Archiv für den Monat: November 2015

Von innen nach außen

Ich hatte diese Woche Gelegenheit, an einer Fortbildungsveranstaltung mit einem sehr gut durchdachten Konzept teilzunehmen. Es ging um professionelle Präsentation. Uns Teilnehmern standen etliche Experten mit ihrem Know-how zur Verfügung. Zwei von ihnen sind mir als sehr kompetent aufgefallen. Ihnen gebührt mein Respekt.

Was mir aber auch aufgefallen ist: Der Initiator und zugleich Moderator der Veranstaltung gab sich bereits in seiner Begrüßungsrede ganz ungeniert sexistisch und hielt sich dabei offensichtlich für humorvoll. Die Expertin für souveräne Selbstdarstellung sah aus wie ein braves Mädchen, sie wirkte ausgesprochen bieder und farblos. Und die Beraterin für stylisches Auftreten kam zu dieser Businessveranstaltung verkleidet wie eine Prinzessin mit wallenden Gewändern. Keine dieser Personen konnte mich überzeugen und ich würde es energisch ablehnen, mich von ihnen beraten zu lassen. Sie demonstrieren nur allzu deutlich, dass sie keine Experten sind und das, was sie selbst entbehren, zu ihrem Beruf gemacht haben.

Das ist kein seltenes Phänomen, ich kenne es nur zu gut aus meinem eigenen beruflichen Umfeld: Wer mit seinem eigenen Leben nicht klar kommt, der wird eben Coach und pfuscht im Leben der anderen herum. Das ist verantwortungslos und gefährlich. Tatsächlich findet Entwicklung immer andersherum statt: von innen nach außen. Erst wenn ich selbst mit dem betreffenden Thema ausgezeichnet zurechtkomme, erst wenn ich weiß, wie’s geht und es auch selbst anwenden kann – erst dann darf ich mein Wissen und Können anderen Menschen verkaufen. Erst dann bin ich überzeugend und als Berater – wofür auch immer – legitimiert.

 

Dumme Ausreden

Vor einigen Tagen bin ich geschäftlich verreist und habe seit längerem wieder einmal den Zug genommen. Abends stand ich dann auf dem Bahnsteig und wartete auf den ICE, der mich nach Hause bringen sollte. Am laufenden Band hörte man Lautsprecherdurchsagen, von denen mehr als 50% Verspätungen ankündigten. Mein Zug war ebenfalls unpünktlich, was mich nicht weiter überraschte. Was mich hingegen erstaunte, war die Begründung, die per Lautsprecher gleich mitgeliefert wurde: Der Zug würde wegen einer Verspätung im Ausland auf sich warten lassen. „Ausland“ konnte in diesem Fall nur „Holland“ bedeuten. Ich traute meinen Ohren nicht, aber sobald ein neuer Zug im Bahnhof eintraf, wurde die Ansage für die frisch Ausgestiegenen wiederholt.

Die Holländer waren also schuld, nicht etwa die Deutsche Bahn. Der würde solch ein Ausrutscher ja auch nie im Leben passieren, denn wie wir alle wissen, sind deutsche Züge immer pünktlich….

Abgesehen davon, dass es mich nicht die Bohne interessiert, wie die Verspätung zustande gekommen ist und wer sie zu verantworten hat (ich will schließlich nichts anderes als weiterreisen!), ist es sicher auch kein schöner Zug, die Nachbarn zu beschuldigen. Aber es ist sicher typisch und legt Zeugnis ab von der verbreiteten Ich-war’s nicht-Mentalität. Es gilt, wann immer möglich, eigene Verantwortung zu leugnen und die Schuld abzuschieben – ganz gleich, wie erbärmlich und unsinnig das auch sein mag.