Archiv für den Monat: November 2014

Viel stärker, als wir glauben

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich in meiner Freizeit gern mit Patchwork. Es ist eine sehr kreative und befriedigende Art der Entspannung. Im Laufe der Zeit habe ich viele Kurse besucht und dabei viele Frauen getroffen. Wenn wir so stundenlang beieinander sitzen und die Nähmaschinen surren, entsteht eine Atmosphäre der Verbundenheit, auch wenn wir uns kaum kennen und außer diesem Hobby nichts teilen. Die Frauen öffnen sich und erzählen einander aus ihrem Leben.

Ich bin immer wieder überrascht, wie viel Schlimmes und Bedrückendes dabei zutage kommt. Schwere Krankheiten, Unfälle und Tod, Einsamkeit und zerplatzte Träume, sogar Gewalterfahrungen werden zum Gesprächsgegenstand. Es scheint, dass jede von uns mit Leid konfrontiert ist und eine Last trägt. Aber niemals habe ich erlebt, dass eine von den Frauen Selbstmitleid gezeigt hätte. Sie sprechen eher nüchtern über ihre Probleme, sehr pragmatisch berichten sie von ihrer Situation und wie sie damit umgehen. Zwischendurch wird immer wieder gelacht.

Für mich zeigt sich bei solchen Treffen, wie belastungsfähig wir tatsächlich sind. Viele von uns haben ein richtig hartes Schicksal zu tragen, aber wir wurden von der Natur für solche Fälle vorbereitet. Wir alle verfügen über zahlreiche Bewältigungsstrategien. Die Erfahrungen in meiner Patchworkgruppe zeigen mir einmal mehr, dass wir keine Angst vor dem Leben zu haben brauchen. Wir können viel mehr aushalten und meistern, als wir glauben. Deshalb meine ich, wir sollten uns mutig dem Leben stellen, uns einlassen und Kummer in Kauf nehmen. Es ist viel schlimmer, angstvoll zu verharren, als etwas zu wagen, das in irgendeiner Form Schmerz nach sich zieht. Mit Schmerzen können wir umgehen, aber Stillstand ist wie ein vorzeitiger Tod.

Der Mythos vom perfekten Augenblick

Immer wieder erlebe ich Momente oder Stunden, in denen meine Aufgaben nicht zu meiner psychischen Verfassung zu passen scheinen. Ich habe keine Lust auf die Vorbereitung des neuen Vortrags, bin nicht in der richtigen Stimmung, um ein neues Kapitel zu schreiben – es gibt ihn zwar, den perfekten Augenblick, aber sehr häufig müssen wir uns mit weniger perfekten Augenblicken zufrieden geben.

Ich habe gelernt, meiner Befindlichkeit angesichts einer zu erledigenden Aufgabe wenig Beachtung zu schenken. Die Kunst liegt darin, ohne langes Nachdenken zu tun, was nötig ist und es möglichst gut zu tun. Dafür gibt es zwei sehr gute Gründe: Zum einen kann ich anschließend immer nachbessern. Würde ich hingegen auf den perfekten Augenblick warten, hätte ich nicht mal etwas zum Nachbessern in der Hand. Zum anderen habe ich wieder und wieder die Erfahrung gemacht, dass die Stimmung sich während des Tuns verändert: Plötzlich bin ich ganz bei der Sache, meine Aufgabe hat die dazu passende Verfassung hervorgerufen. Der Appetit kommt beim Essen…

Deshalb bin ich überzeugt: Wir sollten einfach tun, was wir tun sollten. Es macht keinen Sinn, auf die richtige Stimmung zu warten. Die stellt sich ohnehin meist ein, wenn man erst einmal angefangen hat…

Keine Macht den Vampiren!

Ich hatte vor einigen Tagen ein unangenehmes Gespräch mit einem Menschen, der sehr negativ ist. Das Gespräch begann ganz harmlos und nahm dann aufgrund der negativen Denkgewohnheit meines Gegenübers eine unerfreuliche Wendung. Plötzlich schienen nur Schwierigkeiten und trübe Aussichten zu existieren. Was auch immer ich dagegensetzte, wurde von meinem Gesprächspartner ignoriert oder entwertet. Ich kann nicht nachempfinden, warum mein Gegenüber so sinnlos negativ dachte und sprach. Noch weiß ich, wie diese Person so geworden ist. Aber ich wurde mir sehr deutlich bewusst, wie unwohl ich mich in diesem Gespräch fühlte.

Sehr bald beschloss ich, dass ich dieses Gespräch nicht fortführen würde. Ich würde diesem Menschen nichts mehr anbieten, das er dann entwerten oder für seine Negativität missbrauchen konnte. Da wir nebeneinander saßen und die Situation es nicht zuließ, dass ich mich einfach entfernte, verfiel ich kurzerhand in Schweigen. Statt mich meinem Gesprächspartner zuzuwenden, suchte ich mir umgehend ein konstruktives Thema und beschäftigte mich innerlich damit. Sofort fühlte ich mich besser. Mein Sitznachbar erkannte rasch, dass ich mich mental von ihm abgewandt hatte und ließ mich in Ruhe.

Es fiel mir nicht ganz leicht, mich so entschlossen abzugrenzen. Immerhin habe ich gelernt, dass es unhöflich ist, jemanden in dieser Form abzuweisen. Man darf seinen Gesprächspartner nicht anschweigen. Aber ich finde es tatsächlich noch viel unhöflicher, einen anderen Menschen so unnötig und kompromisslos in die Negativität zu drängen. Es kommt beinahe einem Gewaltakt gleich. Ich fühlte mich, als sei mein Gegenüber ein Vampir, der mir alle positiven Gefühle aussaugt. Es widerstrebt mir, solch einem Wesen Macht über mich zu verleihen. Auch wenn ich damit die Regeln der Höflichkeit verletze: Ich werde keinem Vampir erlauben, meine Freude und Hoffnung zu schmälern.

Werde, der du sein willst!

Während der vergangenen Woche ist mir wieder einmal aufgefallen, wie wenige Menschen ihre Entwicklung fest in die eigenen Hände nehmen. Sie planen zwar oftmals sorgfältig ihre Ausbildung und Karriere, aber sie machen keine Pläne für ihre Persönlichkeit. Sie fragen nicht „Was für ein Mensch will ich sein?“, sie fragen (wenn überhaupt): „Was für ein Mensch bin ich?“. Sie beschränken sich darauf, sich zu beobachten, statt ihr Verhalten zu steuern. Sie reagieren impulsiv und sagen sich dann: „So bin ich also!“

Für mich ist Persönlichkeitsentwicklung eine steuerbare Aufgabe, die ich genauso in die Hand nehmen kann wie meine Karriere. Natürlich beobachte ich meine Gefühle und Reaktionen. So erkenne ich, wer ich im Augenblick bin. Aber dann kommt der nächste Schritt: Ich prüfe, ob mir gefällt, was ich sehe. Will ich wirklich so sein, wie ich gerade bin? Gibt es Alternativen, die mir besser gefallen? Was müsste ich tun, um anschließend sagen zu können: „Ich bin stolz auf mich. Ich habe genau so reagiert und gehandelt, wie es in meinen Augen optimal ist.“

Das Gehirn ist sehr formbar und Persönlichkeit deswegen auch. Ich betrachte es als lebenslange Aufgabe, daran zu arbeiten, dass ich die Person werde, die ich sein will. Und ich kann dem großen George Bernard Shaw nur zustimmen: „Es geht im Leben nicht darum, dich selbst zu finden; es geht darum, dich selbst zu erschaffen.“