Archiv für den Monat: Juli 2015

Was akute Krisensituationen verraten

Als Psychologin bin ich ein durch und durch neugieriger Mensch. Ich finde es überaus spannend, mich selbst und andere zu beobachten. Auch in einer Krisensituation ist ein Teil von mir immer als interessierter Beobachter involviert.

Gestern war solch eine Situation. Ich habe einen Verwandtschaftsbesuch in einem Mehrfamilienhaus in Tübingen gemacht. Ich befand mich mit meinen Neffen, fünfzehn und acht Jahre alt, in einer Wohnung im dritten Obergeschoss, als zwei Stockwerke unter uns ein gefährliches Feuer ausbrach. Im Nu füllte sich das Treppenhaus mit Rauch, sodass uns der Fluchtweg versperrt war. Eine echte Krisensituation. Was mir in der Erinnerung vor allem vor Augen steht, ist die Tüchtigkeit meines fünfzehnjährigen Neffen: Er erkannte als erster den Ernst der Situation, behielt die Nerven, überlegte vernünftig, machte Vorschläge, führte meine Anweisung (eine nasse Decke vor die Wohnungstür zu legen, damit möglichst wenig giftiger Rauch in die Wohnung drang) tatkräftig aus, er tröstete seinen kleinen Bruder und wollte mir sogar zuletzt, als die Feuerwehr uns über die Drehleiter rettete, den Vortritt lassen (wir passten nicht alle drei in den kleinen Korb).

Wenn in einer Krisensituation so viel auf dem Spiel steht, können wir uns nicht mehr verstellen; dann lässt sich keine Fassade mehr aufrechterhalten und wir zeigen unser wahres Wesen. Was ich bei meinem Neffen gesehen habe, hat mich zutiefst beeindruckt: Ein wirklich cooler Typ, dieser junge Mann, der schnell und clever reagiert, die Nerven behält, Verantwortung übernimmt und dabei noch ein Gentleman ist. Mit seinen fünfzehn Jahren scheint er mir wesentlich erwachsener zu sein als mancher Erwachsene. In seinem Alter hätte ich das vermutlich nicht geschafft. Ich bin unsagbar stolz auf ihn.

Kontraste machen glücklich

Ich erinnere mich, dass unsere Kinder einmal ein Sommerlied im Kindergarten lernten: „Weißt du, wie der Sommer riecht? … nach heißem Sand und kühler See und nassen Badehosen, nach Wasserball und Sonnencreme, nach Straßenstaub und Rosen.“ Wenn ich mir diese Zeilen vorsage, dann bekomme ich auf der Stelle ein intensives Sommerfeeling und sofort steigt eine Sehnsucht in mir auf nach diesen Tagen mit all dem Licht und der Wärme, nach freier Zeit und kindlicher Unbeschwertheit.

Irgendwann ist es dann so weit: Der Sommer ist da. Die ersten beiden Hitzetage sind noch okay, aber dann habe ich genug. Leider kümmert sich das Wetter aber nicht um meine Bedürfnisse. Die Hitze hielt diesmal so lange an, dass es unangenehm wurde. Nicht mal unsere Hunde mochten noch spazieren gehen., lustlos trabten sie im Wald hinter mir her. Wie wunderbar fühlte sich da die Abkühlung an! Das Gewitter kam, als ich gerade mit einigen Kunden in meinem Institut saß. Sofort wurden die Fenster geöffnet, die Menschen atmeten auf. Endlich Abkühlung! Ich selbst habe nach dieser Veranstaltung mit einem Glas Sekt in der belebend frischen Abendluft gesessen und es genossen, nicht mehr zu schwitzen, wieder einen klaren Kopf zu haben, die feuchte Erde zu riechen und meine Topfpflanzen nicht gießen zu müssen.

Wenn dann aber die kühle Sommerluft zu lange bleibt, hört man wieder Klagen und die Frage, was eigentlich dieses Jahr mit dem Sommer los sei. Ja, sind denn die Menschen nie zufrieden?!

Nein, sind sie nicht, jedenfalls nicht anhaltend. Und da haben sie nicht einmal selbst Schuld daran. Denn es sind unsere Gene, die uns nach Abwechslung dürsten lassen. Das Glück ist niemals von Dauer, lediglich unser Streben danach hört nie auf. Wir können nichts dafür, dass wir uns blitzschnell an das Gute gewöhnen und dann etwas anderes wollen. Deshalb tun uns Kontraste so gut: Erst ein wenig Sonne und Hitze, dann Regen und Kühle und anschließend wieder … Das ist letzten Endes mit allen Dingen so: Ferien sind toll, aber dann will man auch wieder mal was zu tun bekommen; Verwandtenbesuche können sehr schön sein, aber dann freut man sich doch, dass sie auch wieder abreist, die liebe Verwandtschaft usw. Und schließlich ist das Leben nur deshalb so wertvoll, weil es den Tod gibt.