaus Respekt. Für mich sind es trotzdem ganz andere Leistungen, die mir Hochachtung abringen. Sie werden von Menschen erbracht, die nie im Fernsehen in Erscheinung treten und ein Leben lang unauffällig bleiben. Dabei hätten sie einen Oscar für ihr Lebenswerk verdient.

Einer solchen Person bin ich erst kürzlich begegnet. Sie machte eine Bemerkung über ihren Vornamen, der mich aufhorchen ließ und ich bat sie, mir mehr zu erzählen. Sie berichtete mir daraufhin, dass sie ein unerwünschtes Kind gewesen sei. Die Eltern hatten auf einen Sohn gehofft und deshalb auch nur einen männlichen Vornamen ausgesucht. Als nun die Tochter zur Welt kam, wollten sie sie nicht haben und auch keinen Namen für das Neugeborene suchen. Das kleine Mädchen erhielt seinen Vornamen dann schließlich von der Hebamme und wuchs bei der Großmutter auf. Als Psychologin weiß ich nur zu gut, welche Probleme und Störungen aufgrund einer solchen Kindheitsgeschichte entstehen können. Aber in diesem Fall saß ich einer lebenstüchtigen und humorvollen Frau gegenüber, die ein erfülltes Leben führt und in jeder Hinsicht höchst kompetent ist.

Ich gebe offen zu, dass mich diese Leistung weit mehr beeindruckt als der Gesang einer Helene Fischer oder die sportlichen Leistungen eines Robert Harting. Und ich bin überzeugt: Die größten Helden leben unerkannt unter uns.