Archiv für den Monat: Mai 2015

Der kleine Unterschied

Jeder von uns muss sich verkaufen können, jeden Tag. Und da ich diese Woche gleich mehrfach Vorträge zum Thema „Stil und Charisma“ halte, ist mein Blick momentan dafür geschärft, wie meine Mitmenschen auftreten und sich verkaufen.

In diesem Zusammenhang ist mir die Rechnung eines meiner Dienstleister besonders ins Auge gefallen. Er muss, um effektiv für mich tätig sein zu können, in engem persönlichen Kontakt mit mir stehen. Nun habe ich eine Rechnung von ihm erhalten: Er fordert einen recht hohen Betrag, verzichtet dabei auf jede Anrede, auf den Gruß und benutzt obendrein noch Briefpapier, auf dem die falsche Kontoverbindung angegeben ist. Er hat die betreffenden Zeilen kurzerhand gestrichen und die neue Kontoverbindung darüber vermerkt.

Da hat doch tatsächlich jeder Supermarkt mehr Stil als mein Dienstleister! „Vielen Dank für Ihren Einkauf“ lese ich auf jedem Kassenzettel. Ich hatte zuvor schon Zweifel, ob dieser Mensch der richtige Kooperationspartner für mich ist und nun bin ich mir sicher, dass ich ihm keinen Auftrag mehr geben will. Wie kann man bloß derart stillos sein!? Es handelt sich bei den genannten Dingen nur vordergründig um oberflächliche Kleinigkeiten. Mit solchen „Kleinigkeiten“ verraten wir uns. Sie entspringen tieferen Schichten. Es sind die vielen kleinen Gesten, mit denen wir unvermeidlich unser Innerstes offenbaren. Daher sollten wir sehr sorgsam auch in den kleinen Dingen sein. Deren Wirkung ist nicht zu unterschätzen. Wenn wir um die Bedeutung der kleinen Dinge wissen, eröffnen sich uns zahllose Möglichkeiten, jenseits der Norm unseren ganz eigenen Stil zu entwickeln. Diesen Unterschied selbst zu spüren und für andere erkennbar zu machen – das ist stilvolle Selbstverwirklichung.

Der tägliche Stolz

Diese Woche konnte ich mehrere große Erfolge feiern und bin natürlich entsprechend stolz auf mich. Es fühlt sich einfach gut an, ehrgeizige und anspruchsvolle Herausforderungen mit Bravour zu meistern. Das geht wohl jedem so. Aber solch ein Triumph ist vergleichsweise selten und gehört nicht zur selbstverständlichen Alltagserfahrung. Was geschieht an den übrigen Tagen?

Ich bin der Überzeugung, dass jeder Tag Gelegenheit bietet, stolz auf sich zu sein und wir diese Gelegenheit bewusst nutzen sollten. Es ist ja nicht nur der große Sieg, der ein Gefühl von Stolz hervorrufen kann. Es ist auch die Freude am kleinen Gelingen, die uns gut tut. Wichtig ist, nicht darauf zu warten, dass andere uns die Erlaubnis geben, stolz auf uns zu sein. Wir müssen selbst erkennen, wann wir Anlass dazu haben. Vielleicht ist es nur ein einfacher Reifenwechsel am eigenen Auto, der Grund zum Stolz gibt. Ein banales Ereignis vor dem Hintergrund des Weltgeschehens – aber für den, der so etwas zum ersten Mal versucht, ein Anlass, sich am eigenen Können zu freuen.

Ich persönlich achte darauf, dass ich abends beim Schlafengehen immer mit Stolz auf meinen Tag zurückblicken kann. Vielleicht habe ich eine neue Herausforderung angenommen und gemeistert. Vielleicht habe ich mich mit Erfolg diszipliniert, etwas zu tun, nach dem ich kein Verlangen empfand und das einzig die Vernunft vorgegeben hat. Und vielleicht habe ich wenig Bedeutsames einfach nur auf die bestmögliche Weise getan. Mir fällt in diesem Zusammenhang ein Zitat von Napoleon Hill ein: „If you cannot do great things, do small things in a great way.“ Es gibt immer Möglichkeiten, einen Grund zum Stolzsein zu schaffen. Diese existenzielle Erfahrung, diese Freude am eigenen Vermögen, stärkt das Selbstwertgefühl, macht Mut für neue Herausforderungen und ermutigt auch andere. Eine Chance, die wir uns keinen Tag unseres Lebens entgehen lassen sollten!

Gedankenlosigkeit

1. Mai und trotz des trüben und kühlen Wetters zieht es die Menschen ins Freie. Beim Ausführen meiner Hunde sehe ich mehrere Familien mit Kindern, die gemeinsam ihren Frühlingsspaziergang absolvieren. Sie bewegen sich auf einem breiten Feldweg. Rechts von ihnen ein frisches Weizenfeld mit strahlend grünen jungen Halmen, links ein blühendes Rapsfeld. Die Väter spielen beim Laufen ein lebhaftes Ballspiel mit den Kindern. Ich höre das Rufen und Johlen schon von weitem. Dann landet der Ball mit Schwung im Weizenfeld. Das war vorhersehbar. Nun macht sich die ganze Gruppe auf die Suche. Alle laufen lachend im Feld herum. Die Getreidehalme sind schon so lang, dass man Gegenstände dazwischen nur erkennen kann, wenn man senkrecht auf sie herabsieht. Die Suche dauert folglich viele Minuten lang. Während dieser Zeit bewegen sich kleine und große Menschen ungeniert durch das Feld. Schließlich ein triumphierendes Rufen: Der Ball ist gefunden. Mit viel Gelächter und in strahlender Laune geht die Gruppe zurück auf den Weg und trampelt dabei gedankenlos weitere Halme nieder.

Ich überlege, dass der Bauer die Freude dieser Menschen höchstwahrscheinlich nicht teilen würde. Und ich tue es auch nicht. Im Weitergehen spüre ich Wut in mir aufsteigen. Diese fröhliche Gedankenlosigkeit macht mir zu schaffen. Ich vermute, dass auf diese Weise größerer Schaden angerichtet wird als durch mutwillige Zerstörung.

Ich für meinen Teil fühle mich zu Menschen hingezogen, die auch in den kleinen Dingen umsichtig und rücksichtsvoll sind. Es gibt sie ja, zum Glück! Und mir fällt dazu ein Satz von William Wordsworth ein, der schrieb: „Der beste Teil im Leben eines guten Menschen, seine kleinen, namenlosen und leicht vergessenen Gesten der Freundlichkeit und Liebe.“