Archiv für den Monat: August 2014

Die Weisheit des Einzelnen

Diese Woche habe ich mit Entsetzen vernommen, dass ein langjähriger und von mir sehr geschätzter Personalleiter seine Firma verlassen musste. Die Zustände dort waren für ihn unerträglich geworden, nachdem man ihm eine um 25 Jahre jüngere Frau vor die Nase gesetzt hatte, die ihm nun erklären wollte, wie man den Job richtig macht. Für meinen Kooperationspartner bedeutete das eine tiefe Demütigung, eine Bevormundung und die Entwertung seiner Arbeit. Für die Firma bedeutete es letztendlich den Verlust eines sehr tüchtigen und hoch engagierten Mitarbeiters.

Wie viel Dummheit braucht es, um derartige Effekte zu erzeugen? Der Personalleiter sieht sein Lebenswerk mit Füßen getreten und gerät in eine persönliche Krise. Die junge Nachfolgerin wird nun haufenweise Fehler begehen, die mit der Erfahrung des „alten“ Personalchefs vermeidbar gewesen wären. Das Personal muss es ausbaden. Auf diese Weise kann man im Handumdrehen alle Beteiligten zu Verlierern machen.

Es geht nicht darum, sich der Veränderung zu verschließen und in den alten Fahrwassern zu verbleiben. Das wäre genauso dumm. Es geht vielmehr darum, Altes und Neues auf möglichst glückliche Weise zu verbinden. Wir brauchen sie beide, die Erneuerer und die Bewahrer. Die Jungen können von den Alten lernen und umgekehrt. Im Grunde kann man von jedem Menschen lernen, ganz gleich, wer er ist. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an den Desiderata-Text aus Baltimore, in dem es heißt: „Und höre den anderen zu, auch den Langweiligen und Unwissenden, denn auch sie haben etwas zu sagen.“

Wir können von jedem lernen, wenn wir lernen wollen. Und wir sollten es tun.

 

Überraschende Auswirkung einer guten Tat

Diese Woche haben wir einen Ausflug zu einem englischen Landsitz unternommen. Es war herrliches Wetter, sodass wir mit unseren beiden Hunden lange durch die Gärten und weitläufigen Ländereien spazieren konnten. Bei einer Rast habe ich meinen großen Rucksack liegen lassen. Er enthielt neben allerlei Verpflegung für die Hunde auch ein paar Dinge von Wert. Ich habe sein Fehlen erst bemerkt, als wir wieder am Parkplatz angekommen waren.

Mein Mann ist gleich losgelaufen, um den Rucksack zu suchen. Leider war er dabei nicht erfolgreich. Am Ende hat er ohne allzu große Hoffnung noch beim Empfang nachgefragt und tatsächlich war dort zwei Minuten zuvor mein Rucksack von einer Rollstuhlfahrerin abgegeben worden. Wir hätten ihr gerne gedankt, aber sie war wie vom Erdboden verschluckt und nicht ausfindig zu machen. Aber gerade ihre Anonymität hat bei mir etwas Überraschendes ausgelöst:

Ich empfand plötzlich ein starkes Vertrauen in die Welt und alle Menschen um mich herum. Dass eine völlig fremde Frau meinen schweren Rucksack in ihrem Rollstuhl transportiert hatte, ohne zu wissen, wem diese Wohltat galt und ohne irgendeinen Dank zu erwarten, stellt ein kleines Stück bedingungslose Liebe dar. Es war wie ein Aufblitzen dessen, was in der Philosophie „Agape“ heißt. Ich fühlte mich zu meinem eigenen Erstaunen auf sonderbare Weise behütet und aufgehoben. Die Freundlichkeit einer Unbekannten besaß die Macht, mir das Gefühl zu vermitteln, ich sei in Wohlwollen eingehüllt.

Diese Erfahrung hat mich gerade wegen ihrer Intensität sehr erstaunt. Was ich daraus mitnehme: Öfter mal heimlich Gutes tun!

Alles geht nun mal nicht

DSCN1078Auf unserer Terrasse gibt es einen großen sechseckigen Springbrunnen mit einer schönen Fontäne. Irgendwann kam mein Mann auf die Idee, ein oder zwei Seerosen dazu zu setzen. Anschließend warteten wir auf die Blüten, die das Idyll perfekt machen sollten. Die Blüten erschienen jedoch nicht. Wir konsultierten daraufhin unseren Gärtner, der uns erklärte, die durch die Fontäne verursachte Wasserbewegung würde die Bildung von Blüten verhindern. Seerosen mögen es ruhig. Daraufhin schalteten wir den Springbrunnen ab und konnten einige Zeit später blühende Seerosen genießen. Seither müssen wir uns jedes Jahr aufs Neue entscheiden: Wollen wir das Plätschern der Fontäne oder lieber die strahlenden Blüten der Seerosen? Beides zusammen geht nicht.

