Archiv für den Monat: Oktober 2014

Schön langsam!

Leistung ist Arbeit durch Zeit. Diese Gleichung kenne ich noch sehr gut aus dem Physikunterricht. Sie gilt aber nicht nur für diese Disziplin, sondern bekanntermaßen auch fürs Arbeitsleben. Ein Mitarbeiter, der in kurzer Zeit viel schafft, ist ein guter Mitarbeiter. Ein leistungsstarker Mensch ist ein wertvoller Mensch. Wir haben dieses Prinzip wohl beinahe alle verinnerlicht. Darum hetzen wir durch den Arbeitsalltag, immer bestrebt, so viel wie irgend möglich innerhalb einer festgesetzten Zeitspanne zu erledigen. Vielen bekommt das gar nicht, sie leiden unter Stress und müssen damit rechnen, dass das Stresshormon Cortisol sogar langfristig ihren Körper schädigt.

Vorgestern wurde mir wieder einmal ein ganz anderes Prinzip bewusst: Wer möglichst viel in möglichst kurzer Zeit fertigstellen will, hat keine Gelegenheit, seine Arbeit zu genießen. Ich hatte mich so gut organisiert, dass mir plötzlich unerwartet viel Zeit für eine bestimmte Aufgabe zur Verfügung stand. Ich erledigte sie zügig, ohne Bummelei, aber auch ohne Eile. Dabei merkte ich sehr deutlich, dass ich genoss, was ich tat. Ich konnte meine Arbeit mit Achtsamkeit erledigen und im Tun aufgehen. Indem ich ganz bei der Sache war, konnte sich ein Gefühl der Freude und Befriedigung einstellen. Das Prinzip ist dasselbe wie beim Essen: Wer seine Mahlzeit herunter schlingt, schmeckt nicht viel davon. Außerdem muss er mit Verdauungsproblemen rechnen. Essen wird erst zum Genuss, wenn man sich ausreichend Zeit lässt.

Vielleicht sollten wir öfter mal ungehorsam sein und uns dem gängigen Leistungsprinzip verweigern. Wer viel in kurzer Zeit erledigt, fühlt sich dabei nicht unbedingt gut und bringt sich allzu oft um den Genuss der Hingabe. Letzten Endes geht es doch darum, das Beste aus der Lebenszeit zu machen. Genussvolles Arbeiten gehört ganz bestimmt dazu!

Niemals mit dem Rücken zur Wand!

Hilflosigkeit war in der vergangenen Woche wieder mehrfach ein Thema in meinen Beratungen. Da gibt es beispielsweise Menschen, die nehmen lieber Schäden an Körper und Seele in Kauf, als ihrem Chef zu sagen, dass das Arbeitspensum nicht zu schaffen ist und die Ziele viel zu hoch gesteckt sind. Sie stehen mit dem Rücken zur Wand und sind überzeugt, sie müssten im Job allen Anforderungen gerecht werden, weil sonst … Ja, was eigentlich? Weil sie sonst den Job verlieren, für inkompetent gehalten werden, nie wieder einen Job finden, sozial absteigen und sterben?

Nicht nur, dass die fantasierten Katastrophenszenarien mitunter absurd sind – es stimmt auch nicht, dass wir in all diesen Situationen keine Wahl hätten, in denen wir uns als machtlos erleben. Die Spielräume sind meiner Erfahrung nach in aller Regel wesentlich größer als manch einer auf den ersten Blick meint. Darum habe ich mir angewöhnt, immer inne zu halten, wenn es kritisch wird und mir die lange Liste meiner Möglichkeiten bewusst zu machen. Das ist eine Frage von Fantasie, Mut, Zuversicht, aber auch Entschlossenheit. Ich bin einfach fest entschlossen, mich nicht gegen die Wand manövrieren zu lassen!

Sobald uns mehr als eine Handlungsmöglichkeit zur Verfügung steht, sind wir in der Lage, etwas zu entscheiden. In diesem Moment sind wir souverän, weil wir selbst bestimmen, was als nächstes geschieht. Das ist das Ziel in jeder Situation: Immer ein wenig über den Dingen zu stehen und niemals mit dem Rücken zur Wand.

Was sollen wir lernen?

Wir lernen vom ersten Tag unseres Lebens an. Vieles ist uns später so selbstverständlich, dass wir gar nicht mehr daran denken, wie mühsam wir es uns einst erarbeitet haben. Wir müssen uns ja auch ständig neuen Herausforderungen stellen. Es ist beeindruckend, welche Lernleistungen wir im Laufe des Lebens erbringen können.

014Bis wir etwas richtig gut können, haben wir vier Lernphasen durchlaufen: Zuerst sind wir unbewusst unerfahren, das heißt, wir wissen gar nicht, dass wir etwas nicht können. In der nächsten Phase sind wir bewusst unerfahren, was bedeutet, dass wir uns unserer Inkompetenz nun bewusst sind. Schließlich kommt die Phase, in der wir uns gezielt um mehr Kompetenz bemühen, wir lernen und sind bewusst erfahren. Aber es ist noch anstrengend, alles richtig zu machen und wir müssen uns sehr konzentrieren. Am Ende steht dann die Phase, in der wir das Gelernte automatisch anwenden können, wir sind unbewusst erfahren. Das Gelernte sitzt!

Bei der heutigen Komplexität des Alltags gibt es natürlich unbegrenzt viel zu lernen. Kürzlich war ich beispielsweise vollkommen hilflos, als ich etwas auf meiner Webseite verändern wollte. Nun könnte ich mir natürlich die Mühe machen zu lernen, wie das geht. Aber das würde mich unverhältnismäßig viel Zeit kosten. Daher habe ich beschlossen, derartige Aufgaben grundsätzlich zu delegieren. Andere Dinge hingegen scheinen mir der Mühe wert zu sein und ich arbeite ernsthaft daran, sie zu erlernen. Auch das ist eine wichtige Entscheidung für die Lebensgestaltung: Was will ich lernen?