Vom Segen der Ungeduld

Vor ein paar Tagen stand ich in unserer kleinen Filiale einer großen Ladenkette. In den Armen hielt ich zwei Kartons und wartete an der Kasse, wo zwei Frauen mittleren Alters mit osteuropäischem Akzent ihre Entscheidungsschwierigkeiten mit der Kassiererin diskutierten. Ich selbst bin ein schnell entschlossener und ungeduldiger Mensch, sodass mir das rechte Verständnis für die beiden Frauen abging. Die Sache zog sich hin und ich begann, die Kassiererin mehr und mehr zu bewundern. Sie ging so ausdauernd freundlich und entgegenkommend mit den Kundinnen um, dass ich kurz davor war, mich für meine Ungeduld zu schämen.

Schließlich kam ich an die Reihe und ich musste es der Kassiererin einfach sagen: „Ich bin ziemlich beeindruckt von Ihrer Geduld und gleichbleibenden Freundlichkeit.“ Sie sah mich sehr ernst an und erwiderte, dass Sie Psychopharmaka nehme und in psychologischer Behandlung sei. Sie würde immer öfter an ihre Grenzen kommen.

Ich war entsetzt zu hören, welch hohen Preis diese Frau für ihre Geduld und Freundlichkeit entrichten musste. Die beiden Kundinnen danken es ihr gewiss nicht (eine von ihnen wurde beim Verlassen des Ladens dabei erwischt, wie sie eine Jacke mitgehen lassen wollte). Vielleicht wäre es gut für die Kassiererin, so ungeduldig zu sein wie ich und dies als Signal zur Abgrenzung zu nutzen. In dem Moment, da die Ungeduld spürbar wird, kann man etwas zum eigenen Schutz unternehmen. Freundlichkeit und Abgrenzung lassen sich dabei durchaus vereinbaren. Selbstaufopferung hingegen ist definitiv keine Option!

 

Ein Gedanke zu „Vom Segen der Ungeduld

  1. Sylvia Keller

    Bei manchen Leuten kann man nur fremdschämen. Als Kassierin ist es wiederum anders. Das darf man nicht vergessen.

    Freitag nachmittag war ich beim Discounter. Eine Kasse war geöffnet, lange Schlange. Die Kassierinnen machen nebenher sell und jenes. Entsprechende Stimmung. „meine“ guckte schon etwas leicht genervt. Schließlich kam eine zweite.

    Die Kassierinnen, meist junge Frauen, die können nichts dafür, bekommen aber alles ab. Den Laden fernbleiben? Das sind auch Arbeitsplätze. Gehen die Umsätze zurück, wird der Laden geschlossen. Der Filalleiter bekommt die Vorgaben von oben. Auch wenn er vermitteln wöllt, er kann es nicht und würde abgesägt werden.

    Beim Discounter ist es extrem. Beim Supermarkt geht es etwas anders zu, aber nicht wirklich. Abends, Samstag vormittag oder vor Feiertagen, jesses! Wenn ich unter der Woche gehe (wenn ich Urlaub habe) ganz andere Atmosphäre. Auch die Kunden sind weniger gehetzt. Es ist viel entspannter und fröhlicher. Warum?

    Ich ernte auf Verwunderung, weil ich den Menschen hinter der Kasse anschaue und freundlich begrüße. Vllt. sage ich paar nette Worte. Ja, ich habe Zeit, was auch stimmt. Die Menschen an der Kasse, Kundenbetreuung, Bote usw. die kriegen leider alles ab. Die können am wenigstens dafür, wenn das Mangement nicht stimmt, das Produkt Mist ist usw. Man darf wütend sein, sicher, aber es sind keine Maschinen, sondern Menschen!

    Ein weiser Mensch sagt mal, wenn du es eilig hast, mach langsam. Recht hat er.

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