Archiv für den Monat: April 2015

Der Störfall als Normalfall

Während der vergangenen zehn Tage habe ich jede Menge Störfälle im privaten Umfeld erlebt oder berichtet bekommen: In meiner Patchworkgruppe gab es einen Todesfall; einer Freundin ist das gut gewartete noch recht neue Auto kaputtgegangen; ein Kleinkind hat sich mit Tee verbrüht; der Bruder einer Bekannten hat sich im Krankenhaus mit gefährlichen Keimen infiziert; in einer Organisation, mit der ich eng zusammenarbeite, sind durch Krankheitsausfälle und Personalknappheit die verbliebenen Mitarbeiter kaum noch in der Lage, das Tagesgeschäft aufrechtzuerhalten; eine noch junge Frau braucht ein künstliches Kniegelenk und last not least hatte meine Hündin eine lebensgefährliche Infektion und musste als Folge davon eine schwere Operation überstehen.

Daneben gibt es noch die ungezählten und ganz alltäglichen kleinen Kränkungen und Enttäuschungen. Außerdem habe ich jede Menge Sorgen und Ängste beobachtet, die sich auf Dinge und Ereignisse beziehen, die noch gar nicht passiert sind und möglicherweise auch nie eintreten werden.

All das zusammengenommen löst nicht nur starke negative Gefühle aus, sondern häufig auch Verwunderung oder gar Empörung. Ich staune immer wieder, wie viele Menschen scheinbar davon ausgehen, dass störungsfreie Abläufe als Norm zu betrachten seien und alles Störende als Abweichung davon. Vermutlich wäre das Leben einfacher, wenn wir das Unglück schulterzuckend als selbstverständlichen Bestandteil unserer Alltagserfahrung betrachten könnten. Dann wäre das Schwere wenigstens leichter zu akzeptieren und wir bräuchten nicht zu hadern. Denn damit vergeuden wir nur Energie. Das Schlimme, Schwere und Traurige ist nun einmal ein unvermeidbarer Bestandteil unserer Existenz. Wenn wir das akzeptieren, können wir uns besser darauf konzentrieren, unser Unglück zu bewältigen und einander zu helfen.

Das Gift der Gewöhnung

Nachdem ich mich vor mehr als sechs Wochen einer Operation unterzogen hatte, konnte ich mich bis vor kurzem nur eingeschränkt bewegen. Als ich dann wieder laufen und das Haus verlassen durfte, war das eine überwältigende Erfahrung, ein großartiges Gefühl der Freiheit und ein Fest sinnlicher Genüsse: der Blick ging plötzlich wieder ins Weite und wurde nicht von der gegenüberliegenden Zimmerwand begrenzt, ich genoss das Licht, die Gerüche und das Gefühl der Bewegung. Jeder Schritt wurde zum Genuss.

Natürlich hatte ich mich vor meinem sechswöchigen Rückzug ins Haus nicht so euphorisch gefühlt. Das Autofahren, der Spaziergang mit meinen Hunden, die Möglichkeit zum Einkaufen, das Tageslicht, die Weite des Blicks, das Gefühl der Bewegung – all das war eine Selbstverständlichkeit und spielte für mein Lebensgefühl keine herausragende Rolle. Folglich konnte ich es auch nicht genießen.

Wir nehmen nun einmal für selbstverständlich, woran wir gewöhnt sind. Und dann verlieren auch die großartigsten Erfahrungen ihren Reiz und ihre Fähigkeit, uns froh zu machen. Gewöhnung vernichtet Glück. Sie lässt uns vergessen, dass nichts in unserem Leben selbstverständlich ist, dass wir jeden Grund haben, für alles Gute dankbar zu sein und dass auch den kleinen Dingen ein großes Glückspotential innewohnt. Es gibt ein Gegenmittel, aber es erfordert ein gewisses Maß an Anstrengung: Wir müssen uns das Gute häufiger bewusst machen und das Gefühl der Dankbarkeit in uns kultivieren. Alternativ hilft es auch, einmal eine Weile freiwillig zu verzichten. Dann wird scheinbar Selbstverständliches wieder zum Genuss.

Das Ich als komische Figur

Ich habe mich in den vergangenen Tagen ein wenig mit Fachliteratur zum Thema „Humor“ beschäftigt. Nicht nur die Wissenschaft hat etwas dazu zu sagen, sondern es gibt auch kluge Gedanken dazu von Menschen, die Humor zu ihrem Beruf gemacht haben.

U.a. ging es dabei um die Frage, wie man komische Figuren für eine Comedy entwirft. Welche Eigenschaften machen eine Figur überhaupt komisch? Entscheidend dafür ist immer die sogenannte komische Perspektive: eine ganz spezielle Weltsicht, die die Figur auszeichnet und mit der sie sich von anderen unterscheidet. Je ausgeprägter diese Abweichung von der Norm ist, desto komischer wirkt die Figur. Will man also eine Comedy kreieren, muss man sich dazu ein paar charakteristische Eigenheiten für seine Figuren ausdenken. So stellt beispielsweise in der Serie „Two and a half men“ Charly Sheen einen unverbesserlichen Frauenhelden dar, der wegen seiner dysfunktionalen Mutter-Sohn Beziehung völlig auf seine sexuellen Abenteuer fixiert ist. So weit so gut.

Der Autor John Vorhaus wirft in seinem Buch über Humor nebenbei irgendwo die Frage nach der komischen Perspektive des Lesers auf. Jeder von uns hat irgendeine Fixierung auf ein Thema und eine bestimmte Sichtweise. Deshalb ist jeder von  uns grundsätzlich als Comedyfigur geeignet. Seither grübel ich darüber nach, wie ich selbst in eine Comedy hineinpassen könnte. Dabei beschleicht mich der Gedanke, dass die komische Geschichte längst begonnen hat und ich mich mitten darin befinde, ohne mir dessen bewusst zu sein… Höchste Zeit, dass ich endlich zu lachen beginne!