Wie sehr sind wir verantwortlich für unser Handeln?

Irgendwann im vergangenen Herbst bin ich mit einer Kursteilnehmerin während der Veranstaltung aneinander geraten. Sie vertrat die feste Überzeugung, man müsse alten Menschen alles nachsehen und dürfe sie nicht für ihr Verhalten zur Rechenschaft ziehen, weil sie ja alt und dem Tod so nahe sind. Ich habe heftig widersprochen. Solange ein erwachsener Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, darf man ihm die Folgen seines Verhaltens zumuten. Wer sich also beispielsweise im hohen Alter sozial unverträglich verhält, muss damit rechnen, dass man seine Gesellschaft meidet. Darin sehe ich nichts Unmoralisches, keinen Mangel an Respekt gegenüber dem Alter. Im Gegenteil: Jemandem allein wegen seines hohen Alters alles nachzusehen, zeugt meiner Ansicht nach von einem Mangel an Respekt. Denn man nimmt den alten Menschen auf diese Weise nicht mehr ernst. Man setzt sich mit ihm nicht mehr auseinander. Damit nimmt man ihm das lebendige Gegenüber. Eine schreckliche Vorstellung!

Ich habe versucht, meiner Teilnehmerin die Absurdität ihrer Haltung aufzuzeigen, indem ich weiter argumentiert habe, wer einem Menschen aufgrund seines Alters alles durchgehen lasse, müsse dann konsequenterweise auch einem körperlich Behinderten alles nachsehen. Und wie furchtbar ich es mir vorstelle, als behinderter Mensch nicht für voll genommen zu werden. An dieser Stelle war die Diskussion dann beendet, denn zufällig war eine der anwesenden Teilnehmerinnen körperlich schwer behindert. Diese Frau wurde danach zu einer treuen Kundin, die viele Male bei meinen Veranstaltungen dabei war. Wir haben uns gut verstanden, auch wenn sie aufgrund einer Störung ihres Sprachzentrums große Mühe hatte, sich zu artikulieren. Wir mochten und respektierten einander.

Heute Nacht hat mich ein gemeinsamer Bekannter informiert, dass sie unerwartet gestorben ist. Ich bin sehr traurig darüber aber auch sehr froh, sie gekannt zu haben.

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