Wo bleibt die Würde?

Diese Woche habe ich mich mit einem Handwerker herumgeschlagen, der bis Ende April einen Auftrag in meinem Geschäftshaus ausführen sollte. Diesen Auftrag hatte er bereits im Januar erhalten, sodass er ausreichend Gelegenheit zur Planung der Arbeiten gehabt hätte. Die hat er jedoch nicht genutzt und ist nun tüchtig in Verzug geraten, was einige Unannehmlichkeiten hervorruft. Ich habe ihn deswegen zur Rede gestellt. Seine Rechtfertigung war erbärmlich. Sie lautete ganz einfach: „Ich kann nichts dafür!“ Die Schuld schob er auf einen Kollegen, der die Arbeit verzögert habe.

Zum einen stimmt das ganz einfach nicht. Der Kollege hat nachweislich gut und fristgerecht gearbeitet. Außerdem war es genau dieser Kollege, dem mein herumbummelnder Handwerker seinen Auftrag letztendlich zu verdanken hat. Er weigert sich also nicht nur, die Verantwortung für seine Bummelei zu übernehmen und dafür gerade zu stehen, sondern er verhält sich darüber hinaus auch noch illoyal und undankbar.

Diese Beobachtung hat mich wieder einmal darüber nachdenken lassen, was mir persönlich an anderen Menschen am wichtigsten ist und wofür ich sie hoch oder gering schätze. Ich bewundere Sachkenntnis und Expertenstatus. Ein brillanter Geist oder handfestes Können nötigen mir Respekt ab. Aber noch mehr Respekt empfinde ich gegenüber Menschen mit gutem Charakter und Rückgrat. Ich schwärme für Menschen, die Würde besitzen, sich erwachsen verhalten und anderen mit Wohlwollen begegnen. Nach solchen Menschen halte ich Ausschau, mit ihnen möchte ich mich umgeben, unabhängig davon, über welches Können sie verfügen oder welchen gesellschaftlichen Status sie besitzen. Leider wird der Charakterbildung in unserer Gesellschaft vergleichsweise wenig Sorgfalt gewidmet. Ich schließe mich mit Überzeugung denjenigen an, die kritisch anmerken, dass wir zur Zeit die falschen Werte kultivieren.

 

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