Archiv für den Monat: Juli 2014

Ankommen oder nicht

Diese Woche wollte es der Zufall, dass just, als ich meine Kunden zu einer Veranstaltung in meinem Institut erwartete, eine der wichtigsten Zufahrtsstraßen nach Königstein wegen eines Unfalls gesperrt wurde. Es gab aus dieser Richtung kein Durchkommen mehr und wer nach Königstein wollte, musste eine lange Umleitung in Kauf nehmen.

Es war sehr interessant für mich zu sehen, wie unterschiedlich meine Kunden mit diesem Hindernis umgingen: Einige nutzten die Umleitung, kamen gerade noch rechtzeitig zu Veranstaltungsbeginn an und verloren kaum ein Wort über die Unannehmlichkeiten der Fahrt. Die Sache war für sie nicht der Rede wert. Eine Dame meldete sich telefonisch aufgeregt von unterwegs und kündigte ihre Verspätung an. Sie wirkte gestresst, war aber entschlossen, sich zu mir durchzuschlagen und nichts zu verpassen. Mit all diesen Kunden konnte ich einen angenehmen und sehr interessanten Abend verbringen.

Eine Kundin jedoch erschien nicht und meldete sich auch nicht telefonisch. Ich wunderte mich, denn sie ist immer gern dabei und eine meiner eifrigsten Besucherinnen. Sie schickte mir am nächsten Tag eine lange Email, in der sie wortreich schilderte, wie sie im Verkehr stecken geblieben sei. Auf den Punkt gebracht, enthielt ihre Nachricht zwei Aussagen: 1. Es war unmöglich. 2. Ich kann nichts dafür.

Ich frage mich dabei wie so oft, warum wir ständig bereit sind, Grenzen wahrzunehmen, wo keine sind. Und warum die Leute es immer so wichtig finden, ihre Unschuld zu betonen. Sicher ist: Wer sich auf seine Grenzen konzentriert statt auf seine Möglichkeiten und wer außerdem ängstlich darauf bedacht ist, bloß nichts falsch zu machen, der wird nur schwer irgendwo ankommen können.

Erfolg lässt Flügel wachsen

Diese Woche habe ich ein wichtiges Teilziel meiner Karriere erreicht. Monatelang hatte ich darauf hingearbeitet. Es waren Anstrengungen mit diesem Ziel verbunden, von denen ich nicht sicher war, ob ich sie bewältigen würde. Eine echte Herausforderung also, ein Abenteuer. Aber die Sache schien mir sehr reizvoll und der Mühsal wert. Als es dann darauf ankam, habe ich beste Leistung abgeliefert.

Anschließend, bei meiner Heimkehr, hatte ich zu meiner eigenen Überraschung keine Lust zu feiern. Mein Verstand sagte mir zwar, dass ich nun das Recht hätte, mich ein wenig auszuruhen und es mir gut gehen zu lassen, aber tatsächlich verspürte ich größte Lust, mit dem nächsten Projekt anzufangen. Schreibtisch- statt Liegestuhl. Ich war überrascht, wie sehr mich der Erfolg beflügelte und mich antrieb, meine Arbeit fortzuführen.

Bestätigung ermutigt und motiviert. Eigentlich müsste das jeder wissen, der Menschen führt. Im beruflichen Alltag werden Mitarbeiter jedoch überwiegend kritisiert. Leistung findet zu wenig Anerkennung und wird zu selbstverständlich genommen. Die vielen kleinen Erfolge des Arbeitsalltags bleiben unbeachtet. Wenn Vorgesetzte überhaupt hinschauen, sehen sie vor allem Fehler und Versäumnisse. Wie dumm! Hätten sie Augen für die Leistungen ihrer Mitarbeiter, würden sie damit die Motivation fördern und zu weiteren Anstrengungen ermutigen. Aber dazu müssten sie eben die Erfolge sehen und wertschätzen. Menschen wachsen nun einmal nicht, wenn man sie niedermacht.

Da bleibt uns nur eines zu tun übrig: Wir müssen uns unsere Erfolge selbst bewusst machen, uns die eigene Leistung deutlich vor Augen führen und uns daran freuen; stolz sein auf das, was wir geschafft haben! Dieses Bewusstsein beflügelt und treibt zu neuen Leistungen an. Das ist überhaupt das Wichtigste: dass wir uns unser eigenes Urteil über uns bilden und so unabhängig wie möglich von der Bewertung durch andere werden.

 

 

Was ist wichtig?

