Zeit für mich

Ostern ist ein klassisches Familienfest und in diesem Jahr waren wir 16 Personen hier im Haus. Für mich als Gastgeberin eine Herausforderung mit vielen Facetten. Allein die logistischen Aufgaben kosteten mich einige Überlegung. Das Fest selbst war ein großer Erfolg. Alle haben sich wohlgefühlt und gut miteinander harmoniert. Beim Essen (ich habe 23! verschiedene Speisen angeboten) konnte jeder etwas Leckeres für sich finden, auch die Gäste mit speziellen Bedürfnissen fühlten sich gut versorgt. Ich habe alles genossen: die Gespräche, den Anblick meiner großen Familie, das schöne Osterwetter und ja: ich war auch stolz, solch ein gelungenes Fest alleine organisiert und vorbereitet zu haben. Am darauffolgenden Tag ging die Arbeit weiter. Drei Personen hatten sich zur Übernachtung angekündigt.

Während meiner Arbeit wurde mir plötzlich bewusst, dass ich die ganze Zeit mit Essen beschäftigt war. Ohne nachzudenken stopfte ich mir allerlei in den Mund. Es handelte sich um ein automatisiertes Konsumverhalten ohne Genuss. Ich stutzte und wunderte mich. Bis mir klar wurde, dass ich mich im Bemühen um die anderen selbst aus den Augen verloren hatte. Ich hatte die Wahrnehmung meiner eigenen Bedürfnisse einfach ausgeknipst. Das Essen war ein Ersatz für die Zuwendung, die ich mir selbst hätte geben sollen. Nach mehreren Tagen im pausenlosen Einsatz für die Familie wusste sich mein vernachlässigtes Ich nicht anders zu helfen. Hätte ich während meiner Arbeit für die Gäste wenigstens hier und da in Ruhe einen Tee im Garten getrunken, mich vielleicht zur Erholung ein Weilchen in mein Zimmer zurückgezogen, wäre das nicht passiert.

Die kleine Episode hat mir mal wieder deutlich vor Augen geführt, wie wichtig es ist, sich nicht komplett zu funktionalisieren und immer ein wenig Zeit mit sich selbst zu verbringen. Denn dann bleiben wir in gutem Kontakt mit uns selbst. „In der Einsamkeit sind wir am wenigsten allein“, wusste schon Lord Byron.

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