Mehr Mut zum Scheitern, bitte!

In der vergangenen Woche habe ich zufällig eine Dokumentation über die Hagia Sophia gesehen. Ich war fasziniert, und zwar nicht nur von dem Gebäude selbst, sondern fast noch mehr von seiner Entstehungsgeschichte. Der ehrgeizige Kaiser Justinian erteilte im 6. Jahrhundert den Bauauftrag an einen Architekten und einen Mathematiker. Da solch ein Bauwerk noch nie zuvor errichtet worden war (die riesige Kuppel ruht nur auf vier Pfeilern und scheint deshalb über dem Raum zu schweben), konnte keiner der Bauleiter sicher wissen, was passieren wird. Und tatsächlich gab es zahlreiche Probleme beim Bau wie z. B. Mauerrisse. Erschwert wurde die Arbeit durch den großen Zeitdruck (nur fünf Jahre gewährte der Kaiser dafür) und den Tod des Architekten. Im Grunde war die Kirche ein gigantisches Experiment: Ihre Erbauer probierten Neues aus und lernten während der Bauzeit. Herausgekommen ist ein unvergleichliches Gebäude, das erdbebensicher ist und eineinhalb Jahrtausende überdauert hat.

Mich beeindruckt die Kühnheit des Unternehmens sowie der Mut, schwerwiegende Fehler zuzulassen. In unserer Kultur scheint es für alles Regeln zu geben. Wehe dem, der sich nicht daran hält! Auf dieser Basis kann niemals etwas Großartiges entstehen. Wir produzieren lediglich Gewohnheit und Mittelmaß. Dadurch genießen wir zwar Sicherheit und Bequemlichkeit, aber das genügt nicht, um der menschlichen Natur gerecht zu werden. Wir brauchen mehr atemberaubende Abenteuer (und damit meine ich gewiss nicht sinnlose Sprünge in die Tiefe, sei es aus einem Flugzeug heraus oder an einem Gummiseil von einer Brücke herab). Ich meine vielmehr die Lust am Schöpferischen, die Begeisterung für waghalsige, fantastische, verstiegene Ideen, das Aufgehen in der Gestaltung. Dazu gehört unbedingt der Mut zum Scheitern. Genau davon wünsche ich mir für uns alle mehr.

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