Vor einigen Tagen bei uns im Einkaufszentrum: Zwei der drei Aufzüge waren außer Betrieb. Wer mit seinem voll beladenen Einkaufswagen in die Tiefgarage hinunter fahren wollte, musste lange anstehen. Blöde Situation, aber bedeutungslos. Dachte ich jedenfalls. Meine Mitmenschen teilten diese Haltung überwiegend nicht. Während ich mit meinen Einkäufen vor dem Aufzug anstand, hörte ich einen Mann hinter mir minutenlang vor sich hin schimpfen. Ein anderer war von der Situation so gestresst, dass er beim Einsteigen seinen mittelgroßen Hund heftig an der Leine riss. Das arme Tier fiel dabei gleich zweimal nacheinander auf den Rücken. Im ersten Untergeschoss stieg eine Dame zu, obwohl sie gar nicht wie ich ins zweite Tiefgeschoss wollte, ihr Ziel war vielmehr das Obergeschoss. Es kam ihr nur darauf an, sich einen Platz im Aufzug zu sichern. Dafür war sie bereit, sinnlos auf und ab zu fahren. Als ich schließlich bei meinem Auto ankam und meine Tüten einlud, wunderte ich mich, woher die Bezeichnung „Homo sapiens“ eigentlich kommt. Nach dieser Erfahrung schien sie mir wenig zutreffend zu sein.

Ich frage mich ernsthaft, warum diese Menschen so heftig auf defekte Aufzüge reagieren. Ich für meinen Teil gebe solch kleinen Unannehmlichkeiten keine Macht über mich. Ich erlaube ganz einfach nicht, dass derartige Dinge Einfluss auf meine Stimmung und meine Gedanken nehmen. Es ist ganz normal, dass im Alltag nicht alles rundläuft. Es existiert schließlich kein Recht auf funktionierende Aufzüge. Wozu also die Aufregung?! Sparen wir uns die Kraft lieber für Dinge, die unserer Aufmerksamkeit wert sind! Wir sollten bewusst entscheiden, welche Bedeutung einzelne Erfahrungen für uns besitzen. Ich jedenfalls weiß sehr genau, wo meine Prioritäten liegen.

 

Verfluchte segensreiche Gewohnheiten

Als Kind trug ich immer ein Korsett aus Langeweile. Meine Mutter, die kriegsbedingt während ihrer eigenen Kindheit schwere Traumata erlitten hatte, pflegte zahlreiche Gewohnheiten. Sie sollten ihr das Leben überschaubar und kontrollierbar machen. Es gab eine Zeit für alles. Der Tag war bestimmt durch immer wiederkehrende Abläufe, die nichts und niemand stören durfte. Meiner Mutter schenkte ein derart geregelter Tagesablauf Sicherheit. Ihre Gewohnheiten bildeten die Schuppen ihres Schutzpanzers gegen die Unwägbarkeiten und Gefahren des Lebens. Sie vermittelten ihr die Illusion, die Dinge im Griff zu haben.

Ich selbst jedoch erlebte als Kind und später erst recht als Jugendliche die mütterlichen Gewohnheiten als puren Freiheitsentzug. Sie waren der Inbegriff von Fremdbestimmung und Fadheit. Ich nutzte die erste gute Gelegenheit, um ein anderes Leben zu beginnen, eines mit viel Abwechslung und täglichen Abenteuern. Letzten Endes habe ich die Abneigung gegen jede Gefangennahme durch Regeln so sehr verinnerlicht, dass ich dabei doch tatsächlich blind geworden bin gegenüber den Segnungen guter Gewohnheiten.

Heute denke ich, dass ich zu wenig gute Gewohnheiten pflege. Sie könnten zu meiner Entlastung beitragen, indem sie mir zahllose Entscheidungen ersparten, sodass ich mehr Zeit und Kraft hätte für all meine abenteuerlichen beruflichen Unternehmungen oder andere lohnenswerte Dinge. Vielleicht gelingt es mir ja, in Zukunft eine neue Regelmäßigkeit zu etablieren, die mir nützlich ist, weil sie Energie spart und auf diese Weise meine Möglichkeiten erhöht und meine Freiräume vergrößert. Ich bin sehr für Freiheit.

Inzwischen habe ich erkannt, dass es sich mit Gewohnheiten verhält wie mit vielen anderen Dingen, zum Beispiel der Partnerschaft: Man kann sich behaglich darin einrichten, darf sich aber bloß nicht einschließen und dann womöglich noch die Schlüssel wegwerfen… Da hilft nur eines: Achtsam sein und Gewohnheiten immer wieder einmal auf ihren Nutzen hin überprüfen. Was nicht gut tut, muss weg!