Archiv für den Monat: Januar 2015

Nur ein bisschen Freundlichkeit…

Morgen werde ich einen Vortrag halten. Mein Auftraggeber ist mir schon seit einigen Jahren vertraut und wir haben mittlerweile so manche Veranstaltung zusammen geplant. Das ist an sich nichts Besonderes, ich habe viele Kunden, die mir seit Jahren regelmäßig Aufträge erteilen. Aber dieser Kunde ist besonders. Ich merke es an meiner Vorfreude. Mein Gesicht hellt sich bereits auf, wenn ich nur daran denke, wie ich den Vortragsraum betrete. Ich wünschte, es wäre schon morgen.

Warum das so ist? Weil zu diesem Kunden ein herzliches Verhältnis besteht, getragen von gegenseitigem Vertrauen und Wohlwollen. Wir sind keine Freunde, die Beziehung ist beruflicher Natur. Auf persönlicher Ebene gibt es durchaus viel Distanz. Trotzdem fühlt es sich warm an. Und das hat Auswirkungen auf die Arbeit. Es fällt mir bei einem Kunden wie diesem sehr leicht, mein Bestes zu geben.

Selbstverständlich beeinflusst die Beziehungsebene die Sachebene. Warum nutzen so viele Leute diesen Zusammenhang nicht?! Es wäre doch so einfach. Immer wenn Menschen einander freundlich und wohlwollend begegnen, profitiert die Arbeit davon. Und man wird glücklicher. „Es öffnet sich ein Himmel, wenn Menschen freundlich miteinander sind“, schrieb Robert Walser. Wohl wahr!

Wie gewichtig ist mein Problem?

Gestern saß ich in der Beratung einer Kundin gegenüber, die von mir wissen wollte, ob sich andere Menschen auch mit solchen „Problemchen“ herumquälen wie sie selbst. Nun muss man wissen, dass diese Kundin beruflich enorme Verantwortung trägt und eine gigantische Aufgabe vor sich hat, von der gar nicht mal sicher ist, ob sie überhaupt gelöst werden kann. Hinzu kommt, dass sie aus einer dysfunktionalen Familie stammt, von der sie keinerlei Unterstützung erhält, dafür aber häufiger Respektlosigkeit und Entwertung erfährt.

Wenn ich mich umhöre, worüber die Menschen sich alltags unterhalten und was sie als Problem wahrnehmen, dann handelt es sich dabei häufig um Bagatellen: ein Schnupfen, ein schlechter Restaurantservice, der Stau auf der Autobahn, die nervige Kollegin etc. Viele von uns tendieren dazu, derartige Kleinigkeiten sehr ernst zu nehmen. Als Folge stellen sich dann entsprechend starke negative Gefühle ein.

Wie ernst ist ein Problem zu nehmen? Vielleicht sollten wir hin und wieder mal innehalten und prüfen, ob wir den Dingen das rechte Maß an Aufmerksamkeit schenken und ob es sich dabei auch um die rechte Art von Aufmerksamkeit handelt. Sonst laufen wir Gefahr, ernste Probleme zu bagatellisieren und Bagatellen ernst zu nehmen. Das sollte nicht passieren. Zudem gilt, was Milton in seinem „Verlorenen Paradies“ schrieb: „Der Geist ist eine eigene Welt für sich, in der die Hölle zum Himmel und der Himmel zur Hölle werden kann.“

Die im Dunkeln …

Ich hatte mein Auto in einem Wiesbadener Parkhaus abgestellt und wollte mich bei meiner Rückkehr gerade am Kassenautomaten anstellen, als ich ihn entdeckte: den Mann im Kassenhäuschen. Rechts vom Automaten ein abgetrennter Bereich mit spiegelnden Glasscheiben, kein Licht darin. Er ist also nicht leicht zu erkennen, der Mensch, der allein in diesem riesigen Parkhaus seinen Dienst versieht. Er ist wohl auch nur selten gefragt, denn überall stehen Automaten und die Kunden dürften in der Regel ohne menschliche Unterstützung zurechtkommen.

Ich nickte und lächelte ihm spontan zu, dem Mann im Dunkeln. Vor mir stand nur eine einzige Person am Automaten, ich hielt Parkschein und Kleingeld bereits griffbereit. Aber der Mann hinter der Scheibe wollte nicht erlauben, dass ich anstand. Er strahlte und winkte mich heran. Es lag ihm daran, mich rasch und zuvorkommend zu bedienen. Es war, als hätte mein Lächeln ihn aufgeweckt aus einem bösen Zauber, der ihn dazu verdammt, unsichtbar und passiv zu sein.

Den anderen zu sehen, ist eines der größten Geschenke, die wir ihm machen können. Jemanden wahrzunehmen kommt einer Anerkennung seiner Existenz gleich. Damit geben wir der Person Bedeutung. Ich liebe die Worte von Botho Strauß, weil sie so treffend und anrührend sind: „Du gehst dem nach, von dem du dich wahrgenommen fühlst. Dem du so ernst erschienen bist. Überall sonst die treulos schweifenden Blicke, die knisternden Funken ungenauen Hinsehens. Jedoch, wahrgenommen werden: als sanfte Erhöhung spürst du, was schon als unaufhaltsame Auszehrung, Entleerung, Ermattung deiner Person seinen Lauf genommen hat.“

Mehr Mut zum Scheitern, bitte!

In der vergangenen Woche habe ich zufällig eine Dokumentation über die Hagia Sophia gesehen. Ich war fasziniert, und zwar nicht nur von dem Gebäude selbst, sondern fast noch mehr von seiner Entstehungsgeschichte. Der ehrgeizige Kaiser Justinian erteilte im 6. Jahrhundert den Bauauftrag an einen Architekten und einen Mathematiker. Da solch ein Bauwerk noch nie zuvor errichtet worden war (die riesige Kuppel ruht nur auf vier Pfeilern und scheint deshalb über dem Raum zu schweben), konnte keiner der Bauleiter sicher wissen, was passieren wird. Und tatsächlich gab es zahlreiche Probleme beim Bau wie z. B. Mauerrisse. Erschwert wurde die Arbeit durch den großen Zeitdruck (nur fünf Jahre gewährte der Kaiser dafür) und den Tod des Architekten. Im Grunde war die Kirche ein gigantisches Experiment: Ihre Erbauer probierten Neues aus und lernten während der Bauzeit. Herausgekommen ist ein unvergleichliches Gebäude, das erdbebensicher ist und eineinhalb Jahrtausende überdauert hat.

Mich beeindruckt die Kühnheit des Unternehmens sowie der Mut, schwerwiegende Fehler zuzulassen. In unserer Kultur scheint es für alles Regeln zu geben. Wehe dem, der sich nicht daran hält! Auf dieser Basis kann niemals etwas Großartiges entstehen. Wir produzieren lediglich Gewohnheit und Mittelmaß. Dadurch genießen wir zwar Sicherheit und Bequemlichkeit, aber das genügt nicht, um der menschlichen Natur gerecht zu werden. Wir brauchen mehr atemberaubende Abenteuer (und damit meine ich gewiss nicht sinnlose Sprünge in die Tiefe, sei es aus einem Flugzeug heraus oder an einem Gummiseil von einer Brücke herab). Ich meine vielmehr die Lust am Schöpferischen, die Begeisterung für waghalsige, fantastische, verstiegene Ideen, das Aufgehen in der Gestaltung. Dazu gehört unbedingt der Mut zum Scheitern. Genau davon wünsche ich mir für uns alle mehr.