Was akute Krisensituationen verraten

Als Psychologin bin ich ein durch und durch neugieriger Mensch. Ich finde es überaus spannend, mich selbst und andere zu beobachten. Auch in einer Krisensituation ist ein Teil von mir immer als interessierter Beobachter involviert.

Gestern war solch eine Situation. Ich habe einen Verwandtschaftsbesuch in einem Mehrfamilienhaus in Tübingen gemacht. Ich befand mich mit meinen Neffen, fünfzehn und acht Jahre alt, in einer Wohnung im dritten Obergeschoss, als zwei Stockwerke unter uns ein gefährliches Feuer ausbrach. Im Nu füllte sich das Treppenhaus mit Rauch, sodass uns der Fluchtweg versperrt war. Eine echte Krisensituation. Was mir in der Erinnerung vor allem vor Augen steht, ist die Tüchtigkeit meines fünfzehnjährigen Neffen: Er erkannte als erster den Ernst der Situation, behielt die Nerven, überlegte vernünftig, machte Vorschläge, führte meine Anweisung (eine nasse Decke vor die Wohnungstür zu legen, damit möglichst wenig giftiger Rauch in die Wohnung drang) tatkräftig aus, er tröstete seinen kleinen Bruder und wollte mir sogar zuletzt, als die Feuerwehr uns über die Drehleiter rettete, den Vortritt lassen (wir passten nicht alle drei in den kleinen Korb).

Wenn in einer Krisensituation so viel auf dem Spiel steht, können wir uns nicht mehr verstellen; dann lässt sich keine Fassade mehr aufrechterhalten und wir zeigen unser wahres Wesen. Was ich bei meinem Neffen gesehen habe, hat mich zutiefst beeindruckt: Ein wirklich cooler Typ, dieser junge Mann, der schnell und clever reagiert, die Nerven behält, Verantwortung übernimmt und dabei noch ein Gentleman ist. Mit seinen fünfzehn Jahren scheint er mir wesentlich erwachsener zu sein als mancher Erwachsene. In seinem Alter hätte ich das vermutlich nicht geschafft. Ich bin unsagbar stolz auf ihn.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich stimme zu.