Ich fürchte, das ganze Leben ist so. Entscheiden wir uns für eine Option, wählen wir damit zumindest vorübergehend alle anderen ab. Manchmal fällt es mir sehr schwer, das zu akzeptieren. Manchmal will ich aufstampfen wie ein kleines Kind, das fordert „Ich will aber alles! Sofort!“. Ich muss das Kind in mir dann beruhigen und trösten und ihm erklären, wie wunderbar es ist, immerhin eine Wahl zu haben und die Aussicht auf eine schöne Alternative. Wir müssen uns alle damit abfinden, dass unser Leben nicht lang genug währt, um alles genießen zu können, das möglich wäre. Um so wichtiger ist es, dass wir unsere Ziele bewusst und mit Sorgfalt wählen.

Denken auf hohem Niveau

Diese Woche habe ich wieder einmal meinen Vortrag zum Thema „Denkfehler“ gehalten. Es gibt klassische Denkfehler, auf die ich schon im ersten Semester meines Psychologiestudiums aufmerksam gemacht wurde. Dazu gehört beispielsweise die vielseits beliebte Verwechslung von Korrelation und Kausalität: Man meint, das gleichzeitige Auftreten zweier Phänomene müsste automatisch bedeuten, dass das eine das andere bedingt. Diesen Denkfehler machen u. a. die Krankenkassen, wenn sie die Liegezeiten der Patienten verkürzen. Es gibt Studien, die belegen, dass es Patienten mit langen Liegezeiten schlechter geht als Patienten, die bald nach einer OP die Klinik verlassen. Aber es ist natürlich nicht die lange Liegezeit, die einen Patienten krank macht. Es ist die Krankheit, die eine lange Liegezeit erforderlich macht!

Zum Glück hat die Natur uns ein Mittel gegen Denkfehler mitgegeben: unsere Fähigkeit zur Metakognition. Meiner Ansicht nach wäre es eine gute Idee, ein Schulfach daraus zu machen. „Wie benutze ich meinen Kopf?“ Wir sind nämlich in der Lage, über das eigene Denken nachzudenken. Wir können die Arbeitsweise unseres Gehirns beobachten, in Frage stellen und mitunter auch gezielt verändern. Warum machen bloß so wenige Menschen Gebrauch davon???

Ich bin in diesem Zusammenhang auf einen Spruch gestoßen, der sowohl erheitert als auch betroffen macht: „Wenn du tot bist, dann weißt du nicht, dass du tot bist. Es ist nur schwer für die anderen. Genauso ist es, wenn du blöd bist.“

Die Macht der kleinen Gesten

Heute stand ich wartend vor dem Aufzug. Als er schließlich kam, machte ich eine unbedachte Bewegung auf ihn zu und dabei fiel mir mein Autoschlüssel zu Boden, den ich zusammen mit einer großen Tasche in der Hand gehalten hatte. Die Dame, die gerade im Begriff war auszusteigen und schon beinahe draußen stand, hielt in ihrer Bewegung inne und blockierte mit einer Hand die Lichtschranke, sodass sich der Aufzug nicht vor meiner Nase schließen konnte. Sie wartete, bis ich meinen Schlüssel wieder fest in der Hand hielt und ging dann lächelnd weiter.

Solch kleine Gesten der freundlichen Aufmerksamkeit rühren mich immer sehr. Wenn wildfremde Menschen mich mit diesem wohlwollendem Blick bedenken, geht mir einfach das Herz auf. Wie schade, dass dergleichen nur so selten passiert! Dabei wäre es doch einfach, netter und fürsorglicher miteinander umzugehen! Es sind ja keine spektakulären Aktionen gefragt, es genügen scheinbar banale kleine Aufmerksamkeiten. Sie sind sehr machtvoll, denn sie tun nicht nur demjenigen gut, an den sie gerichtet sind, sondern nutzen auch dem Wohltäter selbst. Die Natur hat es klugerweise so eingerichtet, dass das Gutsein sich immer gut anfühlt. „Helper’s High“ heißt das in der Fachsprache.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein, was der englische Dichter William Wordsworth zu diesem Thema geschrieben hat: „Der beste Teil im Leben eines guten Menschen, seine kleinen, namenlosen und leicht vergessenen Gesten der Freundlichkeit und Liebe.“ Ich glaube, es würde mir sehr gefallen, noch viel öfter in diesem Sinne gut zu sein.