Archiv für den Monat: Mai 2014

Wie ein Bulldozer

Diese Woche habe ich das Gefühl, dass mir meine Aufgaben über den Kopf wachsen. Es gibt sehr viel zu tun und leider läuft auch nicht alles rund. Neulich bin ich deswegen nachts aufgewacht und habe darüber nachgedacht, wie ich den kommenden Tag am besten nutzen könnte. Ganz schlecht! Die Nachtruhe darf nicht unter dem Tagesgeschäft leiden und wenn wir so richtig eingespannt sind, ist es erst recht wichtig, genug zu schlafen. Also was tun?

Als erstes habe ich mir die Erlaubnis gegeben, mir so viel Zeit zu geben, wie ich eben brauche. Das hat dann auch mein Lektor letzten Endes akzeptiert. Mehr als arbeiten geht nicht. Anschließend habe ich mich auf die Dinge konzentriert, die sowohl wichtig als auch eilig sind. Nur die sind für den Augenblick von Bedeutung. Ich arbeite kontinuierlich daran, setze mich aber nicht unter Druck. Ich vergleiche mich selbst in solchen Situationen gern mit einem Bulldozer: Langsam und stetig kann er sehr viel bewegen. Ich habe meine Ziele fest im Blick und bleibe unbeirrbar dran. Das sture Vorwärtsgehen bringt große Erfolge und schlafen kann ich auch wieder gut. Er stimmt eben doch, dieser Spruch: „Leben heißt unterwegs zu sein und nicht, möglichst schnell anzukommen.“

Wie sehr sind wir verantwortlich für unser Handeln?

Irgendwann im vergangenen Herbst bin ich mit einer Kursteilnehmerin während der Veranstaltung aneinander geraten. Sie vertrat die feste Überzeugung, man müsse alten Menschen alles nachsehen und dürfe sie nicht für ihr Verhalten zur Rechenschaft ziehen, weil sie ja alt und dem Tod so nahe sind. Ich habe heftig widersprochen. Solange ein erwachsener Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte ist, darf man ihm die Folgen seines Verhaltens zumuten. Wer sich also beispielsweise im hohen Alter sozial unverträglich verhält, muss damit rechnen, dass man seine Gesellschaft meidet. Darin sehe ich nichts Unmoralisches, keinen Mangel an Respekt gegenüber dem Alter. Im Gegenteil: Jemandem allein wegen seines hohen Alters alles nachzusehen, zeugt meiner Ansicht nach von einem Mangel an Respekt. Denn man nimmt den alten Menschen auf diese Weise nicht mehr ernst. Man setzt sich mit ihm nicht mehr auseinander. Damit nimmt man ihm das lebendige Gegenüber. Eine schreckliche Vorstellung!

Ich habe versucht, meiner Teilnehmerin die Absurdität ihrer Haltung aufzuzeigen, indem ich weiter argumentiert habe, wer einem Menschen aufgrund seines Alters alles durchgehen lasse, müsse dann konsequenterweise auch einem körperlich Behinderten alles nachsehen. Und wie furchtbar ich es mir vorstelle, als behinderter Mensch nicht für voll genommen zu werden. An dieser Stelle war die Diskussion dann beendet, denn zufällig war eine der anwesenden Teilnehmerinnen körperlich schwer behindert. Diese Frau wurde danach zu einer treuen Kundin, die viele Male bei meinen Veranstaltungen dabei war. Wir haben uns gut verstanden, auch wenn sie aufgrund einer Störung ihres Sprachzentrums große Mühe hatte, sich zu artikulieren. Wir mochten und respektierten einander.

Heute Nacht hat mich ein gemeinsamer Bekannter informiert, dass sie unerwartet gestorben ist. Ich bin sehr traurig darüber aber auch sehr froh, sie gekannt zu haben.

Stroh zu Gold

Ich hätte wirklich Grund, mich so richtig zu ärgern! Vor über zwei Monaten habe ich mein neues Buchmanuskript abgeliefert und wurde sechs Wochen später von der Lektorin aufgefordert, das Manuskript um 12 Seiten zu kürzen, weil es zu lang geraten sei. Das habe ich getan und es hat mich fast zwei ganze Arbeitstage gekostet. Einen Fließtext zu kürzen und dabei nichts vom Inhalt wegzunehmen, das ist eine echte Herausforderung. Aber meine Lektorin war sehr zufrieden und ich hielt die Angelegenheit damit für erledigt.

Gestern schrieb mir dann der hauptverantwortliche Lektor, mein Manuskript sei definitiv zu kurz und er bat darum, die vielen leeren Seiten zu füllen. Zuerst empfand ich große Überraschung und danach wurde ich richtig wütend. Es ist doch kaum zu glauben, dass ein so renommierter Verlag nicht in der Lage ist, die Länge eines Manuskripts zutreffend zu beurteilen! Wozu gibt es denn Formatvorlagen?! Ich beschloss jedoch, mich erst mal nicht allzu sehr aufzuregen und die Angelegenheit auf den kommenden Tag zu verschieben.

