Die Weisheit des Einzelnen

Diese Woche habe ich mit Entsetzen vernommen, dass ein langjähriger und von mir sehr geschätzter Personalleiter seine Firma verlassen musste. Die Zustände dort waren für ihn unerträglich geworden, nachdem man ihm eine um 25 Jahre jüngere Frau vor die Nase gesetzt hatte, die ihm nun erklären wollte, wie man den Job richtig macht. Für meinen Kooperationspartner bedeutete das eine tiefe Demütigung, eine Bevormundung und die Entwertung seiner Arbeit. Für die Firma bedeutete es letztendlich den Verlust eines sehr tüchtigen und hoch engagierten Mitarbeiters.

Wie viel Dummheit braucht es, um derartige Effekte zu erzeugen? Der Personalleiter sieht sein Lebenswerk mit Füßen getreten und gerät in eine persönliche Krise. Die junge Nachfolgerin wird nun haufenweise Fehler begehen, die mit der Erfahrung des „alten“ Personalchefs vermeidbar gewesen wären. Das Personal muss es ausbaden. Auf diese Weise kann man im Handumdrehen alle Beteiligten zu Verlierern machen.

Es geht nicht darum, sich der Veränderung zu verschließen und in den alten Fahrwassern zu verbleiben. Das wäre genauso dumm. Es geht vielmehr darum, Altes und Neues auf möglichst glückliche Weise zu verbinden. Wir brauchen sie beide, die Erneuerer und die Bewahrer. Die Jungen können von den Alten lernen und umgekehrt. Im Grunde kann man von jedem Menschen lernen, ganz gleich, wer er ist. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an den Desiderata-Text aus Baltimore, in dem es heißt: „Und höre den anderen zu, auch den Langweiligen und Unwissenden, denn auch sie haben etwas zu sagen.“

Wir können von jedem lernen, wenn wir lernen wollen. Und wir sollten es tun.

 

Ein Gedanke zu „Die Weisheit des Einzelnen

  1. Hans-Goerg Willmann

    Ja!
    Als Coach berate ich seit mehr als 15 Jahren Menschen in beruflichen Veränderungsprozessen und Krisensituationen. Und als Experte für Eignungsdiagnostik unterstütze ich Unternehmen darin, eine gute Personalauswahl durchzuführen. Meiner Einschätzung nach ist dieses Phänomen leider kein Einzelfall und ich glaube zutiefst, dass es aufgrund von Unachtsamkeit und Unaufmerksamkeit – und damit wider besseren Wissens – geschieht, was Frau Lemper-Pychlau so anschaulich beschreibt. Denn so blöd kann wirklich kein Firmenboss sein. Da könnte man ja gleich die 100 Euroscheine als Anzünder für den Kamin benutzen – und zwar viele Scheine. Bares Geld im Kamin verfeuern – von den psychologischen Kosten einmal abgesehen – kann nicht im Sinne eines Unternehmers sein. Meine Erfahrung: „Einfach“ mal zurücklehnen, fünf Minuten nachdenken und eine der wichtigsten Managementaufgaben im Unternehmen, die Personalauswahl und den Personaleinsatz mit Bedacht und Achtsamkeit vollziehen. Das spart einiges an Reparaturkosten. Und fünf Minuten Zeit sollten selbst in unserer Turbogesellschaft drin sein – oder?!!

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