Stroh zu Gold

Ich hätte wirklich Grund, mich so richtig zu ärgern! Vor über zwei Monaten habe ich mein neues Buchmanuskript abgeliefert und wurde sechs Wochen später von der Lektorin aufgefordert, das Manuskript um 12 Seiten zu kürzen, weil es zu lang geraten sei. Das habe ich getan und es hat mich fast zwei ganze Arbeitstage gekostet. Einen Fließtext zu kürzen und dabei nichts vom Inhalt wegzunehmen, das ist eine echte Herausforderung. Aber meine Lektorin war sehr zufrieden und ich hielt die Angelegenheit damit für erledigt.

Gestern schrieb mir dann der hauptverantwortliche Lektor, mein Manuskript sei definitiv zu kurz und er bat darum, die vielen leeren Seiten zu füllen. Zuerst empfand ich große Überraschung und danach wurde ich richtig wütend. Es ist doch kaum zu glauben, dass ein so renommierter Verlag nicht in der Lage ist, die Länge eines Manuskripts zutreffend zu beurteilen! Wozu gibt es denn Formatvorlagen?! Ich beschloss jedoch, mich erst mal nicht allzu sehr aufzuregen und die Angelegenheit auf den kommenden Tag zu verschieben.

Heute früh betrachtete ich die Sache mit neuen Augen. Ich könnte mir natürlich die Sache vereinfachen, indem ich die ganzen Kürzungen wieder rückgängig mache. Aber ich könnte ebenso gut die leeren Seiten mit ganz neuen Inhalten füllen, mein Manuskript also inhaltlich erweitern. Das böte dem Leser einen Mehrwert und würde das Buch noch besser machen. Das Ärgernis wird zur Chance. Und diese Möglichkeit gefällt mir. Schließlich geht es nicht darum, mich über die Fehler zu ärgern, die irgendwer im Verlag gemacht hat. Es geht auch nicht darum, den Schuldigen zu finden und ihm Vorwürfe zu machen. Es zählt nur eines: mein Ziel! Ich will ein gutes Buch veröffentlichen, weiter nichts. Das ist alles, worauf es mir ankommt. Inzwischen habe ich schon den ersten neuen Abschnitt verfasst und es geht mir sehr gut damit.

Die Episode zeigt mal wieder eines ganz deutlich: Wir haben die Wahl, ob wir die Dinge für oder gegen uns arbeiten lassen. Was auf den ersten Blick negativ erscheint, kann ein Glücksfall sein. Es kommt ganz auf den Blickwinkel an und den bestimmen wir immer selbst.

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