Heute früh betrachtete ich die Sache mit neuen Augen. Ich könnte mir natürlich die Sache vereinfachen, indem ich die ganzen Kürzungen wieder rückgängig mache. Aber ich könnte ebenso gut die leeren Seiten mit ganz neuen Inhalten füllen, mein Manuskript also inhaltlich erweitern. Das böte dem Leser einen Mehrwert und würde das Buch noch besser machen. Das Ärgernis wird zur Chance. Und diese Möglichkeit gefällt mir. Schließlich geht es nicht darum, mich über die Fehler zu ärgern, die irgendwer im Verlag gemacht hat. Es geht auch nicht darum, den Schuldigen zu finden und ihm Vorwürfe zu machen. Es zählt nur eines: mein Ziel! Ich will ein gutes Buch veröffentlichen, weiter nichts. Das ist alles, worauf es mir ankommt. Inzwischen habe ich schon den ersten neuen Abschnitt verfasst und es geht mir sehr gut damit.

Die Episode zeigt mal wieder eines ganz deutlich: Wir haben die Wahl, ob wir die Dinge für oder gegen uns arbeiten lassen. Was auf den ersten Blick negativ erscheint, kann ein Glücksfall sein. Es kommt ganz auf den Blickwinkel an und den bestimmen wir immer selbst.

Blick ins Grüne

Gerade schrieb mir mein Kollege, Hans-Georg Willmann, wie sehr er sich für den Frühling begeistert und die unterschiedlichen Grüntöne der Bäume. Seine Worte ließen mich sofort an eine Situation denken, die ich gestern in meinem Institut erlebt habe:

Ich war nervös, unruhig und ein bisschen aufgeregt. Es stand ein wichtiger Termin an. Während ich auf meinen Geschäftspartner wartete, der im Verkehr stecken geblieben war, konnte ich spüren, wie meine Unruhe wuchs. Für mich, die ich meist die Ruhe selbst bin, ein ungewöhnlicher Zustand. Mir lag viel daran, ihn so schnell wie möglich zu beenden. Wie zufällig fiel mein Blick durch das hintere Fenster meines Beratungszimmers. Dort gibt es viel Grün, man sieht nichts anderes als Blätter. Dicht an der Hauswand steht ein alter Fliederbusch mit sehr langen Ästen. Die Blätter sind hell, die Blütendolden zartlila und duftig. Augenblicklich veränderte sich meine Befindlichkeit. Ich fühlte mich schlagartig entspannt, so als hätte jemand die Nervosität einfach ausgeknipst. Ich war selbst überrascht, wie plötzlich diese Veränderung eintrat.

Dass Grün eine starke Wirkung auf uns hat, ist bereits vielfach erforscht. So gab es beispielsweise in großzügig bepflanzten Siedlungsgebieten mit reichlich Büschen und Bäumen 48% weniger Eigentumsdelikte und 52% weniger Gewaltdelikte als in vergleichbaren Siedlungen ohne Grünanlagen. Die Forscher erklären sich diesen Effekt damit, dass Grün die Stimmung verbessert und damit die Lust auf antisoziales Verhalten bremst. Am beeindruckendsten fand ich eine Studie, in der man belegen konnte, dass eine Grünpflanze auf dem Schreibtisch die Kreativität fördert. Super! Ich habe nämlich einen ganzen Garten voller Grünpflanzen und geh jetzt mal ein bisschen nachdenken….

Wo bleibt die Würde?

Diese Woche habe ich mich mit einem Handwerker herumgeschlagen, der bis Ende April einen Auftrag in meinem Geschäftshaus ausführen sollte. Diesen Auftrag hatte er bereits im Januar erhalten, sodass er ausreichend Gelegenheit zur Planung der Arbeiten gehabt hätte. Die hat er jedoch nicht genutzt und ist nun tüchtig in Verzug geraten, was einige Unannehmlichkeiten hervorruft. Ich habe ihn deswegen zur Rede gestellt. Seine Rechtfertigung war erbärmlich. Sie lautete ganz einfach: „Ich kann nichts dafür!“ Die Schuld schob er auf einen Kollegen, der die Arbeit verzögert habe.

Zum einen stimmt das ganz einfach nicht. Der Kollege hat nachweislich gut und fristgerecht gearbeitet. Außerdem war es genau dieser Kollege, dem mein herumbummelnder Handwerker seinen Auftrag letztendlich zu verdanken hat. Er weigert sich also nicht nur, die Verantwortung für seine Bummelei zu übernehmen und dafür gerade zu stehen, sondern er verhält sich darüber hinaus auch noch illoyal und undankbar.

Diese Beobachtung hat mich wieder einmal darüber nachdenken lassen, was mir persönlich an anderen Menschen am wichtigsten ist und wofür ich sie hoch oder gering schätze. Ich bewundere Sachkenntnis und Expertenstatus. Ein brillanter Geist oder handfestes Können nötigen mir Respekt ab. Aber noch mehr Respekt empfinde ich gegenüber Menschen mit gutem Charakter und Rückgrat. Ich schwärme für Menschen, die Würde besitzen, sich erwachsen verhalten und anderen mit Wohlwollen begegnen. Nach solchen Menschen halte ich Ausschau, mit ihnen möchte ich mich umgeben, unabhängig davon, über welches Können sie verfügen oder welchen gesellschaftlichen Status sie besitzen. Leider wird der Charakterbildung in unserer Gesellschaft vergleichsweise wenig Sorgfalt gewidmet. Ich schließe mich mit Überzeugung denjenigen an, die kritisch anmerken, dass wir zur Zeit die falschen Werte kultivieren.