Archiv für den Monat: September 2015

Was von uns bleibt

Kürzlich sah ich in Südengland einen wahrhaft beeindruckenden Leichenzug. Wir stießen zufällig an einer Kreuzung darauf: Gemessenen Schrittes ging ein Mann in schwarzem Anzug und Zylinder vorweg. Ihm folgte der Leichenwagen mit dem Sarg, der ganz in Weiß gehalten und mit Blumen geschmückt war. Hinter ihm fuhren fünf schwarze Stretchlimos, makellos glänzend und voll besetzt mit Trauergästen. Als nächstes kam ein kleiner Laster, dessen Ladefläche überquoll von Grabgestecken und Trauerkränzen. Schließlich folgte eine lange Reihe normaler Pkws mit schwarz gekleideten Menschen. Ich sah sogar eine junge Mutter, die – man glaubt es kaum – ihr schwarz gekleidetes Baby im Arm hielt.

Kein Zweifel: Wer immer da zu Grabe getragen wurde, muss für seine Mitmenschen eine bedeutende Rolle gespielt haben. Wem von uns würde die Vorstellung nicht schmeicheln, von einer großen Anzahl Menschen derart würdevoll betrauert zu werden?!

Und doch: Ich glaube nicht, dass die Art und Weise, wie andere von einer Person Abschied nehmen, etwas über den Wert ihres Lebens aussagt. Dafür gibt es zu viele großartige Menschen, die unbemerkt aus der menschlichen Gemeinschaft ausscheiden. Was mich betrifft, so wünsche ich mir vor allem ein Leben, das mir entspricht – was andere davon halten, ist weniger bedeutsam. Ich halte es wie Henry James, der schrieb: „Leben Sie Ihr Leben, so gut Sie können. Alles andere wäre ein Fehler. Dabei ist es nicht wichtig, was Sie im Einzelnen machen, solange Sie Ihr Leben leben. Wenn Sie nicht Ihr Leben leben, was bleibt Ihnen dann noch?“ Das scheint mir der wichtigste Erfolg zu sein: Auf meine eigene Weise leben zu können. Anschließend soll mich betrauern, wer mag.

Der Feind in deinem Büro

Kürzlich wurde ich von ZEIT ONLINE zum Thema „Effektivität von Führungskräften“ interviewt und habe dabei eher am Rande geäußert, Mitarbeiter sollten Geduld mit ihren Vorgesetzten haben. Ich erlebe ständig, wie unzufrieden Mitarbeiter sind und wie wenig Fehlertoleranz sie im Hinblick auf das Verhalten ihrer Chefs aufzubringen bereit sind. Tatsächlich sollten aber auch Führungskräfte die Chance haben, in ihre Aufgabe hineinzuwachsen. Schließlich liegt die Fähigkeit zu perfekter Führungsarbeit nicht in den Genen. „Learning by doing“ dürfte auch hier die adäquate Methode sein.

Ich war dann sehr überrascht, wie viel Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt gelenkt wurde. Bei XING fungierte der Artikel als Aufmacher-News mit dem Titel „Mitarbeiter sollten Geduld mit dem Chef haben“ – dabei berührte er auch viele andere Aspekte. Es scheint alles andere als selbstverständlich zu sein, dass Mitarbeiter ihre Chefs so behandeln, wie sie selbst behandelt werden möchten – nämlich mit Wohlwollen. Diese Haltung ist einigen nicht nur fremd, sondern – wie die Kommentare zum Artikel erkennen lassen – es scheint ein regelrechtes Feindbild zu existieren. Man unterstellt dem Chef Psychopathie und Rücksichtslosigkeit, Lernresistenz und Menschenverachtung. Ich weiß, dass es Führungskräfte mit derartigen Eigenschaften gibt, aber sie stellen keine Mehrheit dar.

Und ich frage mich, ob denen, die ihr Feindbild pflegen, eigentlich klar ist, dass sie mit dieser Haltung selbst zu ihrem Unglück am Arbeitsplatz beitragen. Denn wer von seinem Chef Schlechtes erwartet, bringt das Schlechte in ihm hervor. Das ist das simple Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Die Betreffenden werden dann natürlich klagen und jede Verantwortung weit von sich weisen.