Das Gift der Gewöhnung

Nachdem ich mich vor mehr als sechs Wochen einer Operation unterzogen hatte, konnte ich mich bis vor kurzem nur eingeschränkt bewegen. Als ich dann wieder laufen und das Haus verlassen durfte, war das eine überwältigende Erfahrung, ein großartiges Gefühl der Freiheit und ein Fest sinnlicher Genüsse: der Blick ging plötzlich wieder ins Weite und wurde nicht von der gegenüberliegenden Zimmerwand begrenzt, ich genoss das Licht, die Gerüche und das Gefühl der Bewegung. Jeder Schritt wurde zum Genuss.

Natürlich hatte ich mich vor meinem sechswöchigen Rückzug ins Haus nicht so euphorisch gefühlt. Das Autofahren, der Spaziergang mit meinen Hunden, die Möglichkeit zum Einkaufen, das Tageslicht, die Weite des Blicks, das Gefühl der Bewegung – all das war eine Selbstverständlichkeit und spielte für mein Lebensgefühl keine herausragende Rolle. Folglich konnte ich es auch nicht genießen.

Wir nehmen nun einmal für selbstverständlich, woran wir gewöhnt sind. Und dann verlieren auch die großartigsten Erfahrungen ihren Reiz und ihre Fähigkeit, uns froh zu machen. Gewöhnung vernichtet Glück. Sie lässt uns vergessen, dass nichts in unserem Leben selbstverständlich ist, dass wir jeden Grund haben, für alles Gute dankbar zu sein und dass auch den kleinen Dingen ein großes Glückspotential innewohnt. Es gibt ein Gegenmittel, aber es erfordert ein gewisses Maß an Anstrengung: Wir müssen uns das Gute häufiger bewusst machen und das Gefühl der Dankbarkeit in uns kultivieren. Alternativ hilft es auch, einmal eine Weile freiwillig zu verzichten. Dann wird scheinbar Selbstverständliches wieder zum Genuss.

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